Nasheed: Keinen Selbstmordpakt in Kopenhagen
Der Präsident der Malediven will am 1,5-Grad-Ziel festhalten. Im Interview mit klimaretter.info erklärt Mohamed Nasheed, dass es in Kopenhagen nicht um Politik geht, sondern um Physik. "Und Physik ist nicht verhandelbar".
Nasheed wurde 2001 ohne Angabe von Gründen verhaftet. Seit 1989 war der ehemalige Journalist insgesamt 13 Mal in Haft. Am 28. Oktober 2008 wurde er zum Präsidenten der Malediven gewählt. Dort machte er immer wieder mit spektakulären Aktionen - wie etwa einer Kabinetts-Sitzung unter Wasser - auf die Erderwärmung aufmerksam
klimaretter.info: Herr Ministerpräsident, die Allianz der kleinen Inselstaaten AOSIS versucht seit vergangenen Freitag, die internationale Klimapolitik statt auf 2 Grad maximale Globalerwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Wie realistisch ist dieses Ziel?
Mohamed Nasheed: Ganz klar, es gibt eine Lücke zwischen dem 1,5 Grad-Ziel und den Emissionsreduktionen, die auf dem Tisch liegen. Aber ich bin mir sicher, dass wir zu einem besseren Verständnis kommen können und in den nächsten vier Tagen die Lücke schließen. Ich jedenfalls werde keinen Selbstmordpakt in Kopenhagen unterschreiben, sondern nur einen Überlebenspakt.
Tuvalu, ein anderer kleiner Inselstaat im Pazifik, hat vergangenen Donnerstag das 1,5-Grad-Ziel in die Verhandlungen eingebracht - und dagegen stimmten dieses Mal auch Länder des G77-Blocks, zum Beispiel Indien und China. Sind die Entwicklungsländer in ihrer Verhandlungsposition hier in Kopenhagen erstmals gespalten?
Für mich geht es nicht um die Frage von Industrieländern und Entwicklungsländern. Selbst wenn alle Industriestaaten ab heute all ihre Emissionen stoppen würden, würden wir bei Business-As-Usual trotzdem untergehen. Deswegen kann ich nicht zwischen Industrie- und Entwicklungsländern trennen. Alle müssen ihre Emissionen reduzieren - Entwicklungsländer genauso wie Schwellenländer genauso wie Industrieländer. Dabei muss klar sein, dass der, der viele Emissionen hat, viel reduzieren muss.
Mohamed Nasheed, Präsident der Malediven, hier auf dem alternativen Klimaforum am Montag. (Foto: 350.org)
Sie sind als erster Staatschef in Kopenhagen eingetroffen: Wie bewerten Sie den Verhandlungsstand?
Die Technokraten verhandeln seit 14 Jahren. Ich frage mich, was die eigentlich tun. Sie haben es immer noch nicht geschafft, einen Text zu produzieren, den sie ihren Staatschefs vorlegen können. Ich halte also nicht viel von den Verhandlungen heute.
Nun blockiert ausgerechnet ein Antrag der kleinen Inselstaaten die Verhandlungen. Wer hat am Stillstand Schuld?
Es geht nicht darum, die Schuld zu verteilen. Unterschiedliche Länder haben unterschiedliche Anliegen. Man hat diesen Prozess mit der Idee begonnen, eine weitere Verhandlungsrunde zu eröffnen, ganz ähnlich wie in der Welthandelorganisation WTO. Man will Kompromisse finden. Aber das ist ein Denkfehler: Bei einem Klimaabkommen geht es um Physik, nicht um Politik. Und Physik kann man nicht verhandeln.
Als Teil der G77-Staaten ist die Delegation der Malediven gestern aus den Verhandlungen ausgezogen. Wenn es um Physik geht, wieso beteiligen sich die Delegierten ihres Landes dann an solcher Symbolpolitik?
Es gibt kein intaktes Bündnis der G77 hier. Es gibt Länder, die nicht damit einverstanden sind, was auf dem Gipfel passiert. Ich glaube nicht, dass wir alle Entwicklungsländer zusammenstecken sollten und sagen, dass sie mit einer Stimme sprechen. Aber alle Länder haben ein Interesse: Wir wollen überleben.
Zuletzt wurde Kritik an der dänischen Präsidentschaft laut: Sie verhandle parteiisch zugunsten die Industriestaaten. Wie zufrieden sind Sie mit der Konferenzleitung?
Die Dänen als Präsidenten der COP leisten sehr exzellente Arbeit unter sehr schwierigen Umständen, besonders der Premierminister.
INTERVIEW: DANIEL BOESE
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