Wenn Schachfiguren wie wild springen
Tag 3 der Weltklimakonferenz in Katar: Klimaverhandlungen sind ein Strategiespiel mit knapp 18.000 Teilnehmern und hochkomplexen Regeln. Nach den Eröffnungszügen lässt sich aber bereits erkennen, dass eine Gruppe von Entwicklungsländern auf eine Verzögerungstaktik setzt.
Aus Doha Christian Mihatsch
Die Klimadiplomaten spielen Simultanschach auf drei Spielbrettern, wobei sie auch Figuren von einem Brett auf einem anderen einsetzen können. Nun haben sie auf allen drei Brettern ihre Eröffnungszüge gemacht. Mittlerweile haben die Plenarversammlungen begonnen für den Kyoto-Strang, sowie für den Nicht-Kyoto-Strang – im Konferenzsprech "Long-term Cooperative Action", abgekürzt LCA – und für den Durban-Strang. Die Länder hatten die Möglichkeit, sich mit ihren Eingangsstatements zu positionieren. Dabei gab es "keine Überraschungen", wie Artur Runge-Metzger, der Leiter der EU-Delegation, zu klimaretter.info sagte. Anders ausgedrückt: Die Länder haben ihre Maximalforderungen wiederholt und "graben sich immer tiefer in ihre Schützengräben ein".

Schachspieler oder Schachfiguren – das ist hier die Frage: Das Plenum der Weltklimakonferenz. (Foto iisd)
Das gilt insbesondere für den Kyoto-Strang. Hier fordert die Allianz der kleinen Inselstaaten AOSIS, dass die Ziele zur CO2-Reduktion für die verbliebenen Kyoto-Teilnehmerstaaten massiv verschärft werden. Dies ist aus Sicht der Klimawissenschaft angemessen und aus Sicht der Inselstaaten nur allzu verständlich. Schließlich droht diesen wortwörtlich der Untergang. Doch politisch ist diese Forderung leider unrealistisch. Die verbleibenden Kyoto-Länder, also die EU, die Schweiz, Norwegen und Australien, legen ihre Reduktionsziele unabhängig von den Verhandlungen in Doha fest.
Auf dem Konferenzparkett wurde die AOSIS-Forderung als "ein strategischer Fehler" quittiert, wie ein europäischer Diplomat gegenüber klimaretter.info sagte. "Dieser Vorschlag hat der Allianz der Unwilligen eine Vorlage geliefert. Mit der Legitimität der kleinen Inselstaaten im Rücken können sie nun den Verhandlungsfortschritt verzögern."
Konkret sieht das dann folgendermaßen aus: China, Indien, die OPEC-Länder und einige gleichgesinnte Entwicklungsländer fordern, dass die Kyoto-Staaten ihre Emissionen bis 2020 um 40 bis 50 Prozent reduzieren. Dabei wissen alle, dass anderthalb Wochen vor der Verlängerung des Kyoto-Protokolls eine Verdoppelung der Emissionsreduktionen unwahrscheinlich ist. Aber man kann ja darüber einmal diskutieren – stundenlang, tagelang – und so Fortschritte in der Sache verhindern.
Doch der Kyoto-Strang hat noch mit einem weiteren Scharmützel aufzuwarten. Viele Entwicklungsländer wollen verhindern, dass Industriestaaten, die nicht beim Kyoto-Protokoll mitmachen, trotzdem Projekte des "Grünen Entwicklungsmechanismus" – englisch abgekürzt CDM – durchführen dürfen. Mit dem CDM können Industriestaaten Klimaschutzprojekte in Entwicklungsländern finanzieren und sich die CO2-Einsparungen auf ihre eigenen Emissionen anrechnen lassen.
Neuseeland und das CDM-Scharmützel
Davon profitieren eigentlich beide Seiten, zumindest in der Theorie. Insbesondere die "Allianz der Unwilligen" meint aber damit einen Hebel zu haben, um mehr Industrieländer zu einer Kyoto-Teilnahme bewegen zu können. In Frage kommen hier die USA, die das Kyoto-Protokoll nie ratifiziert haben, sowie Japan, Neuseeland und Kanada, die bei der Verlängerung des Kyoto-Protokolls nicht mehr dabei sein wollen.
