Der Tod der Atom-Renaissance

Ein Jahr nach Fukushima: Die Atomlobby will glauben machen, dass alles so weiter gehen wird wie bisher. Die Faktenlage ist eine andere. Auftragsstornierungen, Massenabschaltungen und explodierende Kosten haben die Atomkraft weltweit nun auch faktisch zu dem gemacht, was sie seit Jahren ist: ein Auslaufmodell. 

Von Nick Reimer

Als es zur Abstimmung kam, standen vier Stimmen gegen eine. Zum ersten Mal seit 1978 hat die Nuclear Regulatory Commission (NRC), die US-Regulierungsbehörde, im Februar dem Bau von zwei neuen Atomreaktoren zugestimmt. Der Energiekonzern Southern Company erhielt die Lizenz, sein bestehendes Atomkraftwerk Vogtle im Bundesstaat Georgia im Südosten der USA zu erweitern. 14 Milliarden Dollar oder 10,5 Milliarden Euro sollen investiert werden, die Reaktoren 2016 und 2017 ans Netz gehen.


Das Atomkraftwerk Alvin W. Vogtle im Bundesstaat Georgia im Südosten der USA. Die bereits bestehenden Blöcke 1 und 2, komfortabel mit Laufzeiten bis 2047 beziehungsweise 2049 ausgestattet, sollen nun erweitert werden. Es ist die erste Genehmigung für einen Atomneubau in den USA seit dem GAU von Harrisburg vor 29 Jahren. (Foto: NRC / Wikimedia Commons)

"Dies ist ein historischer Tag", jubelte Marv Fertel, Präsident des Nuclear Energy Institute, einem Think Tank der US-Atomlobby. 29 Jahren nach dem GAU von Harrisburg steht in der energiehungrigsten Nation der Welt eine "Renaissance der Atomkraft" an – wie der Focus titelte. Der Regulierungsbehörde liegen 20 weitere Anträge auf neue Reaktoren vor, US-Präsident Barack Obama stellte staatliche Kredite für den Bau in Aussicht.

Fukushima? War da was?

Rund um den Globus scheint dem GAU zum Trotz die Atomkraft alles andere als ein Auslaufmodell. Der nächste Reaktor dürfte in wenigen Wochen im südindischen Kudankulam in Betrieb gehen, seit 2002 baut hier Russland einen 1.000 Megawatt-Druckwasserreaktor der Baureihe WWER 1000/412. Noch in diesem Jahr soll der nächste Reaktor ans indische Netz geschaltet werden, und dann in Jahresschritten immer so weiter. Der Energiehunger des Subkontinentes ist riesig, insgesamt zwölf Reaktoren orderte die Nuclear Power Corporation of India in Russland bis 2020.

Jedes Jahr ein paar neue Kraftwerke? 

Ähnlich energiehungrig ist das aufstrebende Brasilien. Lula, der frühere Präsident, hatte eine atomare Versorgungs-Strategie festgezurrt, die vier neue Reaktoren bis 2025 vorsieht, zwei im Nordosten, zwei im Südosten. "Angra 3" soll als erster Neu-Reaktor ab 2016 Strom produzieren. Vietnam will 2014 sein erstes Atomkraftwerk bauen. Indonesien setzt auf südkoreanische Technologie, 2016 sollen die Reaktoren Muria 1 und Muria 2 auf Java ans Netz. Pakistan will sich chinesischer Partnerschaft bedienen. Das Land verfügt über bislang drei kleinere Reaktoren, die 2,4 Prozent des Stromangebots liefern. Mindestens verdoppelt werden soll das Atomstrom-Angebot im Land.


Das brasilianische Atomkraftwerk Angra, zwischen Rio de Janeiro und Sao Paulo gelegen und bislang bestehend aus zwei Blöcken, soll um einen Block erweitert werden, Angra 3. (Foto: www.eletronuclear.gov.br)

Malaysia, auf den Philippinen, in Russland: Überall laufen Planspiele, nach denen in den kommenden Jahren neue Atomkraftwerke entstehen.

So weit weg braucht man gar nicht zu gehen. Auch Polen setzt auf Atomkraft. Gemäß der europäischen Umweltgesetzgebung waren zwar bis Ende Februar Einwendungen auch aus Deutschlands gegen das polnische Atomprogramm Polskiej Energetyki Jądrowej möglich, an den Plänen des Nachbars im Osten ändern wird dies wohl nicht. 

Nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 hatte Polen sein Atomprogramm zunächst aufgegeben. Um in Zeiten des Klimaschutzes von der Kohle weg zu kommen – 94 Prozent des polnischen Stromes werden in Kohlekraftwerken produziert – sind nun zwei Atomkraftwerke mit einer Leistung von jeweils 3.000 Megawatt geplant. Drei Küstenorte an der Ostsee kamen in die engeren Auswahl: Zarnowiec, Choczewo und Gaski. Der Auftrag soll demnach noch vor Jahresende ausgeschrieben werden, damit der erste Reaktor 2020 ans Netz geschaltet werden kann.

Stell dir vor, es ist der erste Jahrestag von Fukushima – und alle Welt baut Atomkraftwerke!


