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Brasilien: Wenn Wasserkraft nicht so sauber ist

Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva macht jetzt Ernst: 2010 soll dem Staudamm Belo Monte die Genehmigung erteilt werden.  Voith Hydro, Siemens oder Andritz aus Österreich freuen sich bereits auf Aufträge für Turbinen und Stromtechnik. Doch die indigene Bevölkerung geht gegen die Bedrohung ihres Lebensraumes auf die Barrikaden

Aus Porto Alegre GERHARD DILGER

Wasserkraft gilt allgemein als klimafreundlich, als Energie, die ohne Kohlendioxid-Ausstoß gewonnen wird. Ähnlich wie die Atomindustrie hat die kaum weniger mächtige Staudammlobby in den letzten Jahren das Klimaargument für sich entdeckt.

In Brasilien, wo die Wasserkraft traditionell den größten Anteil an der Stromerzeugung hat, ist der größte Lobbyist zugleich Energieminister: Edson Lobão heißt der Mann, dem die führenden Tageszeitungen Folha de São Paulo und O Globo auch dieser Tage wieder die Deutungshoheit zum Thema überlassen.

Auf der Weltklimakonferenz in Kopenhagen bekannte sich die brasilianische Regierung, allen voran Delegationsleiterin und Präsidentschaftskandidatin Dilma Rousseff, zu einem kohlenstoffarmen Entwicklungspfad. In ihrer  Argumentation sind Wasserkraft oder Agrotreibstoffe alternative Energien.

Ende 2008 hatte Lobão über die Presse mehrfach die Erteilung einer Umweltlizenz für den Staudamm Belo Monte angekündigt und damit  den Rücktritt der für das Genehmigungsverfahren zuständigen Beamten provoziert . Die nämlich fühlten sich von ihrem Minister Carlos Minc im Stich gelassen.

Mit einer Kapazität von gut 11.000 Megawatt soll am Amazonas-Nebenfluss Xingu das drittgrößte Wasserkraftwerk der Welt entstehen - nach dem Drei-Schluchten-Damm in China und Itaipú an der Grenze zu Paraguay. Die Leistung von 11.000 Megawatt könnte - auf den ersten Blick - etwa 15 durchschnittliche Kohlekraftwerke ersetzen.

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Popstar Sting im November neben Stammeshäuptling Raoni

"Brasilien braucht Energie, aber vielleicht braucht es nicht Belo Monte", sagte Sting so diplomatisch wie möglich, als er im November Brasilien besuchte. Im Gebiet von Altamira nämlich leben indigene Völker, für die der Bau des Staudamms die Vertreibung bedeuten würde. Deshalb begannen sich die Indigenen in den 80er Jahren zu wehren, auch Sting engagierte sich schon damals. Im Februar 1989 hatte dieWeltbank nach internationalen Protesten schließlich ihre Finanzierung für das Staudammprojekt zurückgezogen.

"Die Arroganz der Regierung Lula erinnert an die Militärdiktatur"

Itaipú, den zweitgrößten Staudamm der Welt, hatte das brasilianische Militärregime (1964-85) bauen lassen. "Auch im Fall Belo Monte erinnert die Arroganz der Regierungsplaner an die Zeiten der Militärdiktatur", sagt Bischof Erwin Kräutler . Der 70-jährige Austrobrasilianer, der der flächenmäßig größten Diözese Lateinamerikas vorsteht, ist der prominenteste Staudammkritiker. Auf einer Audienz im Juli versprach ihm Präsident Lula da Silva, das Mammutprojekt werde nicht um jeden Preis durchgesetzt. Und tatsächlich gab es parallel dazu eine ermutigende Entwicklung: In einer Auktion vergab die Regierung Mitte Dezember Aufträge für die Errichtung von zwei Gigawatt Windenergie-Anlagen.

Doch an Belo Monte hält die Regierung Lula ebenfalls fest. Die Erteilung der Umweltlizenz durch Minister Minc scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein - obwohl mehr als 20.000 Menschen umgesiedelt werden müssten, der Lebensraum mehrerer indigenen Völker und weite Regenwaldflächen für immer zerstört würden.  

