Eine Lampe für den Winter
Das Dorf Tar, im Schutze der Berge
Aus Ladakh NICK REIMER
In Tar hat der Fortschritt Einzug gehalten. "Fünf Stunden Licht nach Sonnenuntergang", sagt Jamyang begeistert, "das muss man sich mal vorstellen!" Der fast 60-jährige Bauer meint die Solarlampe, die seiner Familie neuerdings in der Nacht Licht spendet. Tagsüber lädt ein Photovoltaik-Panel, das auf dem Dach seines Hauses montiert ist, eine Batterie aus - die dann nach Einbruch der Dunkelheit eine Lampe speist.
Tar ist ein Dorf im indischen Teil des Himalaya, knapp 4.000 Meter hoch gelegen. Eine Straße gibt es nicht nach Tar, auch keine Stromleitungen, geschweige denn Telefone oder einen Dorfladen. Doch neuerdings gibt es Licht in Tar. Fortschritt eben.

Solar-Systemverkäufer Bikhan Singh im Laden seines Vaters
"Dieses System kostet 4.500 Rupien", sagt Bikhan Singh, der in Leh, der Provinzhauptstadt Ladakhs, den Solarladen seines Vaters betreibt. Der Akku wird in Indien gefertigt, die Solarmodule kommen aus Deutschland, von der Firma SunTechnics, einer Tochter des Hamburger Konzerns Conergy. "Wir geben zehn Jahre Garantie auf die Module", sagt Singh und lobt die deutsche Qualität. Klar, gibt er zu, 4.500 Rupien (umgerechnet etwas über 100 Euro) seien eine Menge Geld in Indien, erst recht hier oben in den Bergen. "Wir bieten aber auch kleinere Systeme an, für 3.200 Rupien." Die spendeten dann immerhin noch drei Stunden lang Licht.
Die Energieversorgung ist ein großes Problem im indischen Bundesstaat Kashmir und Jammu. Strom kommt in der Regel aus Dieselgeneratoren - der Kraftstoff aber muss über eine der höchstgelegenen Straßen der Welt mühsam in die Provinzhauptstadt Leh transportiert werden. Mehrere Tage dauert die Fahrt der Lkw, drei Pässe gilt es dabei zu überwinden, der höchste misst mehr als 5.600 Meter.

Häufig verstopfen Militärkolonnen die meist einspurige Piste
Leh hat 15.000 Einwohner und liegt 3.500 Meter über dem Meeresspiegel. Die Region an den Grenzen zu China und Pakistan ist politisch umstritten, weshalb sich häufig kilometerlange Armee-Konvois über die Pässe schlängeln. Und weil über diese einzige Lebensader in die Provinz Ladakh auch noch Klopapier, Zahnbürsten, Munition, Antibiotika, Schulbücher oder eben Solarmodule transportiert werden, ist die Straße dauerverstopft.

Die Passstraße nach Leh verläuft an dieser Stelle bereits auf 4.000 Metern hoch - aber auch über die Bergkette dahinter muss sie sich noch winden
4.500 Rupien. "Natürlich ist das viel Geld für ein Licht in der Dunkelheit", sagt auch Bauer Jamyang. Aber irgend etwas musste doch geschehen. "Die Jungen gehen alle weg, zurück im Dorf bleiben die Alten und die Mütter mit den Kindern." Die Männer ziehe es zum Arbeiten nach Leh oder auch zur "Broader Road Organisation", jener paramilitärischen Truppe, die im umkämpften Norden Indiens nach jedem Winter oder Hangabrutsch die Straßen neu asphaltiert. Jedenfalls gingen die Männer dorthin, wo es Strom gibt und damit Licht im Dunkeln. "Daran gewöhnen sie sich", sagt Jamyang. "Und wollen dann auch im dunklen Winter gar nicht mehr nach Tar zurück."
Das von 5.000 Meter hohen Bergen umgebe Dorf Tar gehört zu jenen privilegierten Flecken des Himalayas, in denen – kältegeschützt – Weizen bis zur Reife wachsen kann. In ausgeklügelten Bewässerungssystemen wird in den Tälern das karge Nass verteilt.
In den fünfziger Jahren erließ die Jammu-Kashmir-Regierung eine Bodenreform in Ladakh, wonach jeder Bauer bis zu drei Hektar Land erhielt. Das seitdem "eigene" Land und die geschützte Lage haben Tar in den vergangenen Jahrzehnten einen bescheidenen Wohlstand verschafft. Weizenbauer Jamyang dachte, wenn er auch noch Raps und Aprikosen anbaut und verkauft, dann habe er in spätestens drei Jahren das Geld für die Solarlampe zusammengespart. Fünf Jahre sind es schließlich geworden. "Der Preis für Weizen ist im Keller", klagt Jamyang. "Seit die Lkw auch Reis nach Ladakh bringen, wollen die Leute alle Reis essen." Reis gelte heute als das, was einst der Weizen gewesen sei: das Essen der Reichen, ein Statussymbol.

Der Palast von Leh
Doch Strom ist in Indien selbst für "die Reichen" keine Normalität. Stromausfall ist nicht Ausnahme, sondern Regel - in den Fabriken, Hotels oder Restaurants in Leh laufen deshalb die Dieselgeneratoren häufiger, als das sie stillstehen. Neben allgegenwärtigem Lärm erzeugen sie Unmengen an Abgasen - Kohlendioxid ist dabei eher noch das kleinere Übel im Vergleich zu gesundheitsgefährdenden Rußpartikeln oder Stickoxiden.
Die Regierung von Jammu und Kashmir hat deshalb große Pläne für Ladakh. Über ein CDM-Projekt will sie Investoren aus den Industriestaaten in den Himalaya locken. Sie sollen hier ein Wasserkraftwerk am Fluss Indus bauen - der "Clean Development Mechanism" der UN würde ihnen erlauben, dies auf ihre eigene Klimabilanz anzurechnen. 400 Megawatt sollen die Generatoren leisten und ersehnte Stabilität ins örtliche Stromnetz bringen.
Die Regierung ist überzeugt, das Projekt könne ein Vorbild werden für die weitere Entwicklung der Region. Auch den Solarboom hat sie mitverursacht - indem tausend Anlagen kostenlos in den Bergdörfern verteilt wurden. Auch hier gilt, wie überall auf der Welt: Was der Nachbar hat, interessiert mich auch. Und für die kleinen Dörfer weitab der Stromleitungen sind Solaranlagen sowieso noch immer der größere Fortschritt.
Panele und buddistische Gebetsfahnen: Erstrebenswert auf den Dächern im Himalaya. (alle Fotos: Nick Reimer)

Straßen gibt es ins Dorf Tar nicht. Immerhin helfen Esel als Lasttiere, beim Überqueren des Passes.
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