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"Die Konkurrenz von Shell & Co. wird gedeckelt"

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Von Jörg Mühlenhoff, 
Referent für Energiewirtschaft bei der Agentur für Erneuerbare Energien 

 


 

Fast alle waren sich in den vergangenen drei Jahren einig, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen: Umweltschützer warnen vor dem Klimakiller Biokraftstoff, Entwicklungshelfer vor Hungersnöten, Autobauer vor kaputten Motoren und Mineralölkonzerne vor explodierenden Spritkosten.

Von den Tanksäulen ist reiner Biodiesel schon verschwunden. Die steigenden Biokraftstoff-Steuern haben neben gesunkenen Preisen für Erdöl den landwirtschaftlich geprägten kleinen und mittelständischen Biokraftstoffproduzenten nun den Rest gegeben. Nachdem Dumping-Exporte von Soja-Diesel aus USA und Lateinamerika das heimische Rapsöl unterboten, brach der Absatz von Biokraftstoffen massiv ein. Von 49 Biodiesel-Anlagen in Deutschland produzieren einer aktuellen Branchenumfrage zufolge heute nur noch 22 Anlagen – ohne jedoch wettbewerbsfähig sein zu können. Sieben Anlagen produzieren nur noch eingeschränkt, 17 Anlagen haben die Produktion ganz eingestellt und drei Anlagen sind bereits in Insolvenz. Auch der überwiegende Teil der 600 dezentralen Ölmühlen, die heimischen Raps pressen, um Futtermittel und Pflanzenöl herzustellen, steht still.

Shells Konkurrenz wird gedeckelt: Erneuerbare rückläufig

Die verbliebenen Biokraftstoffhersteller konkurrieren nun darum, den Mineralölkonzernen jene begrenzten Mengen zu liefern, mit denen die Konzerne die jüngst sogar noch herabgesetzte Verwendungsquote erfüllen müssen. Die Mineralölkonzerne sind durch das Biokraftstoffquotengesetz seit Januar 2007 zur Abnahme eines bestimmten Anteils von Biokraftstoffen verpflichtet. Dieser liegt allerdings 2009 mit maximal rund 2,2 Millionen Tonnen Biodiesel weit unter den heimischen Produktionskapazitäten von fast 5 Mllionen Tonnen. Eine weitere Pleite- und Fusionswelle ist daher absehbar. Die landwirtschaftliche Konkurrenz von Shell & Co. wird somit effektiv gedeckelt. Nahmen die Bauern den Ölkonzernen vor 2007 noch Marktanteile ab, so sind sie heute allenfalls Zulieferer für die Beimischung. Sicher ist nach der Absenkung der Quoten, dass der deutsche Erdölverbrauch wieder ansteigt.

Der Anteil der Erneuerbaren Energien am gesamten deutschen Energieverbrauch ist damit 2008 erstmals leicht zurückgegangen: von 9,8 Prozent auf 9,5 Prozent. Der Beitrag der Erneuerbaren Energien zur Kohlendioxid-Vermeidung ist unter anderem wegen der Rückgänge bei den Biokraftstoffen erstmals von 117 auf 109 Millionen Tonnen gesunken.

Dennoch hält sich in der öffentlichen Debatte - auch bei den Klimarettern - hartnäckig die Annahme, dass Biokraftstoffe grundsätzlich ein klimaschädlicher Irrweg seien.

Biokraftstoffe reduzieren netto Treibhausgase

Natürlich ist Biokraftstoff aus 100 Prozent Palmöl von Urwald-Rodungsflächen in der Klimabilanz negativ. Das ist die traurige Ausnahme, die aber die Regel bestätigt: Wenn man die zahlreichen Studien und Vergleiche anschaut, die in den letzten Jahren erschienen sind, so ist - bei ganzheitlicher Betrachtung der gesamten Produktionskette vom Anbau über Ernte, Verarbeitung, Transport und Kraftstoffproduktion bis zum Verbrennen im Automotor - durchgehend eine Netto-Treibhausgasminderung von mindestens 30 Prozent gegenüber fossilen Kraftstoffen der Durchschnitt. Je nach Anbaukonzept, eingesetzter Biomasse und Produktionsprozess sind auch 80 Prozent und mehr möglich. Andernfalls wären die 15 Millionen Tonnen Kohlendioxid-Vermeidung durch Biokraftstoffnutzung in Deutschland 2007 auch nicht erreichbar gewesen.

