Umwelt-Medienpreis 2008 Gewinner des Deutschen Solarpreises 2009
Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. DruckenE-Mail

Copenhagen [X]

US-Präsident Barack Obama will in Kopenhagen nicht reden, sondern handeln, hat aber bisherigen Ankündigungen nichts hinzuzufügen. Die Staats- und Regierungschefs, Minister und Vorsitzenden der Delegationen haben offenbar ein Abschlussdokument für den Weltklimagipfel verfasst: Darin wird "anerkannt", dass eine Temperaturerhöhung 2 Grad Celsius nicht überschreiten soll. Deshalb sollen bis 2020 Treibhausemissionen um X Prozent gegenüber 1990 und Y Prozent gegenüber 2005 gesenkt werden

Vom Verhandlungsparkett SARAH MESSINA und SUSANNE GÖTZE

Das Tagesprogramm ist am letzten Tag des Weltklimagipfels um 11 Uhr morgens schon nicht mehr aktuell: Pressekonferenzen sind abgesagt oder verschoben, die Kopfhörer zum Verfolgen des informellen Plenums auf dem Bildschirm schon lange ausgegangen und der Kaffeeautomat hat längst seinen Geist aufgegeben. Während in der NGO-Halle gähnende Leere herrscht, platzt das Medienzentrum aus allen Nähten. Die Staats- und Regierungschefs stehen wieder vor dem Redemikrophon: Jeder wird drei Minuten sprechen, so geht das bereits seit Donnerstag Vormittag.

obama-besser.jpg
Medien, Beobachter und was von Nichtregierungsorganisationen noch übrig blieb haben zum Plenum keinen Zutritt: Ihnen bleibt nur der Blick auf die Live-Übertragung

Am Freitag Morgen war auch US Präsident Barack Obama in Kopenhagen gelandet. Wann er sprechen soll, ist zunächst noch unklar. Er soll am späten Vormittag Chinas Regierungschef Wen Jiabao treffen, heißt es. Die Gerüchte schwirren: Im Bella Center ist mal wieder Chaos ausgebrochen.

Der US-Präsident hatte sich nach seiner Ankunft direkt zum Mini-Gipfel gesellt, in dem 26 Staats- und Regierungschefs, darunter auch Angela Merkel, bereits in der Nacht versucht hatten, Schwung in die Verhandlungen zu bringen. Offenbar mit ersten Ergebnissen.

Copenhagen [X]

In einem mit "Outline" überschriebenen Papier, das wir-klimaretter.de vorliegt haben Staatsoberhäupter, Minister und Delegationsleiter am Freitag einen Entwurf für die Abschlusserklärung des High-Level-Segments erarbeitet: Copenhagen [X] - der Platzhalter kann für Abkommen, Erklärung, Beschluss, Vereinbarung oder ähnliches stehen und maßgeblich für die Verbindlichkeit sein - umfasst auf drei Seiten unter anderem die nüchterne Feststellung, dass die Erhöhung der globalen Durchschnittstemperatur bis Ende des Jahrhunderts 2 Grad Celsius nicht überschreiten "sollte". Der Höchststand der Emissionen soll nicht bis zum Jahr XY, sondern "so schnell wie möglich erreicht werden". Dafür sollen sich Annex-I-Länder (Industrieländer) zu "X Prozent Reduktion bis 2020 gegenüber 1990 und Y Prozent gegenüber 2005" verpflichten.

fotografen.jpg
Kameras aus 192 Ländern hoffen auf den Auftritt der Stars und Regierungschefs außerhalb des Plenums. (Fotos: Reimer) 

Nicht Annex-I-Länder sollen im Rahmen so genannter NAMAS (Nationale Appropriate Mitigation Actions) eigene Klimaschutzmaßnahmen ergreifen und dabei unterstützt werden: Unter anderem durch Mechanismen wie REDD (Reducing Emissions from Deforestation and Degradation) oder Technologietransfer, auf die im Dokument noch nicht näher eingegangen wird. 

