"Die `menschliche Kultur`ist verantwortlich"
Von Prof. Ludger Heidbrink
Direktor des Center for Responsibility Research am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen
Die Herausforderungen, vor denen die Industriegesellschaften des 21. Jahrhunderts angesichts drohender Energieknappheit und des rapiden Klimawandels stehen, sind immens. Die Verdoppelung des Ölpreises binnen zweier Jahre hat nicht nur erneut die Abhängigkeit der Inustrienationen vom Rohstoffmarkt und endlichen Energieressourcen vor Augen geführt, sondern auch die enorme Geschwindigkeit, mit der sich riskante Wandlungsprozesse vollziehen können. Dabei ist es sehr wahrscheinlich, dass der beschleunigte Verbrauch von fossilen Energien und die daraus resultierende Erderwärmung nicht nur volkswirtschaftliche und technologische Probleme aufwerfen, sondern auch zu gravierenden sozialen und kulturellen Veränderungen führen werden.
Erstaunlicherweise ist dieser Umstand bisher nur am Rande berücksichtigt worden. Die meisten Transformationsmodelle gehen von einer Trias aus Wirtschaft, Technik und Wissenschaft aus, die Arnold Gehlen schon vor fünfzig Jahren als „Superstruktur“ der modernen
Industriegesellschaft bezeichnet hat.
Auch die Dritte Industrielle Revolution beruht im Wesentlichen auf der
Vorstellung, dass durch wissenschaftliche Rationalität, technologische Innovationen und ökonomische Effzienz grundlegende Kurskorrekturen möglich sind, während kulturelle Parameter dafür eine vergleichsweise geringe Rolle spielen. Dabei ist es evident, dass industriegesellschaftliche Wandlungsprozesse nicht nur kulturell bedeutsame Folgen hervorrufen, sondern auf kulturellen Voraussetzungen beruhen, die ihren Verlauf und ihre Dynamik erheblich beeinfussen.
So liegen die Ursachen des rasanten Verbrauchs nicht regenerierbarer Energien und des daraus resultierenden Treibhauseffekts zwar in der Anwendung moderner Technologien und einer güterproduzierenden Warenwirtschaft, die auf Massenkonsum und Massenmärkte angewiesen ist. Die Gründe für die Ausbreitung der energieintensiven Industriegesellschaft und ihrem beispiellosen Raubbau an der natürlichen Umwelt sind aber vor allem kultureller Art. Exemplarisch hierfür ist Max Webers bekannte Prognose, dass die kapitalistische Wirtschaftsordnung „den Lebensstil aller Einzelnen, die in dieses Triebwerk hineingeboren werden, mit überwältigendem Zwange bestimmt und vielleicht bestimmen wird, bis der letzte Zentner fossilen Brennstoffs verglüht ist.“
Die kulturellen Gründe für den massenhaften Verbrauch natürlicher Ressourcen und den instrumentellen Umgang mit der Umwelt bestehen aus einem Konglomerat aus Werthaltungen, Konventionen und Wissensformen, die unmittelbare Auswirkungen auf gesellschaftliche Evolutionsprozesse haben. Es ist immer wieder darauf hingewiesen worden, dass die ökologische Krise ihre Wurzeln in einem zweckrational verengten Naturverständnis habe, das Folge des mathematisch-physikalischen Wissenschaftsbegriffs der Neuzeit ist.
Mit der Berechenbarkeit verliere die Natur ihre objektive Dignität und gerate in den Sog der subjektiven Verfügung. Der moderne „Machbarkeitswahn“, vor dem besonders konservative Kulturkritiker gewarnt haben, erscheint als Resultat eines extensiven Individualismus, der sich auch in sozialen Krisendiagnosen wieder findet. Auf der gesellschaftlichen Ebene werden hedonistische Bedürfnisse, der Wunsch nach Selbstverwirklichung und der massenhafte Konsum dafür verantwortlich gemacht, dass marktliberale Gesellschaften keinen Sinn für ökologische Bedrohungen haben.
