"Die Regierung setzt nur auf E-Autos"

BildElektro-Motorräder könnten einen Beitrag zum Ziel der Bundesregierung leisten, bis 2020 eine Million Elektrofahrzeuge auf Deutschlands Straßen zu bekommen. Doch eine entsprechende Petition wurde abgelehnt, beklagt Ralf Czaplinski, Deutschlandchef von Zero Motorcycles, dem weltgrößten Hersteller von Elektromotorrädern.

Bildklimaretter.info: Herr Czaplinski, wie unterscheidet sich ein E-Motorrad vom E-Auto?

Ralf Czaplinski: Im Prinzip gar nicht. Auch wir setzen auf einen Antriebsstrang bestehend aus Lithium-Ionen-Akkus, Elektromotor und Controller. Ein Tesla beispielsweise hat natürlich viel mehr Batteriekapazität. Aber ein Elektromotorrad hat dafür ein wesentlich besseres Leistung-Gewicht-Verhältnis. Das heißt: Wir brauchen von allem weniger – einen kleineren Motor, eine kleinere Batterie, einen kleineren Controller. Dennoch schaffen unsere Motorräder auch Reichweiten bis zu 250 Kilometer. Ein Verbrenner kommt auch nicht viel weiter mit einer Tankfüllung.

Warum sollte ein Autofahrer überhaupt auf ein Elektromotorrad wechseln?

Gerade in den Ballungszentren steigen inzwischen einige vom Auto aufs Motorrad um, ein Trend, der aus Südeuropa zu uns schwappt. Die Menschen nutzen das Motorrad wieder als Transportmittel, nicht mehr nur als reines Freizeitprodukt. In Städten wie Berlin, München, Hamburg und Stuttgart sieht man Pendler im Anzug auf dem Motorrad zur Arbeit fahren. Sie wollen drei Probleme vermeiden: Staus, Parkplatzsuche und Fahrverbote für Verbrenner – die in Zukunft in immer mehr Stadtteilen kommen werden.

Bieten sich in der Stadt nicht eher Motorroller als Motorräder an?

Nicht unbedingt. Der Motorroller ist nur für die Mobilität in der Stadt ausgelegt, wohingegen unser Motorrad die Chance bietet, am Wochenende auch mal die große Runde von 150, 200 Kilometern zu drehen. Nachhaltigkeit steht nicht im Widerspruch zu Spaß. Unsere Motorräder bieten Leistungswerte und Wendigkeit wie große, starke Verbrenner-Motorräder – nur eben rein elektrisch betrieben.

Zur Nachhaltigkeit: Was ist mit denen, die gar kein Auto haben und sich dann für das Elektro-Motorrad entscheiden?

Da ein Elektromotorrad am Ende des Produktlebenszyklus eine positivere Ökobilanz aufweist als ein vergleichbares Verbrenner-Fahrzeug, ist der Kauf eines Elektromotorrades die ökologisch sinnvollere Entscheidung. Auch bei Anschaffungspreisen zwischen etwa 12.000 und 18.000 Euro. Die im Vergleich zum Verbrenner sehr geringen operativen Kosten stehen dem gegenüber.

Unser typischer Kunde ist schon während des Studiums Motorrad gefahren, weil er sich damals kein Auto leisten konnte, und ist heute, sagen wir, Elektroingenieur, hat das Haus abbezahlt, die Kinder sind aus dem Haus, die Karriere abgeschlossen. Und nun möchte er wieder Motorrad fahren, hat aber keine Lust mehr, Verbrenner anzufassen.

BildBisher noch ein Nischenmarkt: Elektromotorräder. (Foto: Zero Motorcycles)

Einer ihrer Slogans ist: "Spaßfahren ohne schlechtes Gewissen – denn die Umwelt leidet nicht dabei." Bisher kommen noch zwei Drittel im Strommix aus fossilen oder atomaren Quellen – also ein bisschen leidet die Umwelt ja wohl doch?

