Siegeszug der Photovoltaik
Noch vor zwei Jahren galten solarthermische Großkraftwerke als die Zukunftstechnologie der Solarstromerzeugung. Angesichts fallender Modulpreise liegt jetzt die Photovoltaik wieder vorne, Solarthermie-Projekte stehen vor dem Aus. Eine Momentaufnahme - oder mehr? Und was macht eigentlich Desertec?Von Martin Reeh
Vielleicht muss man die Schlagzeilen von 2009 noch einmal lesen, um zu verstehen, wie schnell die Umschwünge in der Solarstrom-Branche vonstatten gehen. Unter der Überschrift "Siegeszug der Sonnenwärme" schrieb Spiegelonline damals: "Desertec ist ein Symbol für die Wende der Branche: Bislang setzten viele Solarfirmen auf Photovoltaik, also die direkte Umwandlung der Strahlungsenergie mittels Solarzellen in Strom. Desertec dagegen basiert auf einer anderen Technik: der Solarthermie." Und jetzt ist alles wieder anders herum: Angesichts des Preisverfalls bei Solarmodulen werden Projekte der Concentrated Solar Power (CSP, Konzentrierende Solarthermie) Technik reihenweise gestrichen oder in Photovoltaik-Projekte umgewandelt.

Parabolrinnenkraftwerk Andasol: Zukunftstechnologie oder zu teures Investment? (Foto: Paul Langrock)
Die Pleite der skandalumwitterten Solar Millennium AG steht stellvertretend dafür. In den USA hatten die Erlanger, die sich als Unternehmensziel die Technologieführerschaft bei CSP auf die Fahnen geschrieben hatten, noch versucht, ihre geplanten Solarthermieprojekte in solche mit Photovoltaikmodulen zu verwandeln. Für das geplante Solarthermiekraftwerk Ibersol in Spanien bekam Solar Millennium nicht genügend Geldgeber zusammen: Die Banken verweigerten Kredite, auch die Privatinvestoren zogen nicht mit: Für den Ibersol-Fonds waren im November 2011 erst zehn Prozent der angestrebten 60 Millionen Euro gezeichnet. Eigentlich hatte der Bau schon 2010 beginnen sollen, bis Ende 2013 hätte er ans Netz gehen müssen, um die spanische Solarförderung mitzunehmen.
Für die Krise lieferte die Fachzeitschrift Erneuerbare Energien in ihrer Novemberausgabe einige Beispiele und Gründe: Photovoltaikparks lassen sich scheibchenweise aufbauen, etwa im Umfang von 20 Megawatt, und dann ebenso scheibchenweise verkaufen. Die viel höhere Vorfinanzierung solcher Projekte entfällt - in Zeiten der Finanzkrise ein enormer Vorteil. Die Erneuerbare Energien resümiert zwar einen "Abgesang auf Raten" der CSP-Technologie, so die Artikel-Überschrift, was jedoch nicht heißt, dass nicht einzelne Projekte noch verwirklicht werden. Vor allem Kraftwerke, die schon vor dem aktuellen Preisverfall bei Modulen im Bau waren, gehen noch ans Netz: Ende September etwa das Parabolrinnenkraftwerk Andasol 3 in Andalusien, im Sommer 2011 das erste solarthermische Großkraftwerk Nordafrikas im ägyptischen Kuraymat.
Siemens plant auch weiterhin zusätzliche Solarthermie-Anlagen in Spanien, Ende August bürgte das US-Energieministerium mit umgerechnet 644 Millionen Dollar für ein für CSP-Kraftwerk im kalifornischen Riverside. Aber gerade an diesem Projekt rechnet die Erneuerbare Energien vor, warum CSP derzeit nicht lohnt: Der neue Solarpark in Mauro bei Senftenberg in Brandenburg hat 150 Megawattpeak Leistung, kostet jedoch nur 150 Millionen Euro. Bauzeit: ein Vierteljahr, Kosten: ein Euro pro Watt. Kosten der CSP-Technik in Kalifornien: 2,77 Euro pro Watt. In dieser Rechnung fehlen zwar weitere wichtige Faktoren, die Betriebskosten etwa (die bei Parabolrinnenkraftwerken teurer sein dürften als bei Photovoltaik) oder die Laufzeit der Anlage - sie macht aber deutlich, warum Photovoltaik gegenüber solarthermischen Kraftwerken derzeit die Oberhand gewinnt.