Die Lage ist jedoch komplizierter: Nicht der Mensch als einzelner Akteur ist ursächlich für die destruktive Dynamik der Industriegesellschaft verantwortlich, sondern die „menschliche Kultur“, die als Rahmensystem und Hintergrundinformation ökologisch relevante Entscheidungsprozesse in einer schwer kontrollierbaren Weise beeinfusst. Die moderne Kultur wirkt als autonomes „Steuerungsprogramm“ auf das menschliche Handeln ein und sorgt dafür, dass Akteure gemeinsame Ziele verfolgen, ohne sich der kollektiven Orientierung dabei unmittelbar bewusst zu sein.
Weil Kultur primär auf der Selbstorganisation von Verhaltensregeln beruht, ist sie ihrerseits nur auf Umwegen zu beeinfussen. Sie entzieht sich dem direkten Zugriff und entfaltet gewissermaßen hinter dem ücken der Akteure ihren heilsamen oder zerstörerischen Einfuss auf Natur und Umwelt.
Die ökologische Krise ist so gesehen kulturell bedingt, ohne sich dabei auf Handlungsentscheidungen von einzelnen Akteuren zurückführen zu lassen. Das zeigt sich in besonderer Weise beim Klimawandel, der durch Eigenschaften gekennzeichnet ist, die auf kulturelle Voraussetzungen zurückgehen und sich zugleich den herkömmlichen Mitteln der politischen Steuerung entziehen. So resultiert der Klimawandel zu einem nicht unwesentlichen Teil aus „historischen Emissionen“ während der Industrialisierungsphase, deren Verursacher nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden können und vielfach ohne Schadensbewusstsein gehandelt haben.
Der Klimawandel zieht heute die schwersten Schäden in Regionen nach sich, die den geringsten Anteil an Treibhausgasen tragen. Und er sorgt für nachhaltige Gefährdungen zukünftiger Generationen, die zwar von Klimaschutzmaßnahmen der Gegenwart proftieren werden, aber sehr wahrscheinlich die größeren Belastungen tragen müssen.
Der Wandel des Klimas wirft aber vor allem soziale und politische Risiken ungewissen Ausmaßes auf, für die entsprechende Vorsorgemaßnahmen getroffen werden müssen. Diese reichen vom Ausbau des Katastrophenschutzes und medizinischer Versorgung über den Umgang mit Klimafüchtlingen und umweltbedingten Gewaltkonfikten bis zur Etablierung einer transnationalen Gerichtsbarkeit.
Die Crux ist nur, dass aufgrund der Rapidität und Langfristigkeit des Klimawandels das Erfahrungswissen fehlt, um effektive Instrumente des Gegensteuerns und der Bewältigung einzusetzen. Die von Niklas Luhmann vertretene Ansicht, wegen der Ungewissheit ökologischer Schadensfolgen besser nichts zu unternehmen, hilft hier genauso wenig weiter wie der Ruf nach einer radikalen Umkehr und dem Ausstieg aus der Industriegesellschaft. Weil der Klimawandel keine
natürliche, sondern eine kulturelle Krise bildet, die zugleich eine der industriellen Zivilisation ist, muss vielmehr bei der Veränderung mentaler und kognitiver Orientierungsmuster angesetzt werden, die eine Anpassung praktischer Verhaltensweisen nach sich zieht.
Der ökologische Umbau der Industriegesellschaft stellt ein kulturelles Projekt dar, weil zuallererst ein breites „Akzeptanzbewusstsein“ des Klimawandels mitsamt seinen sozialen und politischen Folgen erzeugt werden muss. Die gängigen Strategien, die dem Reformideal der Dritten Industriellen Revolution zugrunde liegen, reichen allein nicht aus, um in der Bevölkerung, bei Unternehmen und staatlichen Institutionen eine entgegenkommende Grundhaltung zu erzeugen, die zur aktiven Unterstützung des Klimaschutzes führt.
