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Der nächtliche Krimi von Bali

Aus Nusa Dua NICK REIMER 

Freitag, 21:00 Uhr: Eine Gruppe von 40 Ministern, nach einem komplizierten Schlüssel von der indonesischen Präsidentschaft ausgewählt, verhandelt den Abschluss-Text im kleinen Kreis. Ursprünglich sollte die Weltklimakonferenz auf Bali schon vor drei Stunden beendet sein. Trotzdem gibt es noch große Differenzen, die von der kleineren Verhandlungsgruppe ausgeräumt werden sollen. 

21:30 Uhr: Munir Akran, Chefunterhändler der G77, wirft auf einer Pressekonferenz einigen Industrieländern vor, die Entwicklungsländer mit der Drohung von Handelssanktionen unter Druck zu setzen. "Partnerschaftliche Verhandlungen sehen anders aus."

22:15 Uhr: Unter dem Dach der aus 40 Ministern bestehenden Verhandlungsgruppe arbeiten zwei Unterverhandlungsgruppen. Die EU hat Bundesumweltminister Gabriel in jenes 12-köpfige Gremium entsandt, das den entscheidenden Abschlusstext verhandelt. Gabriel muss nun zwischen der Gruppe der zwölf und der der 40 Minister immer hin und her wechseln, denn auch in der 40er Runde verhandelt er für die EU. 

23 Uhr: Das Klimasekretariat gibt bekannt, dass UN-Generalsekretär Ban Ki Moon am Morgen erneut die Klimakonferenz besuchen wird. "Wir dürfen nichts unversucht lassen, um ein Scheitern zu verhindern", begründet ein hochrangiger UN-Beamter. Ban Ki-Moon werde sich persönlich in die Verhandlungen einschalten.

Samstag, 1 Uhr: Bundesumweltminister Sigmar Gabriel verlässt den Raum der 12er-Gruppe. Seine Miene verrät nichts Gutes. Gabriel berät sich mit ein paar Leuten. Auch NGOler sind dabei. Aus Verhandlungskreisen heißt es, die Gespräche stünden direkt vor dem Abbruch. Der Konflikt zwischen den USA und den G77 spitzt sich immer mehr zu. Die USA wollen ein konkretes Reduktionsziel im Text nur akzeptieren, wenn in diesem auch Reduktionsverpflichtungen für die Schwellen- und Entwicklungsländer festgeschrieben werden.

1:50 Uhr: Jürgen Maaß, stellvertretender Sprecher von Gabriel versucht, sich durch Lesen am Computer wach zu halten. Vorbei kommt Michael Bauchmüller, Berichterstatter für die Süddeutsche Zeitung. "Schon gehört? Russland fordert jetzt 30 bis 50 Prozent Reduktion", sagt Bauchmüller. Sofort ist Maaß hellwach. Russland? Ist das sicher? Bauchmüller sagt: "War nur ein Spaß!"

2:10 Uhr: Harlan Watson, einer der Chefunterhändler der USA verlässt den Raum. Watson strahlt Coolness und Zufriedenheit aus. Ein Kommentar gibt er nicht ab.

2:15 Uhr: Gabriela von Goerne, Energieexpertin von Greenpeace, hat bei der Suche nach etwas Essbaren am abgebauten Stand einer Jugendorganisation Kekse gefunden. Goernes Flug geht in wenigen Stunden. "Alle Verhandler gehen jetzt schlafen. Für heute ist es vorbei", sagt Goerne. Dabei hat "Heute" gerade erst angefangen

2:20 Uhr: Tatsächlich verlässt auch Sigmar Gabriel den Raum: "Jawohl, es gibt einen Kompromiss", sagt der Minister. Zwar stehen nicht mehr die von der EU geforderten 25 bis 40 Prozent Reduktionspflicht im Papier. Dafür aber eine Fußnote, die auf die alarmierenden Erkenntnisse des Weltklimarats (IPCC) verweist. Und Indien habe akzeptiert, dass auch die Entwicklungsländer Reduktionsanstrengungen unternehmen müssen. Der Entwurf soll am Morgen im Plenum eingebracht werden. 

8:10 Uhr:  Konferenzpräsident Rachmat Witoelar eröffnet das Plenum und stellt den Kompromiss vor. Anders als nach Mitternacht ist Indien und China nun nicht mehr bereit, Hinweise auf eigene Reduktionsanstrengungen zu akzeptieren. Verhandlungskreise weisen aber darauf hin, dass dies Ergebnis von "Druck aus der G77" sei. Dass dies stimmen könnte, belegt der nächste Akt: Die G77 lassen die Verhandlungen unterbrechen, um sich zu beraten. 

9:40 Uhr: UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon ist zurück nach Nusa Dua gereist, um sich direkt in die Verhandlungen einzuschalten. In einer Stunde, das sieht der Zeitplan vor, will er eine Pressekonferenz geben. 