Natürlich kann ein Landwirt seinen Acker theoretisch tonnenweise mit teurem Kunstdünger zukippen - wie der vielzitierte Prof. Crutzen auf Basis von Daten annimmt, die etwa so alt sind wie sein Chemie-Nobelpreistitel - aber eine realistische Vergleichsbasis zur Beurteilung der Ökobilanzen von Bioenergieträgern erhält man so nicht.

Die Agentur für Erneuerbare Energien hat auf der Basis von Daten des Deutschen Biomasse-Forschungszentrums und des Öko-Instituts die Bandbreiten der Netto-Treibhausgas-Reduktion von Biokraftstoffen je Liter Kraftstoffäquivalent verglichen.

Eine durchgängig negative Klimabilanz kann man allenfalls dann unterstellen, wenn grundsätzlich bei allen Anbaukulturen angenommen würde, dass der Anbau immer durch Zerstörung Kohlenstoff speichernder Flächen (Regenwald, Moor, Grünland...) erfolge. Methodisch ist diese Vorgehensweise aber sehr zweifelhaft und bildet die tatsächlichen Stoffströme und Produktionsketten für den in Deutschland verbrauchten Biokraftstoff nicht realistisch ab.

Klar ist: Man kann ganz grundsätzlich auf Bioenergie im Verkehrssektor verzichten und sagen: Wir sparen Kohlendioxid, indem wir effizientere Motoren bauen und überall das 3-Liter-Auto zum Standard machen; auf den Autobahnen Tempo 100 einführen; Güter auf die Schiene bringen; den ÖPNV ausbauen, usw. Das ist alles richtig und notwendig - aber noch kein Grund, weiter mit Erdöl mobil zu sein. Kurz: Ein 16-Liter-Bioethanol-Porsche sollte nicht Ziel einer nachhaltigen Mobilitätsstruktur sein - aber genauso wenig sollte es der 3-Liter-Erdöl-Smart sein. Es ist doch kein Widerspruch, die endlichen fossilen Energieträger durch Erneuerbare Energien auszutauschen - und gleichzeitig alles zu tun, um den Energieverbrauch insgesamt massiv zu reduzieren. Würde diese „Effizienz-über-alles-Logik“ im Stromsektor angesetzt, dürften wir mit der Stromerzeugung aus Wind, Sonne und Co. ja erst dann loslegen, wenn auch der allerletzte Kühlschrank auf dem allerneuesten höchsten Energieeffizienzstandard ist (das heißt: nie).

Äpfel-Birnen-Bilanzen

Wenig hilfreich sind auch die Empfehlungen, man solle – wenn man schon Bioenergie wolle – die Biomasse nur für die Strom- und Wärmeerzeugung in Kraft-Wärme-Koppelung (KWK) nutzen. Die Klimabilanz der KWK-Nutzung von Biomasse schreibt diesem Nutzungspfad eine zusätzliche Einsparung von Treibhausgasen gut, die sich aus der Abwärmenutzung ergibt. Dadurch, dass nicht nur Strom, sondern auch Wärme angeboten wird, lassen sich z.B. auch ein Nahwärmenetz betreiben und die Kohlendioxid-Emissionen von Heizöl einsparen. So ist tatsächlich der Klimaschutzbeitrag je eingesetzter Einheit Biomasse höher, als wenn die Biomasse ausschließlich in einem Verbrennungsmotor genutzt wird, um ein Fahrzeug zu bewegen. Der Vergleich hinkt jedoch, da einem Verbrennungsmotor in einem Fahrzeug nicht vorgeworfen werden kann, die entstehende Abwärme nicht genauso zu nutzen, wie es die stationäre KWK-Anlage macht. Mit anderen Worten: An einen rollenden Pkw lässt sich kein Nahwärmenetz anschließen.

Etwas mehr methodische Klarheit kommt nun aus Brüssel. Die neue Erneuerbare-Energien-Richtlinie der EU (2009/28/EG) fasst den Stand der Forschung zur Klimabilanz von Bioenergieträgern zusammen. Die EU-Kommission fordert auf dieser Basis von Biokraftstoffen vergleichbare Mindest-Treibhausgas-Einsparungen. Dabei wird die gesamte Produktionskette berücksichtigt, vom Anbau der Biomasse über den Transport bis zur Herstellung von Biodiesel und Bioethanol.