Sicherlich ist die Mehrzahl der konventionellen Maßnahmen hilfreich, um strukturelle Transformationsprozesse auf den Weg zu bringen. Die Erhöhung der Ressourcenproduktivität, die Suche nach alternativen Energien, Verfahren des Geo-Engineering, die Förderung von Informations- und Biotechnologien gehören zweifellos dazu. Ebenso wichtig sind neue Formen der Mobilität und Logistik, der Stadtplanung und Architektur, der digitalen Fernkommunikation und des sparsamen Konsums. Und nicht zuletzt werden effektive Anreize, etwa durch den Emissionshandel, Kohlendioxid-Steuern oder Klimazölle sowie Zertifzierungen benötigt, die über Ressourcenverbrauch und Schadstoffproduktion von Gütern informieren.
All diese Maßnahmen sind sinnvoll, sie führen aber nur dann zu nachhaltigen Verhaltensänderungen, wenn sie auf unterstützende Werthaltungen und Normakzeptanzen treffen. Exemplarisch hierfür sind Studien zum Umweltverhalten, die zeigen, dass es zwar ein wachsendes Umweltbewusstsein gibt, das konkrete Alltagsverhalten aber weit dahinter zurück bleibt.
Dabei hat der Gap zwischen Wissen und Handeln seine Ursachen weniger in geringerem Einkommen oder mangelnder Bildung als vielmehr in nicht genügend stark ausgeprägten Wertorientierungen und fehlenden Überzeugungen der Selbstwirksamkeit. Aus der Verantwortungsforschung weiß man, dass Menschen vor allem dann bereit sind, verantwortlich zu handeln, wenn sie aus eigenem Antrieb agieren, das Gefühl der Kontrolle über ihre Handlung haben, sich mit den verfolgten Zielen identifzieren und berechtigten Erwartungen entsprechen.
Die Lebensstilforschung kommt zu ähnlichen Ergebnissen und nennt vor allem idealistische Überzeugungen, Sinn für Ungerechtigkeit und ethische Prinzipientreue als wichtigste Faktoren für engagiertes Umweltverhalten. Geht man davon aus, dass die Kernkriterien für die Übernahme von Verantwortung in innerer Motivation, persönlicher Kompetenz und der Identifkation mit Zielen bestehen, wird die Notwendigkeit der kulturellen Unterstützung ökologischer Verhaltensweisen besonders deutlich. Das herkömmliche Zusammenspiel von Zivilgesellschaft, Markt und Staat muss durch einen „Zugriff“ auf mentale und kognitive Deutungsmuster erweitert
werden, der nachhaltige Handlungsweisen in Gang setzt. An die Seite der konventionellen Steuerung durch umweltpolitische Regulative tritt damit die postkonventionelle Steuerung durch kulturelle Parameter, die das ökologische Akzeptanzbewusstsein der Akteure erhöhen, den Einstellungswandel unterstützen und Verhaltensänderungen bewirken können.
Anders gesagt: Die Dritte Industrielle Revolution besteht nicht nur darin, die nachhaltige Transformation der „Superstruktur“ aus Wissenschaft, Technik und Wirtschaft auf den Weg zu bringen, sondern grundlegende Änderungen in der moralisch-geistigen Verfassung der Industriegesellschaft herbeizuführen. Angesichts der Gefährdungen und der Zeitknappheit ist kulturelles „Umdenken“ die Voraussetzung dafür, dass politische Maßnahmen des Umsteuerns ihr Ziel auch tatsächlich erreichen.
Die Geschwindigkeit der Umweltveränderungen macht die Alternative zwischen Adaptation und Mitigation hinfällig. Die effektive Anpassung an die Folgen des Klimawandels muss notgedrungen darin bestehen, einen weiteren Anstieg des Energie- und Ressourcenverbrauchs
so weit wie möglich zu vermeiden sowie eine bessere Risikovorsorge zu betreiben.
Der Zugriff auf mentale und kognitive Deutungsmuster kann zur effektiven Anpassung an rapide und unabsehbare Umweltveränderungen beitragen, weil dadurch die Chance wächst, dass schon auf einer „vorpolitischen Ebene“ ökologische Einstellungen entstehen, die zu einer frühzeitigen Verminderung klimaschädlicher Aktivitäten führen. Im Unterschied zu herkömmlichen Strategien der Anpassung durch den Bau von Deichen, das Wiederaufforsten von
Wäldern oder das Versenken von Kohlendioxid, die zur nachträglichen Reparatur entstandener Schäden führen, zielt die kulturelle Anpassung auf präventive Initiativen und langfristige Orientierungen.
