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Schnell tanken – auch mit Strom

BildIn puncto Service hinkt die Elektromobilität der traditionellen Automobil-Branche noch weit hinterher. Würde sich das rasch verbessern und vor allem das Bezahlen des Autostroms einfacher werden, fänden E-Autos schneller Akzeptanz.

Von Jörg Staude

Die "Raststätte der Zukunft" ist seit Anfang September an der Autobahn A9 vor dem Toren Münchens zu besichtigen. Bei Fürholzen ließ der Betreiber Tank & Rast eine flughafengroße Fläche bebauen. Neben herkömmlichen Kraftstoffen gibt es für Alternativantriebe auch Autogas und Erdgas sowie Wasserstoff.

BildWachsende Diskrepanz (Grafik vergrößern): Während die Zahl der E-Autos (BEV) stetig ansteigt, bleibt die Zahl der Ladepunkte (LP) im Hintertreffen. Folge: E-Autobesitzer beschweren sich immer stärker über besetzte Ladesäulen (Grafik: VDE)

Der Elektroauto-Nutzer findet zudem vier Schnell-Ladesäulen vor, drei mit 50 Kilowatt und eine mit 150 Kilowatt Leistung. Perspektivisch könnten vier weitere Säulen hinzukommen, teilt Tank & Rast mit. Über den Umsatz, der mit dem Autostrom am neuen Standort Fürholzen West erzielt werden soll, schweigt sich das Unternehmen aus. Verraten wird nur, dass das E-Tanken seit der Eröffnung "gut angenommen" werde.

Betrieben werden die vier Säulen von der RWE-Tochter Innogy. In der Startphase werde der Strom zunächst kostenlos abgegeben, teilte das Unternehmen auf Nachfrage mit ab. Künftig soll der Strom aber abgerechnet werden. In Fürholzen West stellt Innogy, wie an allen Ladesäulen des Unternehmens, dabei TÜV-geprüften 100-Prozent-Ökostrom aus Wasserkraft bereit.

Trotz der langsam steigenden Verbreitung von E-Autos ist das mobile Stromgeschäft noch eine Randerscheinung, gerade an öffentlichen Ladesäulen. Wolfgang Klebsch, Experte für E-Mobilität im Elektrotechnik-Branchenverband VDE, schätzt, dass nur jedes zehnte der rund 50.000 E-Autos auf deutschen Straßen seinen Strombedarf an öffentlich zugänglichen Ladepunkten deckt.

Diese Elektroautos legen täglich im Schnitt 50 Kilometer zurück und haben einen Tagesstrombedarf von rund acht Kilowattstunden. Aufs Jahr gerechnet ergibt das an die 15 Millionen Kilowattstunden – so viel Strom erzeugen zwei mittlere Windkraftanlagen jährlich. Soviel auch zu den Unkenrufen, die Elektromobilität würde irgendwie das Stromnetz ins Wanken bringen.

Das Ende der Tankstelle?

Verglichen mit dem Stromverbrauch für andere Bereiche ist der Bedarf wirklich noch "sehr wenig", bestätigt Klebsch. Wie viel Energie die inzwischen mehreren hundert Anbieter von E-Auto-Strom im Land wirklich verkaufen, lässt sich gegenwärtig kaum sagen. Ein Grund: Große Supermärkte, Möbelhändler, Hotels oder eben Anbieter wie Innogy geben den Autostrom zeitweise oder ganz kostenlos ab – als Mittel zur Kundenbindung oder weil ihnen angesichts der geringen Umsätze der bürokratische Abrechnungsaufwand zu hoch ist. Selbst Genossenschaften, die ganze Ladenetze betreiben, sehen zu, dass sie rechtlich nicht in den Status von Stromhändlern geraten. Das würde die Kosten deutlich nach oben treiben.