Bauruine des nie fertiggestellten Atomkraftwerks Zarnowiec in Polen, an der Ostseeküste. Nun ist Zarnowiec als möglicher Standort für die beiden geplanten Atomblöcke im Gespräch. (Foto: Jan Jerszyński / Wikimedia Commons)

Überall laufen die Projekte nach dem selben Muster. "Der 1971 gebaute Reaktorentyp von Fukushima ist nicht zu vergleichen mit der neuesten Technologie, die bei uns zum Einsatz kommt", sagt beispielsweise der türkische Energieminister Taner Yildiz. Im Mai 2010 hatte die Türkei ein Abkommen mit dem russischen Staatskonzern Atomstroiexport unterzeichnet, nach dem 2013 Baubeginn an der Mittelmeerküste in Akkuyu sein soll. 

"Ich kann garantieren, dass in Brasilien niemals das passiert, was in Tschernobyl passiert ist. Niemals", erklärte Brasiliens Staatschef Lula gegenüber dem Spiegel. Der Präsident der Ukraine, Viktor Janukowitsch, schrieb in einem Gastbeitrag für den Berliner Tagesspiegel: "Die modernen Systeme der automatisierten Steuerung minimieren heutzutage die Möglichkeit menschlichen Versagens." Er glaube "auch im Rückblick auf die Tragödie von Tschernobyl fest an die Zukunft der Atomenergie". Mindestens vier neue Blöcke sind im zweitgrößten Land Europas geplant.

Atomkraft also "im Vormarsch"?

Zumindest hieß es – reichlich unbeholfen – so in einer Annonce des "Informationskreises Kernenergie" im Jahr 1997. In den 28 Staaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD arbeiteten 1997 demnach 357 Atomreaktoren. "13 sind im Bau, vier fest bestellt, 31 Anlagen geplant", hieß es im Anzeigentext. Die Atomstromproduktion in den Mitgliedstaaten der OECD werde "bis zum Jahr 2010 voraussichtlich weiter um rund 13 Prozent zunehmen".

"Ich kann garantieren, dass niemals etwas passiert."

Tatsächlich aber waren zum Jahresbeginn 2010 in den OECD-Staaten lediglich 340 Reaktoren am Netz – 17 weniger als zum Zeitpunkt der Anzeige 1997.

Die Bilanz wäre noch peinlicher ausgefallen, hätten nicht osteuropäische Atomstromländer wie die Slowakei oder Slowenien durch ihre OECD-Beitritte zusätzliche Reaktoren in die Statistik eingebracht. Als "fest vereinbart" wurden 2010 nur noch 24 Neureaktoren geführt. Irgendwie schien der "Vormarsch" der Atomkraft ins Stocken geraten zu sein.


Vom einstigen Vorzeigeprojekt zum Milliardengrab: Der geplante Reaktor im finnischen Olkiluoto wird nicht fertig, nur immer teurer. (Foto: atomforum.ch)

Wesentlichen Gründe dafür lassen sich eindrucksvoll am europäischen Vorzeigeprojekt EPR studieren. Als die Anzeige des "Informationskreises Kernenergie" vor 15 Jahren erschien, hatten die beiden führenden Atomkonzerne Europas – Siemens und Areva – ihren "European Pressurized Water Reactor" gerade zur Einsatzreife entwickelt. Der neuartige, als wesentlich sicherer gepriesene Reaktor sollte im finnischen Olkiluoto gebaut werden. Areva/Siemens verkauften den Finnen ihren Wunderreaktor schlüsselfertig für 3 Milliarden Euro, die "kommerzielle Inbetriebnahme" war auf Mitte 2009 terminiert. 1998 reichte der Bauherr TVO den Umweltverträglichkeitsbericht ein.

Es folgte ein gigantisches Debakel. 2008 schlugen die Baukosten bereits mit 4,5 Milliarden Euro zu Buche, im Jahr der geplanten "Schlüsselübergabe" waren es schon 5,47 Milliarden. Aber an einen Schlüssel war noch lange nicht zu denken. Aktuell geht Areva davon aus, den Reaktor vielleicht im Jahr 2014 betriebsfertig zu bekommen. Die Kosten sind mittlerweile auf 6,6 Milliarden Euro explodiert – und das, obwohl heraus gekommen ist, dass auf der Baustelle polnische Bauarbeiter für 2 Euro Stundenlohn schuften mussten. Ein Ausschuss der Französischen Nationalversammlung befasst sich derzeit mit dem Skandal.

Gewinne nur mit Erneuerbarer Energie

Areva selbst muss in seinem Geschäftsjahr Nr.1 nach Fukushima einen beispiellosen Gewinneinbruch verkaften: 2,42 Milliarden Euro. Neben Abschreibungen auf eine afrikanische Uranmine musste der französische Staatskonzern Auftrags-Stornierungen mit einem Volumen von insgesamt 464 Millionen Euro hinnehmen.Vor Fukushima hatte Areva noch einen Gewinn von 883 Millionen Euro erzielt. Geld verdiente Areva 2011 lediglich in seinem noch jungen Geschäftsfeld "Erneuerbare Energien". 

