Der Widerspenstigen Zähmung
Bislang zeigten sich die pazifischen Inselstaaten um Tuvalu auf dem Klimagipfel vehement: Die Industriestaaten müssten mehr für den Klimaschutz tun und die Erderwärmung auf höchstens 1,5 Grad Celsius begrenzen helfen. Nun soll offenbar Angela Merkel den Widerstand brechen: Das Kanzleramt hat Vertreter von Tuvalu sowie weiterer vom Meeresspiegel-Anstieg bedrohte Inselstaaten für Dienstag zum Gespräch eingeladen
Aus Kopenhagen SUSANNE GÖTZE,
SARAH MESSINA und DANIEL BOESE
Ein winziger Inselstaat blockiert seit vergangenem Donnerstag den Weltklimagipfel: Tuvalu fordert, die 1,5-Grad-Grenze als Grundlage für ein neues Klimaabkommen festzuschreiben. Bislang will die Welt - wenn überhaupt - die Erderwärmung auf 2 Grad Celsius zu beschränken versuchen. Das aber könnte für Inselstaaten wie Tuvalu und andere besonders vom Klimawandel betroffenen Länder bereits zu viel sein.
Vergangene Woche in Kopenhagen - Demonstranten unterstützen die Forderung Tuvalus nach stärkerem Klimaschutz. Am Dienstag im Berliner Kanzleramt werden die pazifischen Staatschefs wohl allein sein
Gemeinsam legten die Allianz der kleinen Inselstaaten AOSIS deshalb der Klimakonferenz am Freitag einen eigenen Vertragsentwurf vor. Seitdem stecken die Verhandlungen fest. Zerschlagen will den gordischen Knoten der Verhandlungen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU): Bei einem Treffen mit Staatschefs und Ministerpräsidenten der pazifischen Inselstaaten soll der Weg für ein Abkommen freigeräumt werden. Praktischerweise weilen die Politiker seit Sonntag ohnehin in der deutschen Hauptstadt.
Geplant war die Berlin-Reise schon seit November. Auswärtiges Amt und Goethe-Institut haben für die Staatsmänner ein nettes Programm zusammengestellt, die Präsidenten von Kiribati, Mikroniesien, Palau und den Marshall-Inseln sind dabei, außerdem die Premierminister aus Samoa, Tuvalu und Vanuatu, aus Tonga ist der Vizepremier dabei. Am Montagvormittag geht es nach Potsdam zu einem Treffen mit Klaus Töpfer, dem ehemaligen Chef des UN-Umweltprogramms (UNEP) und Vertretern des Potsdam Instituts für Klimaforschung (PIK). Am Nachmittag nimmt sich Bundespräsident Horst Köhler im Schloss Bellevue eine Dreiviertelstunde Zeit für die Gäste aus dem Pazifik.
Ein Gespräch mit der Kanzlerin über "Fragen des Klimawandels"
Am Dienstag, 11 Uhr, geht es dann ins Bundeskanzleramt. "Im Mittelpunkt" des Gesprächs hinter verschlossenen Türen soll nach Auskunft des stellvertretenden Regierungssprechers, Christoph Steegmans, "Fragen des Klimawandels" sein. Und dieser Termin könnte entscheidend sein für den gesamten weiteren Verlauf der Verhandlungen in Kopenhagen. Denn sollte die Blockade der Inselstaaten über diesen Dienstag hinaus Bestand haben, dann wird es schon rein verhandlungs-praktisch schwierig, bis zum geplanten Gipfelfinale am Freitag noch zu einem Abschlussabkommen zu kommen. Dienstagnachmittag jedenfalls fliegen die pazifischen Politiker direkt nach Kopenhagen.
Die Pan-afrikanische Allianz für Klimagerechtigkeit (PACJA) sieht Merkels Termin als Gegenstück zu einem Treffen in Paris: Dort solle ebenfalls am Dienstag Staatschef Nicolas Sarkozy bei einem Treffen mit dem äthiopischen Premierminister Meles Zenawi widerspenstige Staaten aus Afrika zum Einlenken bewegen. Zenawi koordiniert die Verhandlungen der afrikanischen Staaten in Kopenhagen.
Auch die afrikanischen Staaten nämlich unterstützen den Vorstoß der pazifischen Inselstaaten für ein 1,5-Grad-Ziel. Alles andere würde für Afrika ein "Todesurteil" bedeuten, erklärte der Sprecher der G77-Staaten, Lamumba Stanislaus Di-Aping, vergangene Woche auf dem Gipfel im Kopenhagener Bella Center. In der Gruppe 77 sind an die 140 Entwicklungsländer und China organisiert.
"Negativer Bilateralismus schadet der gesamten Menschheit"
"Natürlich hat jeder Staatschef das Recht, seine Reiseroute nach Kopenhagen selbst zu bestimmen", sagt Augustine B. Njamnshi von der PACJA. " Aber wenn beispielsweise bei dem Treffen in Berlin auf bilateraler Ebene über ein Klimaabkommen gesprochen wird, verurteilen wir das. Der Ort für Klimaverhandlungen ist der Gipfel in Kopenhagen. Die Dinge müssen hier auf den Tisch kommen und hier diskutiert werden. Negativer Bilateralismus schadet der gesamten Menschheit."
Mit den angesetzten Treffen wollen Frankreich und Deutschland offenbar noch vor der Ankunft der ersten Staatschefs am Mittwoch in Kopenhagen die Positionen der kleinen Inselstaaten entschärfen. Eine Begrenzung der Erderwärmung auf höchstens anderthalb Grad würde nämlich von den Industriestaaten doppelt so tiefe Einschnitte bei ihren Treibhausgas-Emissionen erfordern als sie bislang planen - und Merkel, Sarkozy & Co. eine Menge innenpolitischer Konflikte bescheren.
In der ersten Verhandlungswoche von Kopenhagen hatten sich die Inselstaaten und die afrikanischen Länder wenig kompromissbereit gezeigt.
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