Da war die Welt für Solar Millennium noch in Ordnung: Montage des ersten ägyptischen Solarthermie-Kraftwerks in Kuraymat Anfang 2011. (Foro: Solar Millennium)
Siemens, das lange auf Solarthermie zur Stromerzeugung gestezt hat, hat dieses Jahr eingeräumt, dass Photovoltaik ein größerer Markt als die CSP-Technik wird. Dennoch glaubt man an eine Zukunft der CSP: Die Technik stünde am Anfang, weiteres Kostensenkungspotenzial sei vorhanden. Das Problem ist nur: Dafür müsste investiert werden - das Geld dafür soll vom Staat kommen.
Damit ist man beim Thema Desertec. Die Initiative zur Gewinnung europäischen Stroms aus der nordafrikanischen Wüste - aus Marokko, Algerien, Tunesien und Ägypten - hat zunächst einmal mit den Auswirkungen des "arabischen Frühlings" zu kämpfen. Für Projekte in Tunesien und Ägypten gibt es derzeit aufgrund der unsicheren Lage keine Kredite. So geht es nur in Marokko vorwärts.
Ende Oktober kündigte die Initiative den Bau einer 500 Megawatt-Anlage an: "Je nach Technik kann kann 2014, spätestens 2016 der erste Strom fließen", verkündete damals Projektleiter Ernst Rauch. Möglich, dass das erste Kraftwerk dann mit Photovoltaik statt mit Solarthermie-Technik läuft. Maßgeblich dafür dürfte sein, welche staatlichen Gelder die Desertec-Initiative, die 30 Prozent des Investitionen selbst zahlen will, einwerben kann. Gespräche mit dem Umwelt- und Wirtschaftsministerium laufen. Sollte ausgerechnet das Rösler-Ministerium, dass sonst aus Kostengründen für eine strikte Deckelung des Photovoltaik-Ausbaus in Deutschland plädiert, nun die kostenintensivere Variante in Marokko bevorzugen?
Konsistent ist die deutsche Politik in dieser Frage jedenfalls nicht unbedingt. Als im Sommer Pläne zum Aufbau großer Photovoltaikfelder in Griechenland zwecks Stromlieferung nach Deutschland bekannt wurden - gepuscht auch von einer geschickten Lobbyarbeit der Photovoltaikindustrie, die hier ein neues Betätigungsfeld für sich sah - und Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) den pleitebedrohten Griechen die Pläne schmackhaft zu machen versuchte, war weder die Rede davon, wie die Idee mit den Desertec-Plänen noch mit den Erneuerbaren-Ausbauplänen in Deutschland vereinbar war.

Sorgenvoller Blick bei der Jahreskonferenz der Desertec Industrial Initiative: Was wird aus den Wüstenstrom-Plänen? (Foto: http://www.dii-eumena.com)
Die Desertec-Initiative verschickte eine Stellungnahme mit warnendem Zeigefinger: "Leider sind die Einsatzmöglichkeiten solarthermischer Kraftwerke in Griechenland – im Vergleich zu Spanien, Nordafrika und dem Nahen Osten – nur sehr begrenzt", räumte Desertec-Chef Thiemo Gropp ein. Aber: "Eine wirkliche Alternative zu sauberem Strom aus Wüsten kann griechischer Solarstrom jedoch nicht bieten. Gerade in südlichen Ländern, in denen die Klimaanlagen zur Mittagszeit eingeschaltet werden, ist ein Ausbau der Photovoltaik eine sehr sinnvolle Option zur Deckung des lokalen Bedarfs. Für einen großangelegten Stromexport ist Photovoltaik mangels Speicherfähigkeit aber nicht die erste Wahl."
In der Tat liegen die Hoffnungen auf die solarthermischen Kraftwerke vor allem in ihrer Speicherfähigkeit begründet. Diese sind aber zugleich die Kostentreiber bei den Projekten. Die Frage ist, ob es sich lohnt, die Entwicklung einer weiteren Technologie staatlich zu finanzieren oder in Deutschland zunächst auf einen weiteren Ausbau der Photovoltaik in Kombination mit Gaskraftwerken zur Deckung der Grundlast als Übergangstechnologien zu setzen, bis Speichertechnologien für Photovoltaik ausreichend zur Verfügung stehen. Klar ist: Speicherforschung und -ausbau muss ohnehin betrieben werden. Die spannende Frage dürfte nun sein, ob von Seiten des Bundesregierung in den nächsten Wochen vergleichende Kostenschätzungen für die Entwicklung beider Technologien vorgelegt werden - und zwar bevor über eine Finanzierung von Desertec-Projekten entschieden wird..
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