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Photovoltaik-Markt: Planer und Chaoten

Die deutsche Solarindustrie ist nach glänzenden Jahren in der Krise. Aber vielleicht lohnt der Gang ins Ausland - in die großen Wachstumsmärkte USA, China, Indien und Kanada? Teil 2: Über China, das Land der Fünf-Jahres-Pläne und der billigen Module, und die Solar-Spontis Indiens.

Von Martin Reeh

"Das Jahr der Wahrheit" für die Solarindustrie, so nennt die Fachzeitschrift pv magazine 2012 in einem Ausblick. Auch wenn 2011 23,8 Gigawatt neue Photovoltaikanlagen installiert wurden, rund 34 Prozent mehr als 2010, reicht dies bei weitem nicht aus, um die gigantischen Überkapazitäten der Hersteller auslasten zu können. Rund 50 Gigawatt Fertigungskapazitäten sind inzwischen aufgebaut, davon 80 Prozent in China. Die Marktanalysten von IMS sehen den europäischen Markt im nächsten Jahr nur um sechs Prozent wachsen, weltweit dagegen ein Wachstum von 43 Prozent voraus. Die Solarzellenproduktion soll 2012 nach  einem Report des Energieinstituts der Europäischen Kommission sogar auf 80 Gigawatt anwachsen, was zu einem weiteren Preisverfall der Module führen würde.


20 Megawatt-Solaranlage in Xuzhou. (Foto: kra)

Kann in dieser Situation der Gang deutscher Firmen nach China helfen - also ins Mutterland der billigen Zellen und Module, das für den Überlebenskampf europäischer Hersteller maßgeblich verantwortlich ist? "Die Wahrnehmung hier ist: China ist ein closed shop", sagte Frank Haugwitz von der Deutsche China Consult im November beim "Forum Solarpraxis" in Berlin: "Dem widerspreche ich nachdrücklich." Es gebe Möglichkeiten für deutsche Firmen in China, im Alleingang sei es allerdings schwierig. Haugwitz empfiehlt daher die Zusammenarbeit mit chinesischen Partnern. Notwendig sei ein langfristiges Engagement, zudem sei der chinesische Markt stark umkämpft bei geringen Gewinnmargen.

Dennoch dürfte China nicht uninteressant sein, ist doch eingetreten, was Analysten vorausgesagt haben: Angesichts der Stagnation der Auslandsmärkte baut die chinesische Regierung den Inlandsmarkt für den Absatz der einheimischen Industrie aus. Noch 2010 waren erst 560 Megawatt Solarstromleistung in China errichtet, Ende 2011 sollen es 1.500 Megawatt sein. Für 2012 erwartete Haugwitz noch Ende November 3.000 Megawatt errichtete Leistung, für 2013 4.500. Das ist im Vergleich zu Deutschland mit seinen inzwischen 22 Gigawatt und jährlichen Zubauzahlen von geplant drei Gigawatt vergleichsweise immer noch wenig. Allerdings hat die chinesische Regierung im Dezember ihr Ausbauziel deutlich erhöht, auf 15 Gigawatt bis 2015. Erst nach der Fukushima-Katastrophe hatte China sein PV-Ziel auf zehn Gigawatt verdoppelt.

Befördert wird das Ganze seit Mitte des Jahres durch einen Einspeisetarif auf nationaler Ebene, der ab Anfang 2012 bei nur 12 Eurocent pro Kilowattstunde liegt (Deutschland: 18-24 Cent je nach Anlagengröße) und in Provinzen durch regionale Einspeisevergütungen ergänzt wird. Für europäische Firmen ist der Markt auch wegen des Kostenfaktors nicht einfach: Anlässlich der Messe Intersolar China klagten deutsche Solarfirmen über die Niedrigpreiskalkulationen: "Die Einkaufspreise werden gnadenlos gedrückt", sagte Gert Lang-Alischer vom schwäbischen Wechselrichterhersteller Refusol den VDI Nachrichten - ob die Anlage dann nach einigen Jahren noch funktionieren würden, sei zweitrangig.


