"Die Arktis betrifft alle"
Neue Forschungsergebnisse zur Eisschmelze: Der Direktor des Arctic Monitoring and Assessment Programme warnt auf der Klimakonferenz in Durban, dass die Auswirkungen des Schmelzprozesses weltweit zu spüren sein werden. Die Anrainerstaaten, darunter Kanada und Russland, sollten endlich eine konstruktive Rolle in den Verhandlungen spielen.
Aus Durban Angelina Davydova
Die Klimawandel in der Arktis vollzieht sich schneller als die Experten des Weltklimarates IPCC vorhergesagt haben. Das ist Ergebnis des neuen Berichts "Schnee, Wasser und Permafrost in der Arktis" des Arctic Monitoring and Assessment Programme (AMAP), der auf der Klimakonferenz in Durban vorgestellt wurde. Demnach werde der Arktische Ozean in den nächsten 20 bis 30 Jahren im Sommer komplett frei von Eis sein. Die Forscher prognostizieren als Folge der globalen Schneeschmelze einen Anstieg des Weltmeeresspiegels um bis zu 1,6 Meter.
Eisschmelze in der Arktis. Was auf Fotos schön aussieht, ist in Wirklichkeit eine globale Katastrophe. (Foto: Tedesco/wwf)
"Die letzten sechs Jahre waren die wärmsten Jahre aller Zeit, seit wir die Arktis beobachten", sagte in Durban AMAP-Geschäftsfüher Lars Otto Reiersen. "Je weniger Schnee wir in der Arktis haben, je dünner und jünger das Eis in der Arktis ist, je stärker der Permafrost zurückgeht – desto mehr wird nicht nur das Klimasystem der Arktis, sondern das globale Klimasystem destabiliert." Deswegen sei die ferne Arktis eine globale Herausforderung, "die jeden zu Hause betrifft", sagte er.
Besonders schnell schmilzt das Eis dem Bericht zufolge um Grönland herum. So gingen im Jahr 2009 allein am grönländischen Festland-Eisschelf 200 Gigatonnen Eis verloren, auf einer Fläche ausgebreitet ergibt das eine Region so groß wie Australien. Im Jahr darauf, 2010, waren es aber schon mehr als 300 Gigatonnen – was selbst die Experten erschrocken macht.

In diesem Jahr hatte die arktische Eisfläche eine noch geringere Ausdehnung als 2007, dem Jahr des letzten Negativrekords. (Foto: Universität Bremen)
Die AMPA-Arbeit deckt sich mit anderen Forschungen zur arktischen Eisschmelze. Das Institut für Umweltphysik an der Universität Bremen untersucht in Zusammenarbeit mit der Europäischen Weltraumbehörde ESA beispielsweise die Ausdehnung des Eisschildes anhand von Satellitendaten und stellt die Ergebnisse ins Internet. Ergebnis: Mit 4,24 Millionen Quadratkilometern hatte die arktische Eisfläche in diesem Jahr eine noch geringere Ausdehnung als 2007 - dem Zeitpunkt des letzten Rekordes.
Das Grönlandeis ist bis zu 3.000 Meter dick - einer der größten Süßwasserspeicher der Welt. "Würde das Eis komplett abschmelzen, bedeutet das, dass der Meeresspiegel um sieben Meter steigen würde", erklärte der Klimawissenschaftler Stefan Rahmstorf Ende 2010 gegenüber klimaretter.info. Das klingt gefährlich, aber die eigentliche Gefahr birgt folgende Erkenntnis der Wissenschaft: Der Weltklimarat IPCC sagt, dass ab einer globalen Erwärmung von im Durchschnitt 1,9 Grad Celsius ein Totalverlust des Grönlandeises nicht mehr zu verhindern sei. "Ein Kippsystem, das bislang unaufhaltsam auf uns zu kommt", sagt Rahmstorf.

Die rote Linie zeigt die durchschnittliche Ausdehnung des Arktiseises Mitte Juni - sie wird inzwischen deutlich unterschritten. (Foto: National Oceanic and Atmospheric Administration)
Die Forschergruppe Arctic Monitoring and Assessment Programme (AMAP) gehört zum Arktischen Rat, der als zwischenstaatliches Forum seit 1996 Anrainerstaaten der Arktis und die einheimische Bevölkerung vertritt und Forschungprojekte fördert. Die Gruppe erklärte, dass die Voraussagen des IPPC zu konservativ seien und die Schnelligkeit des Schmelzprozesses unterschätzen würden.
Die AMAP-Experten haben nun in Durban einen pessimistischeren Ton angeschlagen. Alle arktischen Länder sollten ab sofort mit regionalen Programmen auf den Klimawandel in der Arktis reagieren. Notwendig seien zudem Anpassungsstrategien, die es bisher für die arktische Klimazone noch nicht gibt. Zudem sei ein verpflichtendes Klimaabkommen notwendig, das den globalen Ausstoß an Treibhausgasen wirksam verringert. Die Länder des Arktischen Rates - unter anderem gehören dazu auch Russland und Kanada, die beide eine zweite Verpflichtungsperiode für das Kyoto-Protokoll ablehnen - sollten endlich beginnen, eine aktive und konstruktive Rolle in den Klimaverhandlungen zu spielen, forderte AMAP-Geschäftsführer Lars Otto Reiersen.
Alle Beiträge zur COP17 in Südafrika auf einen Blick finden Sie in unserem Durban-Dossier.
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