Solarstrom frisst den Regenwald
Im Südosten Malaysias versorgen seit einigen Monaten moderne Photovoltaikanlagen entlegene Dörfer mit Strom. Damit die Bewohner ihre solare Stromrechnung aber auch bezahlen können, sollen sie in das Palmölgeschäft einsteigen - und dafür den Regenwald abholzen
Aus dem Südosten Malaysias HENNER WEITHÖNER
Das Dorf Kampung Denai liegt mitten im malaysischen Regenwald etwa eine Autostunde von der Provinzhauptstadt Rompin entfernt. "Orang Asli" nennen sich die hier im Südosten Malaysias lebenden Menschen, was so viel wie Ureinwohner heißt. Etwas Landwirtschaft und Fischfang haben bislang das Überleben der knapp 100 Dorfbewohner gesichert. Eine Netzanbindung solcher Dörfer ist dem einzigen nationalen Stromanbieter TNB zu teuer, weshalb auch in Kampung Denai ein stinkender und lauter Dieselgenerator bislang etwas Elektrizität in die Lehmhütten brachte.

Das ist sie, die Solaranlage von Kampung Denai (Fotos: Weithöhner)
Bei TNB rechnete man im Sommer 2007 nach, ob als Alternative zum unrentablen Netzausbau eine dezentrale Solaranlage wirtschaftlich betrieben werden kann. Und tatsächlich: Während eine Anbindung an das nationale Stromnetz mit zwei Millionen Ringit (etwa 500.000 Euro) veranschlagt wurde, betrugen die Kosten für eine solare Insellösung mit zehn Kilowatt Spitzenleistung nur etwa 125.000 Euro. Seit Ende letzten Jahres versorgt nun ein PV-Generator 15 der 28 Haushalte mit Strom. Bei den restlichen Hütten muss erst die Hauselektrik so weit verbessert werden, dass eine gefahrlose Nutzung des Sonnenstroms möglich ist.
Weil TNB den Dorfbewohnern genau den gleichen Strompreis wie bei einer Netzanbindung berechnet, flattert nun aber jeden Monat eine saftige Rechnung in die selbstgebauten Briefkästen: Etwa 24 malaysische Cent (dies entspricht zirka sechs Euro-Cent) müssen nun für jede verbrauchte Kilowattstunde bezahlt werden. Doch wie soll ein seit Jahrhunderten durch Subsistenzwirtschaft geprägtes Dorf, das nur Tauschhandel und keine Geldgeschäfte kannte, dies erwirtschaften?
Bei TNB hatte man dafür schnell eine Lösung: Firmeneigene Planierraupen rodeten den Kampung Denai umgebenden Regenwald und schufen Platz für Palmölplantagen. Bis die Monokulturen Früchte tragen, bekommen die Orang Asli ihren Solarstrom auf Pump. Danach müssen sie als Palmöl-Bauern den Kredit an TNB abbezahlen.
"Jeder Familie hat man sechs Hektar gegeben, um dort Palmöl anzubauen", sagt Apil bin Maulud, der Dorfälteste von Kampung Denai. Laut TNB wurden insgesamt 170 Hektar gerodet, die jetzt als Palmölplantagen
genutzt werden. Für den 62-jährigen Apil bin Maulud überwiegen die Vorteile: "Der Solarstrom ist sehr gut. Jetzt können auch unserer Kinder abends Bücher lesen und die Kerzen und Kerosinlampen gehören der Vergangenheit an."
Apil bin Maulud, Dorfältester von Kampung Denai.
Mehrere Fischer im Dorf bestätigen, dass der Fischfang schon seit Jahren rückläufig sei und man froh über die neue Einnahmequelle ist. "Seit Jahrzehnten haben wir als Jäger und Fischer gelebt, aber wir trauern der Vergangenheit nicht nach", betont auch Maulud. "Als Palmöl-Bauern können wir am Fortschritt teilhaben."

Malaysische Umweltschutzorganisationen sehen dies anders und warnen vor der weiteren Zerstörung des Regenwaldes. "Die Rodungen sind für die Artenvielfalt eine Katastrophe, denn viele Tiere und Pflanzen kommen ausschließlich in den Regenwäldern Malaysias und Indonesiens vor", sagt Susan Than von der in Kuala Lumpur ansässigen Organisation "Sahabat Alam Malaysia".
Tatsächlich stehen 146 Säugetierarten in Indonesien und 47 Amphibienarten in Malaysia auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Tierarten. Die zu den Naturschützern "Friends of the Earth" gehörende Sahabat Alam Malaysia kämpft deshalb für ein Moratorium in der Region, das den weiteren Anbau von Palmölplantagen verbietet. "Jeder Hektar Regenwald, den wir retten können, zählt", sagt Than kämpferisch. "Wir dürfen diese Rodungen nicht zulassen. Egal ob damit Solarrechnungen bezahlt oder die Biokraftstoff-Tanks in Europa gefüllt werden."
Einen Bericht über das Palmölproblem auf Borneo finden Sie hier.
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Um Plantagen zu errichten, werden vor allem in Södostasien Regenwälder gerodet. Zwölf Millionen Hektar Naturland sind nach Angaben der Welternährungsorganisation FAO bisher in Plantagen umgewandelt worden - das entspricht etwa der Fläche von Bayern, Baden-Württemberg und Hessen zusammen. Bis 2030 soll sich die Plantagenfläche verdoppeln, denn die Nachfrage nach dem Pflanzenöl steigt rasant an.
Schon werden die Anbauflächen knapp. Anfang dieses Jahres warnte der malaysische Rohstoffminister Peter Chin vor Nachschubproblemen. Malaysia will daher die Produktion von derzeit 15,8 auf 20 Millionen Tonnen im Jahr 2020 steigern -auf Kosten des Tropenwaldes.
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