Klar ist indes schon, dass E-Autos künftig dezentral "betankt" werden – zu Hause, an der Arbeitsstätte oder eben unterwegs an öffentlichen Säulen. Möglicherweise kehren sich die Verhältnisse völlig um: Muss das Fahrzeug bisher zur Tankstelle kommen, wird die Ladesäule künftig dort sein, wo das Fahrzeug ist.

Die traditionelle Branche scheint das bisher nicht zu stören. Erst zwei Prozent der inländischen Ladepunkte sollen an herkömmlichen Tankstellen zu finden sein. Der Bundesverband Freier Tankstellen beruhigte sich noch im April mit einer Studie, nach der noch 2040 zwei Drittel der inländischen Autos mit Verbrennungsmotoren unterwegs sein werden.

Allerdings haben die Tankstellen, die die Verbrenner bedienen, einen großen Vorteil auf ihrer Seite, sagt VDE-Experte Klebsch: ein "seit Jahrzehnten kontinuierlich an den Bedarf des Kunden angepasstes Konzept".

Damit verglichen hinken beim Aufladen von E-Autos Service, Preis und Kundenfreundlichkeit weit hinterher. Wie es beim E-Laden zum Beispiel um das gewohnt bequeme Ad-hoc-Bezahlen steht, hat Klebsch jetzt in einer Studie im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums untersucht.

Ad hoc meint, dass man Strom "tanken" kann, ohne sich vorher die Ladekarte eines Anbieters besorgt zu haben oder sich anderweitig vertraglich binden zu müssen.

Was banal klingt, birgt nach Einschätzung von Klebsch Sprengstoff in der Umsetzung. "Während das Betanken eines Autos mit Verbrennungsmotor an einer Zapfsäule selten mehr als eine Minute dauert und der Bezahlbetrag meist über 20 Euro liegt, sind die Verhältnisse an einer Ladesäule für Elektroautos deutlich ungünstiger."

E-Strom auch für Betreiber nicht attraktiv

Und das nicht nur für den Kunden, sondern auch für den Betreiber. Das Aufladen an einem Elf‐Kilowatt-Ladepunkt dauert zum Beispiel bis zu ein oder zwei Stunden. Für den Betreiber sprängen aber nur fünf bis maximal zehn Euro als Betrag heraus. Die Erlöse seien schlichtweg zu gering, so Klebsch. "Unter den Voraussetzungen ist keiner bereit, eine Ladeinfrastruktur aufzubauen und zu betreiben".

Um hier einen Anreiz zu setzen, kann sich der VDE-Experte vorstellen, dass die Betreiber die EEG-Umlage, die auch bei Autostrom fällig wird, für sich behalten dürfen. Das würde den Betrieb der Ladesäulen attraktiver machen.

Längerfristig muss sich das E-Laden, ist Klebsch überzeugt, den Gewohnheiten der Kunden anpassen. Gerade das Netz an Schnell-Ladesäulen sollte "so zügig wie möglich ausgebaut werden". Schnell laden zu können sei ein Wert, für den der Kunde einen Aufpreis bezahlen würde.

BildTanken im Grünen: An der Ladestation der Inselwerke am Kunsthaus Usedom bei Neppermin ist das kein billiger Slogan. (Foto: Staude)

Auch fördere das Schnellladen die nötige Akzeptanz der Elektromobilität. "Zu dieser Erkenntnis sind andere Länder schon seit Längerem gelangt", sagt Klebsch und zählt auf: USA, Japan, China, Niederlande, Österreich, Schweiz, Großbritannien. Als selbstverständlicher Standard müsse an den Ladesäulen auch gelten, dass jeder und jede ad hoc mit Prepaid-, Giro- oder Kreditkarte bezahlen kann.

Bei der E-Mobilität ist eben weniger wichtig, wo, sondern mehr, wie man tankt.

Redaktioneller Hinweis: Der Beitrag wurde am 11.10.2017 um 14 Uhr aktualisiert.

Zum Dossier: E-Mobilität – Verkehr unter Strom Bild

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