Es wird "zur Kenntnis genommen", dass von 2010 bis 2012 insgesamt 30 Milliarden US-Dollar an Klima-Soforthilfen nötig sind, um Anpassung in den am wenigsten entwickelten Ländern und den kleinen Inselstaaten anzuschieben. Die Verhandlungsparteien "unterstützen das Ziel", das bis 2020 gemeinsam 100 Milliarden US-Dollar für die Entwicklungsländer aus öffentlichen und privaten Mitteln bereitgestellt werden sollte. Gestern hatten auch die USA erklärt, dass sie sich daran finanziell beteiligen wollen. 

lula.jpg
Warten auf Obama während Brasiliens Präsident Lula da Silva spricht

Sowohl am Anfang des Dokuments als auch in Paragraph 13, dem letzten Abschnitt des Papiers, heißt es: Auf der Basis des Fortschritts der beiden Verhandlungsgruppen unter der Klimarahmenkonvention und dem Kyoto-Protokoll soll weiter verhandelt werden, um "ein oder mehrere rechtsgültige Papiere unter der Klimarahmenkonvention schnellstmöglich und nicht später als zur COP 16", dem nächsten Weltklimagipfel in Mexiko zu beschließen.

Und dann kam Obama...

Um 12.35 Uhr hielt Präsident Obama dann seine heiß erwartete Rede. Er betrat unter Applaus das Podium und begann mit den Worten: "Klimawandel, das ist keine Fiktion, das ist Wissenschaft". Noch einmal grenzte sich Obama damit eindeutig von seinem Vorgänger ab, um dann rund zehn Minuten an die Staatengemeinschaft zu appellieren, dass die Welt ein neues Klimaabkommen braucht: "Ich bin nicht gekommen um zu reden, sondern um zu handeln", so die Ansage des Präsidenten.

fernseher.jpg 
Kommunikationsmittel Nummer 1 im Bella Center ist mittlerweile der Bildschirm.

Amerika werde seinen neuen eingeschlagenen Weg hin zu einer Wirtschaft mit sauberer Energie weiter beschreiten, egal ob es ein Klima-Abkommen geben werde, oder nicht, so der US-Präsident. Die Klimaziele seines Landes bis 2020 seien nur der Anfang einer Wende hin zu einer kohlenstoffarmen Produktionsweise. Der Weg sei eingeschlagen und es werde unter keinen Umständen ein Zurück geben, versicherte Obama. Aber, so ergänzte er nach einer rhetorischen Pause, dazu müssten alle zusammenarbeiten.

Die Elemente für diese gemeinsame Anstregung seien klar: Es gehe um Reduktionsziele, Finanzierung und Transparenz. Und nun sei es an den hier Versammelten noch heute eine Einigung zu erzielen – man habe keine Zeit zu verlieren. "Wir reden schon seit zwei Jahrzehnten, nun ist die Zeit des Redens vorüber", so Obama in den Schlusszügen seiner Ansprache vor UN-Plenum.

Dass die lange Zeit des Redens vor allem dem jahrzehntelangen Zögern der USA geschuldet sind, erwähnt der Präsident nicht. Es sei die enttäuschenste Rede des Präsidenten gewesen, die er je gehalten habe, unken viele, nachdem der Präsident das Podium wieder verlassen hat. Andere hoffen darauf, dass noch heute Realität wird, was Obama in seiner Rede eingefordert hat.

Zum Kopenhagen-Dossier klicken Sie HIER
 

 

Diesen Text mit einem Klick honorieren:    [Erklärung]

Meinungen: Kommentar

Linkspartei: Geht doch nach Beeskow!

tagebau-lausitz-470_boeck Die Linkspartei lädt am Wochenende zu einer hochrangig besetzten Konferenz zur Energiewende nach Hamburg ein – während in Brandenburg gegen Braunkohle, CCS und die fossile Politik der Linkspartei demonstriert wird. Ein Kommentar von Hanno Böck. [mehr...]

