"Die Kabel sind nicht einmal das Schwierigste"
Christian von Hirschhausen (45) ist Professor für Infrastrukturpolitik und Energiewirtschaft an den Technischen Universitäten Berlin und Dresden Berlin. Zuvor arbeitete er unter anderem beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und beriet die ukrainische Regierung in Energiefragen. Er hat kürzlich eine Studie zu Kosten und Machbarkeit von Gleichstrom-Fernleitungen in Deutschland abgeschlossen. wir-klimaretter.de befragte ihn zu Chancen und Schwierigkeiten des Nordsee-Projekts.
wir-klimaretter.de: Die Idee eines Stromverbundes in der Nordsee ist ja nicht neu – warum macht sich die Politik jetzt an die Umsetzung?
Christian von Hirschhausen: In der Tat, Bestrebungen dazu gibt es seit Jahren – und auch schon einzelne Verbindungen: das NorNed-Kabel beispielsweise von Norwegen in die Niederlande oder Leitungen zwischen Belgien und England, zwischen Finnland und Estland. Das Neue an diesem Projekt ist die Vernetzung mehrerer Länder und Energiequellen, zu einem tatsächlich integrierten Verbund.
Die EU hat mit dem Ziel, bis 2020 ein Fünftel des Stroms aus erneuerbaren Quellen zu beziehen, eine konkrete Vorgabe gemacht – und die Mitgliedsstaaten machen sich nun eben an die konkrete Umsetzung. Natürlich spielen auch die Energiepreissteigerungen des Jahres 2008 eine Rolle und der allgemeine Druck durch den Klimawandel, in den nächsten Jahrzehnten den Übergang zu einem nachhaltigen Energiesystem zu schaffen. Auch in der Ostsee gibt es übrigens Überlegungen, einige Anrainerstaaten zu vernetzen – ko-finanziert durch das Konjunkturprogramm der EU.
Die Technik für dieses Projekt ist vorhanden?
Einige kleinere Forschungsaufgaben gibt es sicher noch, etwa die Steigerung der Effizienz oder die Entwicklung flexiblerer Abnahmestellen. Aber grundsätzlich ist die Fernübertragung von Elektrizität in Hochspannungs-Gleichstromleitungen (HGÜ) technisch kein Problem.
Vermutlich eher die Kosten?
HGÜ lohnt sich vor allem über längere Distanzen: Die Übertragungsverluste betragen nur ein Zehntel von Wechselstrom-Leitungen, dafür sind aber die Investitionen höher. Umgelegt auf die einzelne Kilowattstunde kann man von Kosten im Bereich von unter 2 Cent ausgehen.
Wenn man den Strom an der Küste hat, ist aber noch nicht viel gewonnen. Schon jetzt herrscht in Norddeutschland ein Überangebot an Windstrom …
… deshalb haben wir in einer aktuellen Studie durchgerechnet, wie man mit drei HGÜ-Kabeln die industriellen Verbrauchszentren Ruhrgebiet, Rhein-Main und Stuttgart an die Nordseeküste anbinden könnte. Natürlich, auch beim normalen Hochspannungsnetz müssen bestehende Engpässe behoben werden. Aber das allein reicht nicht aus. Wir schlagen vor, ergänzend dazu drei Backbone-Leitungen von der Küste nach West- und Süddeutschland zu ziehen – das wird billiger. Und man kann ja nicht einfach die Schwerindustrie nach Norddeutschland verlegen.
Wann könnte das Nordsee-Netz fertig sein?
Schwer zu sagen. Bisher gibt es ja nur Erfahrungen mit HGÜ-Kabeln für eine Punkt-zu-Punkt-Verbindung und nicht diese Art Verbundnetz. Es gibt zwar die Desertec-Idee für Strom aus Nordafrika, aber auch dort sind Fragen wie die Aufteilung der Kosten zwischen Energieerzeugern, Netzbetreibern und Verbrauchern noch ungeklärt.
Das Verlegen von Kabeln ist übrigens nicht einmal das Schwierigste: Bei solchen Verbindungsprojekten gibt es immer Gewinner und Verlierer – in diesem Fall werden die norwegischen Stromverbraucher die großen Verlierer sein. Sie profitieren jetzt von einem sehr niedrigen Preis des dortigen Wasserstroms, der liegt weit unter unserem Niveau. Wenn es leistungsfähige Stromverbindungen gibt, wird dieser Strom auch woandershin abfließen und das Preisniveau dort steigen, um etwa vier Cent pro Kilowattstunde. Ein schnelleres Vorgehen scheitert bisher vor allem daran, dass die norwegische Regierung noch keinen Mechanismus gefunden hat, wie man die einheimischen Verbraucher für die erhöhten Strompreise kompensiert. Deshalb gibt es gegen derartige Projekte immer Widerstand von Ländern mit niedrigen Strompreisen, das wird auch in Nordafrika beim Desertec-Projekt so sein.
Interview: Toralf Staud
Fotos: Alpha Ventus/DOTI, TU Dresden
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