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Ökonomen gegen Kohlekraftwerke

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Aus Berlin HANNO BÖCK

Fünfzig Wirtschaftswissenschaftler haben heute in Berlin Bundesregierung und Energieversorger eindringlich vor dem Neubau weiterer Kohlekraftwerke gewarnt. Nicht nur fürs Klima würden die Anlagen zu einer ernsthaften Bedrohung, sondern auch für die Bilanzen der Konzerne. "Vor allem die Unsicherheit über zukünftige Brennstoff- und CO2-Preise machen die Wirtschaftlichkeitsrechnungen zu einem Lotteriespiel", warnte der Ökonom Dr. Hans-Joachim Ziesing,
der auch Vorsitzender des Berliner Klimaschutzrates ist.

Zu den Unterzeichnern einer Erklärung, die das Forum ökologisch-soziale Marktwirtschaft zusammen mit der European Climate Foundation initiierte, zählen 25 Professoren, darunter Olav Hohmeier, der auch Mitglied des Sachverständigenrates der Bundesregierung zu Umweltfragen ist.

Holger Rogall, Professor an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin, erklärte, bis 2050 müsse der Treibhausgas-Ausstoß um mindestens 95 Prozent sinken, um die Erderwärmung auf maximal zwei Grad zu begrenzen. Bei einer zu erwartenden Laufzeit von 50 bis 60 Jahren würden heute gebaute Kraftwerke wesentlich darüber mitentscheiden, wie die Emissionen im Jahr 2050 in Deutschland aussehen.

Die Unterzeichnenden fordern einerseits von der Energiewirtschaft, ihre Investitionen in neue Kohlekraftwerke einzustellen, andererseits von der Bundesregierung, entsprechende Rahmenbedingungen dafür zu schaffen. Dazu gehöre insbesondere das verbindliche Festlegen von CO2-Reduktionszielen für die Zukunft. "Werden heute in großem Umfang neue Kohlekraftwerke gebaut", warnen dagegen die Ökonomen in ihrer Resolution, "steht zu befürchten, dass Klimaschutzziele aufge­weicht werden ... , da heute gebaute Kraftwerke sonst zu Investitionsruinen werden würden."

Die Wissenschaftler sprechen sich auch für ein Moratorium zum Neubau weiterer Kohlekraftwerke aus, bis die umstrittene Technologie CCS (Carbon Capture and Storage) wirklich einsatzreif ist. Das bloße Versprechen einer möglichen späteren Nachrüstung mit der Technologie zur Kohlendioxid-Speicherung reiche nicht aus.

CCS nicht wirtschaftlich und Kohlekraftwerke unflexibel

Martin Jänicke, Professor an der Freien Universität Berlin und Mitunterzeichner, äußerte sich insgesamt skeptisch zu CCS. Er schätzte die Technologie dahinter zwar für durchaus realisierbar ein, hält es aber für unwahrscheinlich, dass Kohlekraftwerke mit CCS wirtschaftlich betrieben werden können. Durch die Kohlendioxid-Abscheidung würde der ohnehin schlechte Wirkungsgrad von Kohlekraftwerken weiter reduziert. Martin Cames vom Öko-Institut kritisierte, Grundlastkraftwerke seien grundsätzlich nicht mit dem forcierten Ausbau der erneuerbaren Energien vereinbar. Gebraucht würden vielmehr flexible Gaskraftwerke, um Schwankungen bei Wind- und Sonnenenergie auszugleichen.

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Geplant Kohlekraftwerke in Deutschland. (Grafik: Greenpeace)

In Deutschland existieren derzeit Pläne für 29 neue Kohlekraftwerke, davon sind neun bereits im Bau. Ähnlich wie in Datteln wurde an verschiedenen Standorten trotz unklarer rechtlicher Lage mit dem Bau begonnen. In Lünen errichtet Trianel, ein Zusammenschluss von Stadtwerken, trotz einer anhängigen Klage des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) vor dem Europäischen Gerichtshof auf eigene Gefahr ein Steinkohlekraftwerk. Ebenfalls anhängig ist eine Klage gegen das Kohlekraftwerk in Mainz vor dem OVG Koblenz, dort wurde im Juli nach wenigen Wochen Bauarbeiten ein faktischer Baustopp verfügt. Das Mainzer Kraftwerk ist besonders umstritten, weil es ein bestehendes Gaskraftwerk ersetzen soll.

Von den Energieunternehmen fordern die 50 Ökonomen, "die langfristig notwendigen Emissionsreduktionen nicht durch heutige Investitionsentscheidungen zu behindern und ökonomisch riskante, potentiell unren­table Entscheidungen zu treffen, die am Ende Menschen und Umwelt durch Klimaschäden sowie die Verbraucher und die Industrie durch unangemessen hohe Strompreise bezahlen müssen".

(Foto: Hanno Böck)

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