Doch bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass nur Neuseeland ein Interesse an CDM-Projekten hat. Die USA haben noch nie solche Projekte gemacht und Kanada hat den Klimaschutz der Lobby für die Ausbeutung der Teersande geopfert. Japan hat in der Vergangenheit viele CDM-Projekte finanziert, setzt aber mittlerweile auf bilaterale Projekte außerhalb des UN-Systems. Einzig Neuseeland braucht diese Projekte für sein Emissionshandelssystem. Aber wenn Neuseeland keine CDM-Projekte mehr durchführen darf, könnte es sein Emissionshandelssystem entsprechend anpassen. Der Ausschluss von CDM-Projekten sei "pure Ideologie", schimpft denn auch der europäische Diplomat: "Letztlich geht es den Entwicklungsländern darum, sich für den Durban-Strang zu positionieren."
Damit spricht er die Möglichkeit an, Figuren von einem Spielbrett auf einem anderen einzusetzen. Natürlich geht es den Entwicklungsländern nicht darum, ob Neuseeland CDM-Projekte durchführen kann oder nicht. Und selbst wenn Neuseeland doch noch bei der Verlängerung des Kyoto-Protokolls mitmacht, lässt sich dies nicht als großer Sieg verkaufen. Es geht vielmehr darum, im Kyoto-Strang genug Druck aufzubauen, um in den beiden anderen Verhandlungssträngen Zugeständnisse zu erzwingen.
Im LCA-Track, dem Nicht-Kyoto-Strang, steht dabei die Geldfrage im Vordergund. Doch dabei erlitten die Entwicklungsländer einen frühen Dämpfer: Der Vorsitzende Aysar Tayeb aus Saudi-Arabien hat im Vorfeld von Doha einen Verhandlungstext ausgearbeitet, auf dessen Basis nun weiter gearbeitet werden sollte. Doch die Industriestaaten lehnen diesen Text als Grundlage ab und wollen an den Stand der Verhandlungen bei der Vorbereitungskonferenz in Bangkok anknüpfen. Da Tayeb seinen Text ohne Mandat der Länder verfasst hat, ist er damit hinfällig. "Das hat sich erledigt", sagt Runge-Metzger. Trotzdem ist der Streit in der Eröffnungsversammlung ein schlechtes Zeichen und kann das Verhandlungsklima für viele wertvolle Konferenztage vergiften.

Klimakonferenz in Doha: Das ist nicht das komplexe Schachspielbrett, sondern ein Brunnen im Konferenz-Zentrum. (Foto: iisd)
Damit ist der Fortschritt im Durban-Strang gefährdet. Hier soll bis 2015 ein neuer Weltklimavertrag ausgehandelt werden, der dann ab 2020 allen Ländern verbindliche Emissionsziele vorgibt. Und genau diesen Moment will die "Allianz der Unwilligen" so lange wie möglich hinauszögern. Denn zurzeit gibt es für Entwicklungs- und Schwellenländer keinerlei Vorgaben zur Reduktion ihrer Emissionen.
Dabei geht es dieses Jahr im Durban-Strang nur darum, das Arbeitsprogramm für die Jahre 2013 bis 2015 auszuarbeiten. Doch der Durban-Strang baut auf den anderen beiden Verhandlungssträngen auf, und je weniger dort erreicht wird, desto langsamer kommt der Durban-Strang voran. Die Verzögerungstaktik ist ein durchsichtiges Manöver, aber das heißt noch lange nicht, dass es nicht funktioniert.

Alle Beiträge zur COP18 in Katar finden Sie in unserem Doha-Dossier
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Bali Dezember 2007 - Der 13. Klimagipfel COP13



Tag 4 der Weltklimakonferenz in Katar: Die Verhandlungen im Strang zu Finanzierungsfragen stecken fest: Verhandlungsleiter Tayeb aus Saudi-Arabien besteht auf seinem ohne Absprache veränderten Entwurf. Einige Entwicklungsländer und die USA streiten über den Transfer von Klimatechnologien. Und nicht nur die NGOs sind inzwischen auch mit dem Konferenzpräsidenten unzufrieden.
