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Ein Stern am Klimahimmel in Berlin

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Aus Berlin LUISE NEUMANN-COSEL

„Erkennt endlich, was auf dem Spiel steht!“ Der Appell von Lord Nicholas Stern, den Kampf gegen den Klimawandel aufzunehmen, ging nicht nur an den Saal voller Studierender der TU Berlin, die gekommen waren, um seinen Vortrag am Mittwoch zu hören, sondern war an die ganze Bundesrepublik gerichtet: Wenn in Kopenhagen Ende des Jahres ein ambitionierter Deal verabschiedet werden soll, sei die EU und dort ganz besonders Deutschland in der Verantwortung, eine konsequente Vorreiterrolle einzunehmen, sagte Stern.

Der britische Chefökonom der Weltbank, der mit seinem „Stern-Review“ im Jahr 2006 erstmals auf die enormen Kosten unzureichenden Klimaschutzes hingewiesen hatte,  war von der TU Berlin, dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und Vattenfall eingeladen worden, die neu aufgelegte Diskussionsreihe „Climate Lecture“ zu eröffnen. Als kleine Zugabe verlieh die TU die Ehrendoktorwürde an Stern, sodass sich zwei zum Bersten gefüllte Hörsäle über den Vortrag Sterns freuen konnten: Die Bekanntheit des Wissenschaftlers, der mit seinem Bericht die Klimapolitik erstmals auch in konservativen Kreisen salonfähig gemacht hatte, hatte seit dessen Veröffentlichung vor drei Jahren offenbar kaum abgenommen.

Wo sich der Wirtschaftswissenschaftler vor einigen Jahren in seinem Review im Wesentlichen darauf beschränkte, ökonomische Zusammenhänge zu erläutern und darauf hinzuweisen, dass zu spätes Handeln in der Klimapolitik zu deutlich höheren Kosten als ein schnelles Eingreifen führen würde, ging es nun um grundsätzlichere Fragen.

„Entwicklungspolitik und Klimaschutz müssen gemeinsam gedacht werden, eins funktioniert nicht ohne das andere“, leitete Stern seinen Vortrag ein. Er warnte eindringlich vor globalen Temperaturerhöhungen von mehr als 2 Grad und forderte insbesondere die Industriestaaten auf, beim Klimagipfel in Kopenhagen mit bestem Beispiel voran zu gehen.

Dass dies durchaus mehr als die momentanen Reduktionszusagen bedeuten könnte, sagte Stern dabei erstaunlich deutlich: Damit ein ambitioniertes Abkommen erreicht würde, bräuchte es nicht nur Zusagen bis 2020, sondern gerade von den Industriestaaten auch schon verbindliche Versprechen für 2015.

nicholas_stern_tu.jpgDie EU forderte Stern auf, bis 2020 insgesamt 30 Prozent ihrer Emissionen, also 10 Prozent mehr als bislang geplant, zu reduzieren und dies auch in Kopenhagen schon vorzuschlagen. Bei den Klimagesprächen in Barcelona liegen aktuell nicht einmal die Hälfte konkret auf dem Tisch. Jetzt 30 Prozent zu wollen, sei wesentlich günstiger, als weithin angenommen wird und könnte den Weg zu einem fairen Deal durchaus erleichtern.

Harsche Kritik gab es von dem Ökonom für seine Kollegen. Stern warf insbesondere den Wirtschaftswissenschaftlern vor, das Klimaproblem einzig über Marktmechanismen lösen zu wollen. „Der Klimawandel ist der größte Fall von Marktversagen, den die Menschheit je gesehen hat, das stimmt.“ Man bräuchte also Mittel, die marktexternen Umwelteffekte einzubeziehen, etwa durch einen globalen Zertifikatehandel.

Dass die Mehrheit der Ökonomen nach diesem Punkt allerdings schon die Hände in den Schoß lege, kritisierte Stern scharf: „Wir können die Lösung des Klimaproblems nicht allein dem Markt überlassen.“ Es brauche neben Steuern auf Kohlendioxidemissionen auch starke bindende Regularien, etwa bei den nationalen Emissionen, forderte Stern.

Die sogenannte „Climate Lecture“, die unter anderem von Vattenfall finanziert wird, soll laut Veranstaltern von nun an regelmäßig stattfinden. Tuomo Hatakka, europäischer Chef des Energiekonzerns Vattenfall, der nach eigenen Worten „ein großer Teil des Problems“ ist, kündigte in seinem Grußwort an, sein Unternehmen wolle mit dieser Diskussionsrunde nun Teil der Lösung werden. Spätestens bei seiner Ankündigung, dass zu dieser Lösung auch Kohlekraft mit CCS und Atomkraftwerke gehörten, hagelte es allerdings Unverständnis in Form von „Pfui“-Rufen aus dem Auditorium.

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