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Fast 2.000 Kilometer lang: Der Rio Xingu in Brasilien

"Als ich vor 20 Jahren zum ersten Mal an den Xingu kam, spürte ich, dass der Tropenwald wichtig für die Welt ist", erklärte Sting, der seinerzeit als Konsequenz aus der Erkenntnis seine Rainforest Foundation gegründet hat. Heute sei diese "Intuition" wissenschaftlich untermauert, fügte Sting hinzu. Abends bat er den Kayapó-Indianer mit den Worten "Das ist mein Vater, mein großer Freund" auf die Bühne.

Je größer die Dämme, desto geringer der Nutzen fürs Klima

Experten zweifeln am Klimanutzen des Belo-Monte-Projekts: Wegen der saisonalen Schwankungen des Wasserstandes rechnet sich das Kraftwerk erst, wenn am Oberlauf des Xingu weitere Staudämme gebaut werden. Dann aber würde sich die Treibhausgas-Bilanz radikal verschlechtern: Bei der Überschwemmung von Waldflächen entstehen große Mengen an Methan, das ein hochwirksames Treibhausgas ist - und je größer das geflutete Areal, desto höher der Methanausstoß.

In den ersten zehn Jahren nach der Flutung würden zwei Xingu-Staudämme mehr Treibhausgase produzieren als das Ballungsgebiet São Paulo mit seinen 20 Millionen Einwohnern, kalkuliert Klimaforscher Philip Fearnside aus Manaus.

Doch die Regierung setzt auf eine Politik der Dampfwalze: Den Großteil der Finanzierung übernimmt die staatliche Entwicklungsbank BNDES, die Justiz bügelt Einsprüche ab. Wie schon 2007 bei den Wasserkraftwerken Santo Antônio und Jirau am Amazonas-Nebenfluss Madeira dürfte Lula das Umweltministerium zur Genehmigung des umstrittenen Projekts zwingen. 

Die Bau- und Energielobby in Brasilien freut es, die Proteste sind ihr egal. Die Staatsbetriebe Eletronorte und Eletrobras sind von jeher eine Domäne der Gruppe um den mächtigen Senatspräsidenten José Sarney, eines Parteifreunds von Minister Lobão. Die Baukonzerne Odebrecht, Camargo Corrêa und Andrade Gutierrez werden im kommenden Wahlkampf sicherlich wieder zu den größten Parteispendern gehören.

Am Madeira gehen bereits Millionenaufträge für Turbinen und Stromtechnik an die Konzerne Voith Hydro, Siemens oder Andritz. Diese Firmen hoffen auch auf den Bau von Belo Monte – ebenso wie der österreichische Handelsdelegierte in São Paulo, der Erwin Kräutler vor kurzem heftig attackierte. 

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Noch ganz ungestaut: Der Rio Xingu in Brasilien (Fotos: NASA, wikipedia, Dennis Barbosa/Globo Amazônia)

Ein Großteil des Stroms aus Amazonas-Wasserkraft werde für die energieintensive Produktion von Aluminium, Stahl oder Zellstoff benutzt, erklärt Célio Bermann, Professor für Energie und Elektrotechnik in São Paulo: "Das sind Industrien, die die Länder des Nordens daheim nicht mehr wollen. Brasilien hingegen spielt die Rolle des Rohstofflieferanten, der Mehrwert entsteht woanders." Umgekehrt entlastet der Norden mit der Auslagerung solcher Branchen in Schwellenländer wie China oder eben Brasilien ganz nebenbei seine eigene Klimabilanz. 

Bermann hingegen plädiert für Wind- oder Solarenegie und verweist auf das enorme Potenzial, das in Brasilien durch Effizienzsteigerungen bei der Stromübertragung und die Modernisierung der bereits bestehenden Dämme eingespart werden könnte. Auch den Bau kleinerer Wasserkraftwerke hält er für vertretbar.

Im letzten Entwurf des neuen brasilianischen Klimaschutzgesetzes war tatsächlich vorgesehen, die staatliche Förderung der Wasserkraft künftig auf kleine, umweltfreundliche Staudämme zu konzentrieren. Doch gegen diese Neuausrichtung legte Präsident Lula sein Veto ein, bevor er das Gesetz Ende Dezember in Kraft setzte.


 

 

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