Berlins Verkehr soll elektrisch werden

ladestationGerade mal 3.500 Elektrofahrzeuge rollen derzeit auf den Berliner Straßen – Hybridmodelle inbegriffen. Damit sich das ändert, arbeiten derzeit Initiativen, Unternehmen und Forschungsinstitute mit Hochdruck an mehreren Projekten. Die Hauptstadtregion soll Vorreiter für Elektromobilität werden.

Aus Berlin Sandra Kirchner

Leise schiebt sich der rote Touristenbus durch den Berliner Stadtverkehr. Kein Motorgeräusch stört die Fahrt, der Lärm der anderen motorisierten Verkehrsteilnehmer erscheint dadurch nur umso lauter. Das Busunternehmen Berlin City Tour bietet seine Touren für Hauptstadtbesucher auch mit einem elektrisch betriebenen Bus an. "Über ein Jahr hat der Umbau gedauert", sagt Alexander Hilbring, der als technischer Leiter des Werkstattbetriebes Pokra die Umrüstung mit seinen Kollegen durchgeführt hat.

BildIngenieur Werner Schönewolf will den Lieferverkehr elektrifizieren. (Foto: Kirchner)

Eigentlich wollte das Unternehmen den Umbau nicht allein stemmen. Aber es fand sich kein geeigneter Partner. Also nahmen Hilbring und sein Team den Einbau des Elektromotors selbst in Angriff. "Die Komponenten mussten wir uns selbst zusammensuchen", sagt Hilbring.

Seit drei Monaten rollt der rote Bus nun täglich an den Berliner Sehenswürdigkeiten vorbei. 120 Kilometer schafft er, fünf Touren – dann muss er wieder an die Ladestation, die mit einer Photovoltaikanlage verbunden ist. Den Touristen würden die fehlenden Motorgeräusche im Berliner Verkehr gar nicht auffallen, sagt Hilbring. Zwei weitere Busse will das Berliner Touristikunternehmen noch umrüsten.

Lieferverkehr ist Hebel in den Städten

Noch immer ist der Anteil der Elektrofahrzeuge in Berlin und Brandenburg gering. Laut der Berliner Agentur für Elektromobilität sind derzeit ganze 3.500 Fahrzeuge mit elektrischem Antrieb unterwegs. Drei von vier angemeldeten Fahrzeugen seien im gewerblichem Besitz.

Auch Werner Schönewolf will bei den Unternehmen ansetzen. "Im Mittel der europäischen Metropolen hat die EU-Kommission als Orientierungsgröße angegeben, dass circa 20 Prozent der innerstädtischen Fahrzeuge Nutzfahrzeuge sind und 80 Prozent Pkw", sagt der Abteilungsleiter für Verkehrstechnik am Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik. Aber diese 20 Prozent Nutzfahrzeuge hätten einen 50-prozentigen Verkehrsanteil und einen 80-prozentigen Emissionsanteil. "Bei Nutzfahrzeugen haben wir den richtigen Hebel", glaubt Schönewolf.

In dem Berliner Institut entwickeln die Forscher neben kleinen Transportwagen und neuen Batteriestandards auch ein Batteriewechselsystem für elektrisch angetriebene Nutzfahrzeuge. Wenn die Batterie leer ist, wird sie einfach mit einer voll geladenen ausgetauscht. Von der Schnell-Ladung hält der Ingenieur nichts, das senke nur die Nutzungsdauer der Batterien. Dagegen könnten mit dem Wechselsystem Energiespitzen im Netz aufgefangen werden. "Wenn die Erneuerbaren viel Strom ins Netz einspeisen, dann könnten solche Wechselsysteme Netzstabilität gewährleisten", sagt Schöneholz.