Die Rückverlagerung der ökologischen Gefährdungsanalyse in den kulturellen Horizont sorgt für die Stärkung der antizipierenden
Beobachtung ungewisser Risiken, steigert das Motivationspotenzial für Interventionen und erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Selbstzuschreibungen von Verantwortlichkeiten vorgenommen werden, weil Akteure es aus Überzeugungsgründen für angebracht halten, sich für die Verbesserung von Zuständen zu engagieren.
Der ökologische Umbau der Industriegesellschaft setzt eine Abkehr vom Wachstumsparadigma und die Erschließung „kohlenstofffreier“ Formen der Produktion und Konsumption voraus, die sich letztlich nur durch entsprechende Korrekturen kultureller Daseinstechniken, Werthaltungen und Leitbilder erreichen lässt. Ohne Vorstellungen des richtigen Lebens, ohne das Ideal der „guten Gesellschaft“ und ohne das Regulativ intergenerationeller Gerechtigkeit wird es höchst unwahrscheinlich bleiben, dass Akteure die Bereitschaft entwickeln,
ihre Verhaltensweisen nachhaltig zu ändern.
Gleichwohl sollten die Probleme kultureller Anpassung nicht unterschätzt werden. Angesichts der zu erwartenden Zuwachsraten an Emissionen und der Komplexität transnationaler Umweltpolitik scheinen individuelle Verhaltensänderungen auf groteske Weise un-
verhältnismäßig zu sein. Hinzu kommt die prinzipielle Schwierigkeit, auf kulturelle Prozesse Einfuss zu nehmen, die gerade aufgrund ihrer innovativen Dynamik durch eine hochgradige Unkontrollierbarkeit gekennzeichnet sind.
Und selbst wenn direkte Zugriffe auf mentale und kognitive Einstellungen möglich wären, wo muss die Grenze zu paternalistischen oder ökodiktatorischen Zwangsmaßnahmen gezogen werden?
Aufgrund dieser Probleme ist die kulturelle Anpassung weiterhin auf eine staatliche Umweltpolitik angewiesen, die auf eine maßvolle Weise zur Ausbildung ökologischer Werthaltungen und Wissensformen beiträgt. Die Aufgabe des Staates besteht darin, kulturelle
Triebkräfte zu aktivieren und zu bündeln, so dass sie ihre kreative Eigendynamik entfalten können. Dazu bedarf es nicht nur Bildungs- und Informationskampagnen, die über soziale Klimagefahren aufklären, sondern auch der Organisation von öffentlichen Dialogen
zwischen Politikern, Unternehmern, Bürgern und Wissenschaftlern, die sich über kollektive Lebensstandards und Zukunftsbilder verständigen.
Die Aufgabe, über kulturelle Kodierungen ein ökologisches Bereitschaftsklima zu schaffen, wird aller Voraussicht nach dazu führen, dass der Staat sich von seiner Rolle als Moderator sozialer Verhandlungen verabschieden und zum Manager industriegesellschaft-
licher Risikoprozesse werden muss. Nachhaltige Umweltpolitik fußt auf einem Staat, der Trends nicht nur erkennt, sondern setzt. Der zukünftige Umweltstaat muss schneller als bisher auf die Änderung kultureller Lagen wie etwa das Greening der Märkte reagieren, sie institutionell verstärken und stabilisieren. Die wachsende Energieknappheit und der Klimawandel stellen somit nicht nur Bedrohungen dar, sondern auch Chancen für kulturelle und politische Innovationsprozesse.
Ludger Heidbrink , ist Professor und Direktor des Center for Responsibility Research am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen. Er forscht zur Kultur der verantwortung, moral in der Wirtschaft und zur Klimaethik. Neben seinen wissenschaftlichen Tätigkeiten schreibt Heidbrink für verschiedene Zeitungen wie beispielsweise „Die Zeit“ und die „Neue Zürcher Zeitung“.
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