10:40 Uhr: Ban Ki-Moon sagt seine Pressekonferenz ab. Es gebe nichts Neues. 

11:10 Uhr: Konferenzpräsident Rachmat Witoelar bittet die Delegierten ins Plenum, um die Sitzung erneut zu eröffnen. Als einer der ersten Redner kommt die chinesische Delegation zu Wort. "Es kann doch nicht sein, dass hier weiter verhandelt werden soll, während sich die G77 noch berät", sagt der Chinese in einem ungewöhnlich echaufierten Ton. Er frage sich, ob das Klimasekretariat tatsächlich unparteiisch alle Verhandlungsgruppen vertritt. Falls die so ist, "erwarten wir eine Entschuldigung". Daraufhin unterbricht Rachmat Witoelar die Konferenz erneut.

13:15 Uhr: Wieder eröffnet Witoelar das Plenum. Diesmal erteilt er dem indonesischen Präsidenten Susilo Bambang Yudhoyono, der eiligst eingeflogen war, das Wort: "Wir haben hier so viel investiert auf dieser Konferenz. Wir haben so viel erreicht. Wir hatten so  viele Vorabsprachen im Gepäck. Die Welt schaut auf uns. Wir müssen die Bali-Road-Map jetzt verabschieden. Ohne sie werden wir unser Ziel nicht erreichen: Die Welt vor einer Katastrophe zu retten." Einen ähnlichen Appell hält UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon.

13:30 Uhr: Das Wort wird Yvo de Boer, dem Chef des Klimasekretariates erteilt. Ein völlig fertiger de Boer versucht zu den Angriffen auf das Klimasekretariat Stellung zu nehmen. Das gelingt ihm nicht, er bricht in Tränen aus, steht kurz vor einem Zusammenbruch und wird aus dem Tagungsraum geleitet. Eigentlich müsste nach den Statuten die Konferenz jetzt unterbrochen werden.  Witoelar macht aber einfach weiter.

13:50 Uhr: Saudi-Arabien erklärt, nur zustimmen zu können, wenn der Text nicht verändert wird. Daraufhin erklären die USA, ebenfalls den von den G77 vorgeschlagenen Änderungen nicht zustimmen zu können. Das ganze Plenum buht nach dem Statement von Delegationsleiterin Paula Dobriansky. 

13:55 Uhr: Südafrika erklärt, dass das nicht kooperative Verhalten der USA "absolut unerwünscht ist in diesem Raum". Minutenlanger Beifall. Bangladesh, Costa Rica, Pakistan und Niger folgen mit ähnlichen Positionen. Selbst das Statement von Japan fällt überraschend distanziert aus. 

14:20 Uhr: Nachdem weitere Delegationen von den USA einen Kompromiß fordern,  ergreift US-Delegationsleiterin Paula Dobriansky erneut das Wort: "Wir sind nach Bali gekommen, um einen Prozess erfolgreich zu starten. In diesem Interesse ziehen wir unsere Einwände zurück." Der ganze Saal bricht in Jubel aus.

17:30 Uhr: Zwar haben die USA eingelenkt. Aber jetzt droht die Ukraine an einem ganz anderen Punkt – dem Anpassungsfonds - mit einem Veto. Und da alle Beschlüsse einstimmig gefällt werden müssen, droht das gesamte Kompromiss-Konstrukt zu scheitern. Das Klimasekretariat sucht hektisch nach einer Möglichkeit, die Ukrainer zu besänftigen. Die Lösung: Die Ukrainer geben ihre Bedenken in einer diplomatischen Note zu Protokoll. Und stimmen trotzdem zu.

18 Uhr: Umweltschützer entrollen 24 Stunden nach geplantem Ende vor dem Konferenzgebäude ein riesiges Plakat mit einer Welt darauf. Ein Aktivist hält eine Rede: „Wir haben die letzten 2 Wochen gesehen: Die Öffentlichkeit der Welt vermag es, Druck auf ihre Regierungen zu machen. Wir haben es geschafft!“ Aber so weit ist es noch nicht: Im Plenum laufen die Abstimmungen über die produzierten Papiere. 

18:15 Uhr: Ein spannender Moment: Russland meldet sich zu Wort. Auf fast jeder Klimakonferenz hatten die Russen kurz vor Toresschluss mit neuen Anträgen für Verwirrung und eine Gefährdung des austarierten Kompromisses gesort. Diesmal sagt der Delegationsleiter: „Vor uns liegt sehr viel Arbeit.“

18:30 Uhr:  Es ist geschafft: Alle Papiere sind von der Konferenz angenommen. Konferenzpräsident Rachmat Witoelar schließt das Plenum mit 24 einhalbstündiger Verspätung. 

Und dies ist das Resultat: der "Bali Action Plan"

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