Wo ist Altmaier? Was wird aus seiner Ankündigung, eine Verschärfung des europäischen CO2-Einsparziels von 20 auf 30 Prozent durchsetzen zu wollen – und zwar notfalls auch ohne Polen? Hat Altmaier Doha bereits aufgegeben? Und wie steht es mit einer neuen Allianz der Energiewende-Länder?
Tag 8 der Weltklimakonferenz. Stabsübergabe bei den Klimaverhandlungen in Doha: Statt der Klimadiplomaten verhandeln ab dem heutigen Mittwoch die Minister. Aber viel zu verhandeln haben sie derzeit nicht, es gibt kaum Kompromissvorschläge, dafür aber viele offene Punkte. Derweil machen Gerüchte die Runde, was die verschiedenen Minister wohl ankündigen werden, um die Blockaden wieder aufzulösen.
COP 18: Eine Konferenz, ein Thema, aber fünf verschiedene Verhandlungsstränge. klimaretter.info fasst für Sie zusammen, was auf der Klimakonferenz in Katar in diesem Jahr eigentlich passiert. Und beurteilt, wie die Chancen auf einen Erfolg sind.
Doha: Die erste Entscheidung steht unmittelbar bevor – die über den nächsten Gastgeber
Die 18. Weltklimakonferenz ist zu Ende: Mit dem Schließen der beiden Verhandlungsstränge zum Kyoto-Protokoll und zum Bali Action Plan stoßen die Klimadiplomaten eine neue Verhandlungs-Tür auf. Bis 2015 soll nun ein Vertrag entwickelt werden, der erstmals alle Staaten mit Reduktionspflichten belegt – auch die Schwellen- und Entwicklungsländer. Dem Klima hilft das Ergebnis indes nicht.
Tag 1 der UN-Klimakonferenz in Katar: Die Klimachefin gibt sich als arabische Prinzessin, der Inselstaat Nauru will überhaupt nur über ein 1,5-Grad-Ziel verhandeln, die EU sagt neue Gelder zu. Und der US-Unterhändler entdeckt die FCKW-Ersatzstoffe – und schafft so neue Perspektiven.
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Heute beginnt in Bangkok die letzte Vorbereitungskonferenz für die Klimaverhandlungen Ende des Jahres in Doha. Trotz des - relativen - Erfolgs in Durban 2011 ist die Ausgangslage denkbar schwierig. Zuerst müssen die Scherben von dem Mai-Treffen in Bonn aufgekehrt werden, bevor es an die ganz großen Themen geht: Kyoto Zwei und die künftige Klimafinanzierung.
Tag 5 der Weltklimakonferenz in Katar: Langsam wird in Doha die Zeit knapp. Nächste Woche kommen die Umweltminister, dann müssen die Klimadiplomaten etwas vorzuweisen haben. Doch einer der drei Verhandlungsstränge steckt fest und es sind bereits zwei wertvolle Verhandlungstage verloren gegangen. Dies könnte den Abschluss eines neuen Weltklimavertrags bis 2015 gefährden.
Campact und Klima-Allianz fordern Umweltminister Altmaier beim Abflug zum Klimagipfel auf, nicht vor der fossilen Lobby einzuknicken
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Der Klimagipfel in Doha ist nicht gescheitert. Doch der Kompromiss, den der katarische Konferenzpräsident am Ende durchhämmerte, ist unterirdisch schwach. Schuld ist die EU, die – paralysiert von Eurokrise und politischer Willensschwäche – ihre bisherige Vorreiterrolle aufgab. Teil 1 der Serie 'Was Doha wert ist'
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Ende des Jahres läuft nicht nur das Kyoto-Protokoll aus, sondern auch die sogenannte Anschubfinanzierung: 2010, 2011 und 2012 stellten die Industriestaaten den Entwicklungsländern je zehn Milliarden US-Dollar für Klimaschutz- und Anpassungsmaßnahmen zur Verfügung. Wie es nun weitergehen soll, darüber wird zur Stunde in Doha heftig gestritten.

