Serie: Die Last des Wirtschaftsbooms
Rund ein Zehntel der Weltbevölkerung lebt in Küstennähe und weniger als zehn Meter oberhalb des Meeresspiegels. Satellitenmessungen zeigen, dass der Pegel im globalen Durchschnitt derzeit pro Jahr um 3,1 Millimeter klettert. „Der Meeresspiegel steigt schneller als erwartet, und der Anstieg hat sich beschleunigt", warnt Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. In einer Serie erkundet das Nachrichtenmagazin wir-klimaretter.de, welche Strategien es dagegen gibt. Heute Teil 8: Shanghai
Von WOLFGANG HASSENSTEIN und NICK REIMER
Ein Report der Staatlichen Ozeanbehörde (SOA) in China diagnostizierte kürzlich einen „alarmierenden" Meeresspiegelanstieg in Shanghai. Im Finanzzentrum der Stadt sei der Pegel in den letzten 30 Jahren um 11,5 Zentimeter gestiegen - das entspreche einer halben Essstäbchen-Länge. Hauptursache sei die globale Erwärmung, hinzu komme eine Absenkung der Oberfläche durch die „bedenkenlose Ausbeutung der Grundwasserressourcen".
Dieses hausgemachte Problem teilt die 18-Millionen-Metropole an der Mündung des Jangtse mit Städten wie Osaka und Manila, Jakarta und Bangkok, Los Angeles und Venedig. Sie alle sind auf weichem Grund gebaut, entnehmen dem Boden zu viel Wasser und sacken unter der Last ihrer Gebäude langsam ab. Doch selbst wenn Shanghai diese Gefahr in Griff bekommen sollte, sieht die Zukunft der Stadt düster aus. Shanghai bietet mit seinen Dutzenden Inseln kilometerweit dem Meer Angriffsfläche.
Eine britisch-amerikanische Studie warnte im vergangenen Jahr vor der besonderen Gefährdung von Mega-Citys durch den Meeresspiegelanstieg. Und China, wo die Massenwanderung in die Industriezentren am Meer anhält, trage mit 143 Millionen Küstenbewohnern das größte Risiko. „Wenn nichts getan wird, besteht die Möglichkeit, dass mit den Menschen in den niedrig gelegenen Küstengebieten auch Chinas wirtschaftlicher Erfolg gefährdet ist", so die Studie. Die Empfehlung der Wissenschaftler: Die Regierung solle die Besiedlung höher liegender Gebiete fördern.
Die Studie weist besonders auf die Gefährdung Chinas hin. Der Wirtschaftsboom habe in den vergangenen Jahren eine Massenwanderung in die Küstenregionen ausgelöst, in denen große Industriezonen entstanden sind. "Wenn nichts passiert, besteht die Möglichkeit, dass mit den niedrig gelegenen Küstengebieten auch Chinas wirtschaftlicher Erfolg auf dem Spiel steht". China trägt der Studie zufolge mit 143 Millionen Küstenbewohnern das größte Risiko, gefolgt von Indien, Bangladesch, Vietnam, Indonesien, Japan, Ägypten und den USA. Wer in Gebieten lebe, die weniger als zehn Meter über Normalnull liegen, "sollte den ansteigenden Meeresspiegel ernst nehmen", sagte einer der Studienautoren Gordon McGranahan vom Internationalen Institut für Umwelt und Städtebau in London.
Zwar berücksichtigen Studien über den Meeresspiegel-Anstieg meist nicht, dass es Anpassungsmaßnahmen wie den Bau von Deichen geben wird, ohne die beispielsweise Teile der Niederlande schon heute unter Wasser lägen. Dennoch fordern McGranahan und seine Kollegen die Regierungen in den betroffenen Ländern auf, die Besiedelung des Landesinneren zu fördern. Ihr Argument: Viele Länder können sich den Bau von Deichen und anderen Schutzmaßnahmen schlicht nicht leisten.
(Fotos: Wikipedia)
Bisher erschienen:
Teil 1: Die Malediven - Ein Land plant den Umzug
Teil 2: Singapur verpflichtet holländische Deichbauer
Teil 3: Bangladesch - Überleben im Hochbunker
Teil 4: Pazifik - Das Paradies bittet um Asyl
Teil 5: Venedig - Mit Schleusentoren und Mose
Teil 6: New York - Die zukunftslose Stadt
Teil 7: Die Niederlande - Holland lässt die Häuser schwimmen
Teil 8: Shanghai - Die Last des Wirtschaftsbooms
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