Ungewiss ist außerdem, wie der Streit um die Mehrkosten im finnischen EPR-Abenteuer ausgeht. Derzeit versucht der Konzern die Kosten auf den finnischen Auftraggeber zu wälzen. Begründung unter anderem: Die Sicherheitsanforderungen seien während des Baus immer weiter nach oben geschraubt worden.

Zu unsicher, zu langwierig, zu kostspielig – nicht der politische Wille setzt der Atomkraft weltweit zu, sondern das gigantische und unüberschaubare Investment. Die Kosten für die 6.000 Megawatt Atomleistung in Polen werden mit einhundert Milliarden Zloty veranschlagt - rund 22,2 Milliarden Euro. In den USA wird inzwischen mit 15 Milliarden Euro für die neuen Blöcke in Vogtle gerechnet. Der Staat hat Bürgschaften über mehr als 8 Milliarden Dollar zugesagt, die Entsorgungskosten des atomaren Mülls sind dabei noch nicht mitberücksichtigt.


Fukushima, am Tag nach dem Super-GAU. Seitdem sprechen sich immer mehr Menschen gegen Atomkraft aus. (Foto: US Navy)

Dazu kommt, dass sich die Stimmung des Wahlvolkes deutlich gewandelt hat. In einer Umfrage hatte das Marktforschungsinstitut Ipsos im Auftrag von Reuters News Menschen aus 24 Ländern nach deren Meinung zur Atomkraft befragt – hauptsächlich aus Industriestaaten. Ergebnis: Nur in Indien, Polen und den USA gibt es eine knappe Mehrheit für die Energiegewinnung durch Kernspaltung.

Am deutlichsten sprechen sich die Deutschen, Italiener, Südkoreaner und Mexikaner gegen die Atomkraft aus. In diesen Länder unterstützt nur jeder fünfte Bürger die Kerntechnik. Selbst in Frankreich ist nur noch jeder Dritte dafür. So verwundert nicht, dass sich Politiker plötzlich auch ungefragt gegen die Atomkraft aussprechen. Der thailändische Ministerpräsident Abhisit Vejjajiva etwa ließ wenige Tage nach den Wasserstoffexplosionen in Fukushima mitteilen, er sei schon immer gegen Atomkraftwerke gewesen.

Noch im April vergangenen Jahres befürwortete die deutliche Mehrheit der Japaner die Atomkraft. "Die Stimmung hat sich gewandelt", sagt Florian Coulmas, Direktor des Deutschen Institutes für Japanstudien in Tokio. "Heute lehnen 65 bis 70 Prozent der Japaner die Atomkraft ab". Immer mehr Enthüllungen über das chaotische Krisenmanagement hätten an die einstige Stelle des Vertrauens einen tiefen Missmut gepflanzt. Coulmas: "Die Stimmung ist nicht gut, weil es an Perspektiven fehlt. Unter dem Führungspersonal im Land gibt es niemanden, der in der Lage wäre zu sagen: Da geht es lang!"

Die Statistik gerät durcheinander

Mittlerweile sind 52 von 54 Reaktoren in Japan abgeschaltet. Zwar drängt die Regierung darauf, die Reaktoren nach einem erfolgreichen Stresstest schnell wieder anzufahren. Vor allem aber in den ländlichen Präfekturen sperren sich die Verantwortlichen gegen diese Anweisung. Seit Fukushima können sich die lokalen Regierungen nicht mehr leisten, die Ängste der Bevölkerung einfach zu ignorieren.

So geriet nach Fukushima die ganze schöne Statistik des "Informationskreises Kernenergie" durcheinander. Zu den 52 zerstörten oder abgeschalteten japanischen AKW kommen die acht deutschen. Zudem wurden Ende Februar altersbedingt zwei Reaktoren im britischen Oldbury abgeschaltet. Macht noch 278 Reaktoren, die in den OECD-Mitgliedstaaten laufen - 79 weniger als 1997.

In einem Prognos-Gutachten im Auftrag des Bundesamts für Strahlenschutz hieß es bereits 2009: "Wir erwarten bis zum Jahr 2030 keine Renaissance der Kernenergienutzung. Vielmehr werden die altersbedingten Abschaltungen dazu führen, dass die Zahl der Reaktoren deutlich zurückgeht." Was die Gutachter allerdings bereits lange vor Fukushima bilanzierten, ist eine "Zunahme der Ankündigungen von Kernkraftwerken".


In unserer Serie bislang erschienen:

Die Leiden der 50 - Tschernobyl und die Strahlenkrankheit
Protestfahrplan gegen die Atomkraft - wo was "abgehen" soll
24.000 Jahre Verstrahlung - ein Standpunkt von Franz Alt
1.000fach erhöhte Messwerte - Greenpeace misst vor Ort
Der GAU als Dauerzustand - eine Zustandsaufnahme der Reaktoren
Merkel: Atom-Ausstieg war richtig - Videobotschaft der Kanzlerin
Die Radiokativität entfernen - Japans Gedenken an die Opfer

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