Werbung

Aus der Redaktion

Was, bitte, sollen denn diese Aufkleber?

germanyIm Redaktionsalltag gibt es immer wieder Themen und Texte, die uns besonders auffallen. Die brisanter sind als andere. Oder spannender. Oder bewegender. Mit bunten Aufklebern werden unsere Redakteurinnen und Redakteure (und gelegentlich auch Gäste) Sie künftig auf solche Texte hinweisen
Aktion des Monats

Raus aus der Tiefsee!

Seit drei Monaten sprudelt Öl aus der havarierten Bohrinsel von BP. Nehmen Sie an der Petition von Greenpeace teil, um neue Tiefseebohrungen zu verhindern! [mehr...]
Aktuelles Dossier 

Von Kopenhagen nach Cancun

Im August trifft sich die Weltklimadiplomatie zum dritten Mal in diesem Jahr um den nächsten großen Klimagipfel in Mexiko vorzubereiten. Mehr zur Bonner Konferenz hier  [mehr...]
herne_gp_ulrichbaatz_teas
Serie

Wie Klimakiller kippen

Reihenweise planten Stromkonzerne in Deutschland neue Kohlekraftwerke - doch rund ein Dutzend davon ist bereits verhindert worden. Gibt es Erfolgsrezepte für den Widerstand? [mehr...]
logo-afrika
Serie

Die Welt schaut nach Afrika

Der etwas andere Blick zur Fußball-WM: Klimaretter.info beleuchtet verschiedene Aspekte der Erderwärmung, die in Afrika sichtbar sind wie auf keinem zweiten Kontinent [mehr...]

Werbung

Dosenindustrie: Greenwash-Slogans verschrottet

Mitte Juli haben wir an dieser Stelle über den Versuch der Dosenindustrie berichtet, Getränkebüchsen grün anzumalen – und so deren Wiedereinführung auf dem Markt propagandistisch zu begleiten. Kurz darauf nahm sich die Deutsche Umwelthilfe (DUH) des Themas an. Und erreichte[…] [mehr...]

Aktuelle Blogs

Klimaretter-Dossiers

Bonn III - Die Sommerkonferenz der Klimadiplomaten
Nordrhein-Westfalen 2010 - Die Klima-Wahl
1. Klimakonferenz 2010 - Stillbeschäftigung in Bonn
Alternativgipfel Cochbamba - Kopenhagen von unten
Kopenhagen 2009 - Wie der Mega-Gipfel scheiterte
Bundestagswahl - Das Klima war nur Nebensache
McPlanet-Kongress - Beginn einer neuen Bewegung?

Werbung


Ressorts

Politik

merkel-kabinett

Regierung beschließt Sparpaket

Kürzen, kürzen, kürzen - jetzt gibt es über das Wie und Wo einen Regierungsbeschluss. Vor allem die sozial Schwachen müssen Einschnitte verkraften. Mehreinnahmen will die Regierung aber auch durch das Streichen von umweltschädlichen Subventionen erreichen. Zudem wurde die Luftverkehrs-Steuer beschlossen. Nur die Brennelementesteuer bleibt weiter offen - und wird erst mit dem Energiekonzept verhandelt. Von Johanna Treblin
[mehr...]
Energie

strommasten-nick

Bürgernetz Nordhessen will kommunale Stromnetze

In Grebenstein hat sich die Bürgernetz Nordhessen KG gegründet. Die Firma strebt eine Rekommunalisierung der Energieversorgung an und bietet Bürgern die Möglichkeit finanzieller Beteiligung [mehr...]
Protest

facebook-datacenter

Greepeace fordert Öko-Facebook

Facebook richtet ein neues Rechenzentrum ein, welches mit Kohlestrom versorgt wird - Greenpeace und 280.000 andere Facebook-Mitglieder protestieren [mehr...]
Wirtschaft

agrosprit-madera-pacificethanol

Kalifornien unterstützt Agrotreibstoffe

Der US-Bundesstaat Kalifornien will die angeschlagene Agrospritfirma Pacific Ethanol mit mehreren Millionen Dollar unterstützen. Der Gründer ist politischer Verbündeter des kalifornischen Gouverneurs Arnold Schwarzenegger [mehr...]
Mobilität

landnahme-foe

Illegale Landnahme für Agrosprit

In Afrika nimmt die illegale Landnahme zu. Genutzt wird das Land vor allem von ausländischen Firmen, die Agrotreibstoffe für den europäischen Markt herstellen. Einer neuen Studie zufolge sind mindestens fünf Millionen Hektar Land betroffen [mehr...]
Forschung