Diese sehr detaillierten Vorgaben für die Bioenergie sind ein erster Schritt, um zum Beispiel die Nutzung von Palmöl, das von gerodeten Regenwaldflächen stammt, für die Biokraftstoffproduktion zu stoppen. Nicht mehr und nicht weniger. Wie weit die mediale Auseinandersetzung von den tatsächlichen Größenordnungen auf den Agrarmärkten entfernt ist, macht aber gerade das Beispiel Palmöl deutlich.

Wann kommt der Margarine-Boykott?

Palmöl kann aufgrund seiner höheren Viskosität dem Biodiesel allenfalls zeitweise in geringen Mengen zugemischt werden. Biodiesel-Anbieter würden sonst die DIN-Normen für ihren Kraftstoff nicht einhalten können. Schon aus technischen Gründen haben weder Mineralölkonzerne noch Anbieter von Biokraftstoffen ein Interesse daran, ihre Produkte mit Palmöl zu verunreinigen. Nach einem Vergleich der Daten aus Industrie, Forschung sowie Greenpeace-Proben ist der Verbrauch von Palmöl in der Biokraftstoffproduktion 2008 auf maximal 10 bis 15 Prozent der deutschen Palmölimporte, während für 2009 ein Einbruch der Palmölnachfrage für Biodiesel um mehr als zwei Drittel zu erwarten ist. Etwas größer waren die bisher in deutschen Blockheizkraftwerken genutzten Palmölmengen, Tendenz ebenfalls stark rückläufig.

Den mit Abstand größten Teil des Palmöls nutzen wir vielmehr morgens als Shampoo unter der Dusche, mittags auf Pausenbrot und Fertigpizza und abends als Kerze. Weltweit werden nur rund 5 Prozent der Palmölproduktion für die Strom-, Wärme- oder Kraftstofferzeugung genutzt. Selbst wenn es gelingt, diese 5 Prozent nun streng zu kontrollieren bzw. wenn ihre energetische Nutzung ganz vermieden wird, verhindert das nicht, dass für die steigende stoffliche Nutzung und Nahrungsmittelproduktion weiter Tropenwälder abgeholzt werden. Dabei stünden zum Beispiel in Indonesien ausreichend degradierte Flächen zum Anbau von Ölpalmen zur Verfügung.

Nicht Tank, sondern Trog versus Teller

Die Diskussion um eine sozial und ökologisch verantwortbare Landwirtschaft wird damit bisher vor allem auf dem sehr engen Feld der Bioenergie ausgetragen. Nur 10,5 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche Deutschlands werden für Bioenergie genutzt. Weltweit werden bei 1,5 Mrd. Hektar Ackerfläche nur auf ca. 30 Millionen Hektar Energiepflanzen angebaut. Die Debatte über die Emissionsbilanz von Biokraftstoffen kann ein Einstieg, aber kein Ersatz dafür sein, die Folgen einer sozial und ökologisch fragwürdigen Futter- und Nahrungsmittelproduktion insgesamt in Frage zu stellen. Wenn ein Blick auf die absoluten Mengen geworfen wird, stellt sich der Tank-Teller-Konflikt eher als Trog-Teller-Konflikt dar. Aufrufe zum Fleischverzicht sind aber bekanntlich kein Gewinnerthema.

Wer stattdessen ausschließlich auf Bioenergie und Biokraftstoffe einschlägt, lenkt von einer vielfach verfehlten Agrarpolitik ab. Bioenergie kann in den Industriestaaten eine Alternative zur unseligen Praxis der Agrardumpingexporte schaffen und gleichzeitig lokale Wertschöpfung und Stoffkreisläufe stärken, hin zu einer Re-Regionalisierung der Landwirtschaft. In Entwicklungsländern bietet Bioenergie den kostengünstigen Zugang zu Energie, der für alle weiteren wirtschaftlichen Aktivitäten unerlässlich ist. Gegen spekulative Blasen auf den Weltagrarmärkten hilft kurzfristig allerdings nur politische Regulierung.

 

Jörg Mühlenhoff ist Referent für Energiewirtschaft bei der Agentur für Erneuerbare Energien (AEE) e.V. Die AEE wird getragen von den Verbänden der Erneuerbare-Energien-Branche und von den Bundesministerien für Umwelt und Landwirtschaft. Unter der Schirmherrschaft von Prof. Dr. Klaus Töpfer klärt sie über Probleme und Potenziale der Erneuerbaren Energien auf. (http://www.unendlich-viel-energie.de, Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. )

 

 

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