Unsere Kunden können sich aussuchen, woher sie ihren Strom beziehen, etwa von Ökostromunternehmen. Viele unserer Kunden haben eine eigene Photovoltaik-Anlage auf dem Dach.

Aber die Herstellung eines Motorrads, des Motors und der Batterie verursachen viel CO2.

So schlecht stehen wir nicht da. Ein Verbrenner-Fahrzeug muss ja auch produziert werden. Unser ökologischer Fußabdruck ist wegen des eingesparten Spritverbrauchs wesentlich geringer.

Wie viele Elektromotorräder gibt es in Deutschland?

Wir liegen im guten vierstelligen Bereich. Im Vergleich zum Verbrenner-Markt ist das natürlich verschwindend gering. In den vergangenen fünf Jahren – der Zeitraum, in dem ich den Vertrieb in Deutschland begleite – haben wir Wachstumsraten im Absatz von über 30 Prozent. Nach Kalifornien ist Deutschland der weltweit zweitstärkste Markt.

Was fehlt für den Durchbruch in Deutschland?

Wir haben eine Petition bei der Bundesregierung eingereicht und nachgefragt, warum es für elektrisch betriebene Zweiräder keinen Zuschuss gibt, für Elektroautos aber schon. Wir wollen ja nur einen Bruchteil der 4.000 Euro Kaufprämie pro Fahrzeug. Aber gestern kam leider ein Brief vom Wirtschaftsministerium. In dem hieß es: Mit unseren Motorrädern würden wir nicht ausreichend dazu beitragen, die eine Million Elektrofahrzeuge bis 2020 auf deutsche Straßen zubekommen.

Das ist paradox: Ich habe in meiner Anfrage genau das als Begründung angeführt! Die urbane Mobilität wird sich zunehmend wieder auf zwei Rädern abspielen, auch um den Verkehr in den Städten zu entzerren. Aber die Regierung setzt offensichtlich nur auf E-Autos.

Was können Sie daran ändern?

Ich würde mir wünschen, dass ein weiterer großer Motorradhersteller auf den Markt kommt, damit wir gemeinsam diesen Weg ebnen können. Aber derzeit sind wir praktisch ohne Konkurrenz.

BildSauber: Letztes Jahr fuhr Jörn Ehlers vom WWF mit Sozius auf einem Zero DSR von Berlin nach Marrakesch zum Klimagipfel. (Foto: Jörg Staude)

Liegt es auch daran, dass Motorradfreaks eben genau das brauchen: Dass es qualmt und lärmt?

Wir setzen auf junge Leute, die durch ihre Unterhaltungselektronik mit Lithium-Ionen-Akkus mehr vertraut sind als mit einem Vergaser. Sie schenken uns mehr Aufmerksamkeit als jemand, der in den achtziger und neunziger Jahren mit dem Motorradfahren groß geworden ist, als das Motorrad noch laut und rappelig sein musste.

Können ihre Motorräder anders als Elektroautos an normalen Steckdosen laden?

Ja. Elektroautos haben wesentlich größere Akkus, weil sie wesentlich mehr abdecken müssen: Klimaanlage, Heizung, Radio. Wir mit unseren bis zu 13 Kilowattstunden können sehr gut an der normalen 220-Volt-Haushaltssteckdose laden. Über das eingebaute Ladegerät dauert es dann allerdings acht Stunden für eine komplette Füllung.

Acht Stunden sind eine Menge.

Das klingt lange, aber acht Stunden habe ich immer irgendwie. Entweder über Nacht, wenn ich schlafe, oder während der Arbeitszeit.

Wer vergessen hat zu laden und eilig irgendwohin muss, wird sich ärgern.

Man muss eben ein bisschen Disziplin mitbringen und daran denken: Wenn ich stehe – Stecker in die Steckdose. Für etwa 1,80 Euro habe ich den Tank dann wieder voll und kann meine bis zu 200 Kilometer fahren, zumindest im Stadtverkehr.

Interview: Benjamin von Brackel

Zum Dossier: E-Mobilität – Verkehr unter Stromladestation

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