Das Internet-Zeitalter der Energie
Smart Grid, smart Watt, smart Meter: In Berlin diskutiert ein Kongress den Umbau der vorhandenen Stromnetze hin zu intelligenten Energiesystemen. Der Schlüssel dazu sind die modernen Informations- und Kommunikationstechnologien. Künftig sollen Kraftwerke genauso wie Verbraucher übers Internet angesteuert werden.
Aus Berlin Nick Reimer
Bislang funktionierte die Stromversorgung so: Irgendwo steht ein großes Kraftwerk, dass über die Hochspannungsleitungen den Strom zu den Städten transportiert. Über Umspannwerke wird er dort in das Verteil-Stromnetzen an die Kunden geliefert. Die künftige Stromversorgung geht quasi andersrum. Auf den Feldern der Bauern stehen Windräder, auf den Dächern der Kunden Solaranlagen, in den Kommunen Biomasse-Kraftwerke, die ihren Strom ins Verteilnetz einspeisen, der dann über die Hochspannungsleitungen transportiert wird. "Dafür brauchen wir intelligente Netze", erläuterte Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) am Donnerstag in Berlin. Sozusagen Stromnetze, die in beide Richtungen "denken" können.

"Stromproduzenten, Leitungsbetreiber und Kunden müssen künftig besser vernetzt werden." Bundeswirtschaftsminister Pilipp Rösler (FDP) auf dem Kongress. (Foto: Reimer)
"Denken" bedeutet hier natürlich "Technologie". Die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften (acatech) hat nach Berlin zum zweitägigen Kongress "E-Energy beschleunigt die Energiewende" geladen, um über diese Technologie zu beraten. Im ehemaligen Staatsratsgebäude der DDR gab acatech-Präsident Henning Kagermann eine kleine historische Orientierung: "Am Anfang war das Internet der Dinge – die Vernetzung von realer und virtueller Welt". Dem folgte ein "Internet der Dienste" als Grundlage der web-basierten Wissensgesellschaft. Kagermann: "Jetzt muss das Internet der Energie folgen". Gemeint sind so genannte smart Grids – übers Internet gesteuerte Stromnetze.
Ein Beispiel aus Cuxhaven: An der Nordsee stehen viele Windkraftanlagen. Bläst sehr viel Wind, ist Windstrom an der Stromhandels-Börse eex billig. Über das Internet erhalten die Kühlaggregate der Fischlagerhäuser den Befehl: "schalte dich an, kühle jetzt". Der Kühlhausbetreiber spart Energiekosten, der Windradbetreiber muss sein Windrad nicht abstellen. Das müsste er aber, wenn es keinen Abnehmer für seinen Strom gebe.
"Wir wollen bis 2050 zu hundert Prozent auf erneuerbare Energie umsteigen", erklärte Wirtschaftsminister Rösler auf der Konferenz, "das setzt voraus, dass wir eine Lösung für die Volatilität der Erneuerbaren finden". Wind blase nun mal nicht immer, und manchmal scheine auch keine Sonne.
Tatsächlich ist genau dies ein Grundproblem der Energiewende: Im Netz muss immer gleichviel Strom sein. Schalten die Deutschen beispielsweise landesweit zur Tagesschau den Fernseher an, steigt der Stromverbrauch enorm. Also müssen auch mehr Kraftwerke angeschaltet werden.
Viele komplexe technische Fragen sind zu klären, ebenso wie Fragen des Datenschutzes
Das zumindest ist die Gegenwart. Die Zukunft könnte so gehen: Schaltet Otto Mustermann den Fernseher ein, sagt das Internet dem Kühlschrank: "Du kriegst jetzt mal keinen Strom". 20, 30 Minuten können Speisen und Getränke das ohne Qualitätsverlust überstehen. Danach schaltet dieses intelligente kurzfristig die Klimaanlage im benachbarten Hotel ab. Und die Waschmaschine wird in dieser Energiezukunft automatisch nach 2 Uhr angeschaltet, weil alle schlafen und es keine Nachfrage nach Strom gibt - die Windräder sich ja aber trotzdem drehen.
Allerdings stehen wir erst am Anfang dieser Zukunft, des "Internets der Energie". Viele komplexe technische Fragen sind zu klären, ebenso wie Fragen der Infrastruktur, des Datenschutzes, der Datensicherheit. "Natürlich können auch hier Fälscher Daten manipulieren", erklärte Ludwig Karg, der den Modellversuch vorstellte - etwa so wie Kreditkartenfälscher am Werk sind. Entsprechend müsse in die Sicherheit investiert werden.
Seit 2008 waren erste Erfahrungen in sechs verschiedenen Modellregionen gesammelt worden, auf der Konferenz wurde nun ein 325-seitiger Bericht vorgestellt. acatech-Präsident Henning Kagermann sieht drei Entwicklungspfade. "Erstens: Nichts tun". Dann bleibe es bei der Enrgieversorgung des 20. Jahrhunderts und die Energiewende werde scheitern. "Zweitens: Ein systemisches Scheitern." Jeder fange jetzt irgendwie mit Smart Grid an, ohne aufeinander abgestimmt zu sein. Beispielsweise sei noch nicht einmal bis ins Detail geklärt, welche Begriffe, was bedeuten. "Ohne Klarheit zu schaffen, ohne ein abgestimmtes Vorgehen und ohne politische Weitsicht ist das Scheitern programmiert."
Dritten Option schließlich: ein abgestimmtes Vorgehen. Bis 2015 stellt die Bundesregierung 3,4 Milliarden Euro für die Erforschung von Smart Grid und Speichertechnologie zur Verfügung. Bis 2020 soll die internetbasierte Steuerungsarchitektur des "intelligenten Netzes" stehen.

Knapp 400 Fachleute diskutieren noch bis heute Abend das "Internets der Energie". (Foto: Reimer)
Befragt, wohin uns denn die aktuelle Politik auf dieser Skala von Variante eins bis drei bringe, erklärte Manfred Fischedick : "zwischen zwei und drei". Der Chef des Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie, illustrierte, worum es geht: "Wir haben in den letzten zwei Dekaden ungefähr 20 Prozent Treibhausgase eingespart. Und jetzt wollen wir in den nächsten vier Dekaden 80 Prozent einsparen. Das ist das doppelte Tempo", bilanzierte Fischedick. Die Politik sei aber nicht doppelt so schnell - zumal die ersten 20 weggesparten Treibhausgas-Prozente die einfachsten gewesen seien.
Aber, darüber war er sich mit den 400 Konferenzteilnehmern im ehemaligen DDR-Staatsratsgebäude in jedem Falle einig: Intelligente Netze sind der "Flaschenhals der Energiewende". Und diese sei – um sich der Größe der Aufgabe auch noch einmal von der anderen Seite zu vergewissern – "ein Projekt, dass deutlich komplizierter ist als die Wiedervereinigung", erklärte Roger Kohlmann vom Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft: "Damals ging es darum, die Blaupause West auf den Osten zu übertragen. Aber diesmal gibt es keine Blaupause."
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