Kapazitäten für die Energiewende
Wenn künftig der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint drohen Engpässe im Strommarkt. Die Grünen diskutieren über Möglichkeiten einer Kapazitätsprämie, etwa zur Förderung von neuen Gaskraftwerken, Speichern oder einem intelligenteren Lastmanagement.
"Brauchen wir Anreize für den Kraftwerksbau?" lautete die Frage, die die grüne Bundestagsfraktion in einem Fachgespräch stellte. Denn wenn Wind- und Sonnenenergie künftig einen Großteil des Strombedarfs decken und ihr Anteil nach 2020 voraussichtlich schon über 50 Prozent betragen wird, stellt sich zunehmend die Frage: Wo kommt der Strom her, wenn weder die Sonne scheint noch der Wind weht? Vor allem im Dezember kann es zu Stromengpässen kommen.

Lohnt sich der Bau von effizienten Gaskraftwerken noch und sind sie nötig? Hier Irsching 4 in Bayern. (Foto: Eon)
Das Problem: Ein Kraftwerk, welches als Reserve für derartige Flauten bereitsteht, würde möglicherweise nur wenige Tage im Jahr laufen. Zu wenig, um einen wirtschaftlichen Betrieb zu rechtfertigen. Die Kapazitäten müssen jedoch dennoch verfügbar sein, um im Fall einer Stromflaute die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Ansonsten drohen Stromausfälle.
Zur Begrüßung zeigte sich der Bundestagsabgeordnete Hans-Josef Fell zugleich erfreut und verwundert, dass an dem Thema ein so großes Interesse bestehe. Man habe gedacht, es handle sich um ein Spezialthema für wenige Experten, jedoch trafen weit über 100 Zuhörer ein.

Enertrag setzt in seinem Hybridkraftwerk auf die Kombination von Biogas, Windkraft und Wasserstoff als Stromspeicher. (Foto: Böck)
Die meisten der geladenen Referenten waren sich einig, dass mittelfristig ein Handlungsbedarf besteht. Felix Matthes von Öko-Institut ging davon aus, dass bis zum Jahr 2022 – also bis zum endgültigen Atomausstieg – ein Bedarf von etwa fünf Gigawatt bestehe. Dafür reichen voraussichtlich auch die Kraftwerke, die schon jetzt in Bau und Planung sind und voraussichtlich bis dahin ans Netz gehen werden. Kritisch werde es aber im Lauf der nächsten Dekade. Bis 2030 sei mit einer Abschaltung vieler alter Steinkohlekraftwerke zu rechnen, dadurch erhöhe sich der Bedarf um weitere 20 Gigawatt, so Matthes.
Deutlich wurde während der Präsentationen, dass es mehr als einen Weg gibt, um das Kapazitätsproblem zu lösen. Fossile Kraftwerke – bevorzugt Gaskraftwerke, da diese schnell hochgefahren werden können – wären ein Weg. Heiko Stubner vom Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) warnte davor, dass eine derartige Debatte auch gefährlich werden könne. So könnten Gaskraftwerke errichtet werden, die noch zu Zeitpunkten in Betrieb sind, an denen man nach den Klimaschutzzielen der EU eigentlich den Kohlendioxid-Verbrauch der Stromerzeugung auf nahezu Null drücken möchte.
Alternativen zum Bau fossiler Kraftwerke könnte ein stärkerer Zubau von Stromspeichern erfolgen. Eine bewährte und effiziente Technologie sind hier Pumpspeicher, verschiedene andere Speichersysteme wie Druckluftspeicher, Methanisierungsanlagen oder auch Batteriespeicher werden zur Zeit intensiv erforscht.
Potenzial durch Biogasanlagen
Zusätzliche Potenziale böte auch die Flexibilisierung von Biogasanlagen. Heute werden diese meist im Dauerbetrieb gefahren und liefern zu jeder Zeit gleich viel Strom. Bei einer Umstellung auf Anlagen mit größeren Generatoren und Gasspeichern könnten diese als Ausgleichsmechanismen genutzt werden. Das Problem: Bislang fördert das Erneuerbare-Energien-Gesetz die reine Stromerzeugung. Jede Kilowattstunde erhält gleich viel Vergütung, egal wann sie eingespeist wird, insofern besteht wenig Anreiz zur Flexibilisierung.
Die Möglichkeiten zum sogenannten Demand-Side-Management erläuterte Andreas Schäfer von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen. Stromverbraucher können ihren Bedarf an die Erzeugung anpassen. So können manche Industrieanlagen – etwa Aluminiumhütten – zeitweise auf Strom verzichten und die Produktion drosseln. Bei anderen Anlagen, etwa bei Kühlhäusern, ist die Verteilung des Strombedarfs in gewissen Grenzen möglich. So können Lastspitzen ebenfalls abgefangen werden. Industriebetriebe könnten für die Teilnahme an derartigen Systemen Prämien erhalten. Auch in Haushalten ist ein Lastmanagement möglich – durch die Einführung sogenannter Smart Grids (intelligente Stromnetze). Allerdings sei hier, so Schäfer, der Aufwand relativ hoch. Schäfer geht von einem theoretischen Potential des Lastmanagements von 13 Gigawatt bundesweit aus, in der Praxis werde sich aber nur ein Bruchteil davon wirklich nutzen lassen.
Ben Schlemmermeier von der Beratungsfirma LBD hat im Auftrag der Landesregierung von Baden-Württemberg ein Konzept für einen Kapazitätsmechanismus entworfen. Da die Investitionsentscheidungen mehrere Jahre im Vorraus erfolgen müssen, sieht das Konzept vor, dass die Bundesnetzagentur einen Bedarfsplan für Kapazitäten erstellen muss. Investoren, die sich bereiterklären, diese Kapazitäten bereitzustellen, erhielten für einen festgelegten Zeitraum von mehreren Jahren ein festgelegtes Entgelt. Die Höhe würde über eine Auktion festgestellt, so dass sich die günstigste Technologie durchsetzt. Zusätzlich sollen Anforderungen an Emissionen, Effizienz und Flexibilität gestellt werden. Das Konzept würde sich nicht auf eine bestimmte Technologie richten.

Der geplante Pumpspeicher Atdorf soll mit 1.400 Megawatt Deutschlands leistungsfähigster Stromspeicher werden. (Foto: Schluchseewerk)
Im Rahmen der anschließenden Diskussion tauchte die Frage auf, ob sich zur Zeit der Bau von Pumpspeichern zur Zeit wirtschaftlich lohne. Ein anwesender Vertreter von RWE äußerte die Befürchtung, jeder Eingriff in den Markt durch einen Kapazitätsmechanismus könne die Wirtschaftlichkeit beeinträchtigen und den Bau des größten geplanten Pumpspeichers Atdorf gefährden. Hinter dem Atdorf-Projekt steht die 50-prozentigen RWE-Tochter Schluchseewerk AG. Die zu erwartende Spreizung der Strompreise der Zukunft sei optimal, um ein Pumpspeicherwerk wirtschaftlich zu betreiben. Widerspruch kam von einem anwesenden Vertreter der Firma Trianel. Es komme darauf an, wie ein Kapazitätsmarkt ausgestaltet sei. Trianel plant insgesamt den Bau von drei Pumpspeichern.
Der grüne Bundestagsabgeordnete Oliver Krischer erklärte zum Abschluss, es gebe bislang keinen dringenden Handlungsbedarf, es sei aber sinnvoll, die Debatte über Kapazitätsmechanismen möglichst früh zu führen. Wenig sinnvoll seien die Pläne von Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP), einseitig fossile Kraftwerke zu fördern.
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