Noch sind die Batterienpakete Prototypen. Doch das soll sich nach dem Willen des Fraunhofer-Instituts bald ändern. Wenn das Projekt ausgelaufen ist, soll ein Unternehmen ausgegründet werden, dass die Batterien herstellt. Ohnehin will das Institut die Kompetenz für Batterien zurück in die deutsche Wirtschaft holen. Bei der gegenwärtigen Entwicklung sind nach Ansicht von Schönewolf in drei Jahren zehn Prozent Verbesserung drin. Mit verändertem Aufbausystem oder verbesserten Materialien könne einiges erreicht werden. "Wenn man aber eine ganz neue Technologie anfasst, dann sind noch größere Technologiesprünge drin", glaubt Schöneholz. Deutschland könne dann sogar Marktführer bei der Batterieherstellung werden. 

35 Millionen Euro Förderung

Dass die E-Mobilität in der Hauptstadt gedeiht, dafür sollte eines der vier Schaufenster-Projekte der Bundesregierung sorgen, das nach vierjähriger Förderung in diesem Jahr endet. Mit 35 Millionen Euro hat die Bundesregierung hier die Elektromobilität gefördert, weitere 16 Millionen haben Berlin und Brandenburg zugesteuert. Aus Sicht von Frank Panse von der Berliner Agentur für Elektromobilität mit Erfolg: "Wir haben 770 öffentlich zugängliche Ladepunkte für E-Autos in der Region, 636 allein in Berlin", sagt Panse. Gegenwärtig laufen 70 Projekte, weitere 50 seien geplant. Rund 300 Arbeitsplätze in der Elektromobilität seien entstanden.

Das ist keine Kleinigkeit – aber die zu Förderbeginn gesteckten Ziele wurden nicht erreicht: Schon 2015 sollten rund 4.000 E-Fahrzeuge abgasfrei über die Straßen der Hauptstadt rollen, 1.600 Ladepunkte sollten eingerichtet sein. Dass der Umstieg zur Elektromobilität dennoch gelingt, steht für Werner Schönewolf außer Zweifel. "2050 wird kein Fahrzeug mit Verbrennungsmotor mehr angeboten", ist sich der Fraunhofer-Ingenieur sicher.

Bis es aber so weit ist, soll ein in Berlin vom Automobilzulieferer Continental entwickelter Fahrzeugantrieb den Spritverbrauch und die Emissionen von fossil angetriebenen Autos senken. Das Hybridsystem soll sich leicht einbauen lassen und den Verbrennungsmotor immer dann abschalten, wenn er nicht gebraucht wird.

Rolf Mienkus geht das noch nicht weit genug. Der Werbetexter engagiert sich beim Inselprojekt Berlin, das den Mierendorff-Kiez zu einem nachhaltigen Stadtteil umgestalten und den Umgang mit dem Auto ändern will. Gemeinsam mit dem Bezirksamt Charlottenburg und BMW hat Mienkus die gegenwärtig stattfindenden Mobilitätswochen auf die Beine gestellt. "Unsere Befragungen haben ergeben, dass die Autos tage- oder wochenlang ungenutzt rumstanden", sagt Mienkus. Manch einer konnte sich nicht mal erinnern, wo er sein Fahrzeug abgestellt hatte. Als Alternative können die Anwohner im Mierendorff-Kiez nun E-Bikes, Pedelecs und Elektroautos testen. Auch das Teilen von Fahrrädern und Autos soll hier künftig stärker verankert werden.

BildSeit rund einem Jahr lang testen die Berliner Verkehrsbetriebe vier Elektrobusse – mit einigen Anlaufschwierigkeiten. Deshalb hängt der Sightseeing-Anbieter Berlin City Tour seinen selbst gebauten E-Bus nicht an die große Glocke. (Foto: Oliver Lang/BVG)

Das wird bei den Anwohnern ankommen, ist sich Mienkus sicher. Für die Mobilitätswochen wurden zwei Anwohner gebeten, ihre Autos umzuparken. Auf der freien Fläche wurde mit Holzpaletten eine kleine Terrasse mit Holzbänken gebaut, auf dem die Leute sich zum Teetrinken und für Lesungen und Konzerte treffen können. Schon jetzt wollen die Anwohner, dass die Terrasse nach dem Ende der Aktionswochen erhalten bleibt.

Zum Dossier: E-Mobilität – Verkehr unter Stromladestation

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