Photovoltaik-Anlage auf dem Dach der DuPont Apollo-Photovoltaikfabrik in Guangming (Foto: DuPont)

Die Konsequenz: Der Aufbau einer Produktion in China. Refusol will dadurch 35 Prozent seiner Kosten sparen. 2012 soll eine Fertigung in Schanghai in Betrieb gehen. Was der Produktion in Deutschland nicht gerade hilft. Im Gegenteil: Bisher tun sich chinesische Wechselrichterhersteller, anders als Modulproduzenten, schwer auf dem deutschen Markt. Die Produkte sind komplexer, zudem hapert es am Vertrieb. Gehen aber deutsche Wechselrichterproduzenten nach China, könnten sie dort zukünftig auch für den europäischen Markt produzieren. Auch der deutsche Branchenführer SMA hat angekündigt, in Zukunft ebenfalls chinesische Komponenten zukaufen zu wollen, um auf dem chinesischen Wachstumsmarkt konkurrieren zu können. Das Engagement in China könnte so ein Rettungsanker für deutsche Firmen und ihre "white collar"-Jobs sein - bei den Produktionstätigkeiten aber den Jobabbau beschleunigen.

Und Indien? Den Unterschied zwischen der planwirtschaftlichen chinesischen Variante des Kapitalismus und der eher chaotischen des indischen machte K.P. Philip auf dem "Forum Solarpraxis" deutlich: "Everybody is jumping into solar without knowing the technology", sagte der Vertreter der Indian Renewable Energy Development Agency (IREDA). Ähnlich äußerte sich kürzlich auch Bridge to India, ein deutsches Beratungsunternehmen für den Export von Umwelttechnologien nach Indien: Die Förderpolitik in Gujarat, 2009 der erste Bundesstaat mit einem Solarförderprogramm, "habe zu einer Zuteilung von Projekten an unerfahrene oder unbekannte Entwickler geführt". Gujarat, im Westen mit der viertgrößten indischen Stadt Ahmedabad gelegen, wollte bis 2014 500 Megawatt Photovoltaikleistung errichten, inzwischen sind jedoch Projekte für bis zu 935 Megawatt zugeteilt worden. 


Photovoltaik-Anlage in Indien. (Foto: kra)

Dennoch ist Indien mit derzeit 250 Megawatt installierter Leistung solares Entwicklungsland. Anfang des Jahres waren es erst 22 Megawatt. Bis 2014 sollen es laut "India Solar Handbook"  bereits 14,5 Gigawatt sein, bis 2022 33,4 Gigawatt. Zum Zentrum der Photovoltaikentwicklung, so schätzt Bridge to India, könnte Rajasthan im Nordwesten werden. Dafür sprechen die hohe Sonnenstrahlungswerte ebenso wie diesem Jahr verabschiedete "Rajasthan Solar Policy". Das Ziel: Die Installation von zwölf Gigawatt bis 2022.

Allerdings ist Indien ebenso kostenbewusst wie Deutschland, beim Verkauf kristalliner Module führt deshalb die chinesische Suntech mit weitem Vorsprung (200 Megawatt). Erst an sechster Stelle kommt ein deutscher Hersteller - die Bonner Solarworld mit gerade einmal fünf Megawatt. Zwar gibt es Unternehmen mit langjähriger erfolgreicher Tradition in Indien, etwa Siemens, in der Erneuerbaren-Branche dürfte aber noch mit Schrecken das Schicksal des Windkraftanlagenherstellers Enercon in Erinnerung sein. Nicht nur, dass die Reise eines deutschen Enercon-Managers wegen der Anzeige des früheren Geschäftspartners, dem Unternehmen Mehra, auf einer Polizeiwache endete - 2010 erklärten indische Richter auch zwölf wichtige Enercon-Patente für unwirksam: Die Patente stehen in Indien jetzt zur freien Nutzung zur Verfügung.

Zumindest für den deutschen Markt dürften die indischen Solarhersteller vorerst kein Problem darstellen. Als im Dezember BP seinen Rückzug aus dem Solargeschäft bekanntgab, spekulierte die indische Presse über die Auswirkungen auf das Joint Venture mit dem größten indischen Solarhersteller Tata BP Solar. Tata BP Solar vermeldete: "Business as usual". Was, glaubt man der Hindu Business Line, die den Geschäftsführer Krishnappa Subramanya zitierte, Ende 2011 einfach den nahezu vollständigen Stillstand der Produktion bedeutete - "wegen fehlender Aufträge".

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