Korallen-Konstanzestaud

Massives Korallensterben in Indonesien

Die dramatische Erwärmung der Oberflächentemperatur in den Gewässern um Indonesien hat für eine massive Korallenbleiche und das Absterben vieler Korallenriffe gesorgt   [mehr...]
Umwelt

wolken-indo

Millionenschäden durch Extremwetter in Hessen

Tornado auf Usedom, Tornado in Mittelhessen: An gleich zwei Orten in Deutschland wütete am Montagabend starker Sturm [mehr...]
Konsum

kuhlschrank_innen_sima

100 Euro für einen neuen Kühlschrank

Aktionsmonat zur Internationalen Funkausstellung: Kampagne "Energieeffizienz - jetzt" fordert das Aus für stromfressende Kühlschränke und bietet für den Kauf von A++ Geräten Zuschuss-Gutscheine [mehr...]

Werbung


Meinungen

Kommentar

tagebau-lausitz-470_boeck

Linkspartei: Geht doch nach Beeskow!

Die Linkspartei lädt am Wochenende zu einer hochrangig besetzten Konferenz zur Energiewende nach Hamburg ein – während in Brandenburg gegen Braunkohle, CCS und die fossile Politik der Linkspartei demonstriert wird. Ein Kommentar von Hanno Böck. [mehr...]
Standpunkte

atom-traktor-campact

Energiekonzept: Die Trickserei der schwarz-gelben Bundesregierung

Heute übergeben die Bietergemeinschaft Prognos, das Energiewirtschaftliche Institut an der Universität zu Köln (EWI) und die Gesellschaft für Strukturforschung (GWS) der Bundesregierung die Energieszenarien, die als Grundlage für das angekündigte nationale Energiekonzept dienen sollen. Es geht nicht darum, den Umstieg in eine solare Zukunft aufzuzeigen, sondern die Vorteile einer Laufzeitverlängerung deutlich zu machen, sagt Michael Müller, Staatssekretär a.D. und Mitherausgeber von klimaretter.info in seinem Standpunkt.
[mehr...]
Rezension

MKG_Klimakapseln_HausRucker_EnvironmentTransformer_cr
Klimakapseln: Überleben in der Katastrophe

Wie könnte eine Zukunft aussehen, in der es längst nicht mehr um Klimaschutz geht, sondern vor allem um die Anpassung an das Unvermeidliche? Im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe eröffnet heute die Ausstellung "Klimakapseln. Überlebensbedingungen in der Katastrophe". Ein Rundgang
Von SARAH MESSINA
[mehr...]
Kolumnen

etscheid

Sehnsucht nach dem Hochglanzmorgen

Nur ein dünner Strahl warmes Wasser, Hände werden kalt gewaschen, die Dusche dauert zwei Minuten - beim Einseifen wird das Wasser ausgeschaltet. Der Morgenritus ist für einen sich umweltbewusst dünkenden Menschen nicht einfach. [mehr...]
Überraschung der Woche

Matthias-Willenbacher-klein-juwi

Erdgas, Merkels Gegenbewegung und Oliver Bierhoff

Kalenderwoche 34: Erdgas ist nicht Brückentechnologie, sondern eine Ergänzung des Strommixes auf dem Weg zu 100 Prozent Erneuerbaren, sagt Matthias Willenbacher, Gründer von juwi und Mit-Herausgeber von Klimaretter.info. Und Oliver Bierhoffs Vater war im Vorstand von RWE – wie überraschend.
[mehr...]