Indien betet für den Monsun

Monsun in Delhi: Jeder Regentropfen wird gefeiert
Aus Agra und Neu Delhi NICK REIMER
Anfang Juli versuchte es die indische Regierung noch mit "Impfungen": Wissenschaftler sollten im Regierungsauftrag mittels Chemikalien den verspäteten und lang ersehnten Monsun aus den Wolken saugen. Weil das nicht funktionierte, rief die Regierung danach die Menschen auf, für das Einsetzen des diesjährigen Monsuns zu beten.
Weil auch das nicht hilft, droht eine Katastrophe: Indien steht vor der schwersten Dürre seit 30 Jahren. Finanzminister Pranab Mukherjee erklärte gerade 161 indische Distrikte zum offiziellen Dürregebiet. Im Distrikt Kishanganj fiel - verglichen zum Vorjahr - bislang 88 Prozent weniger Regen, in den Distrikten Siwan (84 Prozent), Saran (82 Prozent), Viashali (79 Prozent) ist die Lage ähnlich dramatisch. In ganz Indien leiden Menschen, Vieh und Felder unter Temperaturen bis zu 49 Grad Celsius, die mit Dürre, Elektrizitätsausfällen und nicht zuletzt bislang mehr als hundert Hitzetoten einhergehen. Die Monsun-Saison geht im September zu Ende, bereits jetzt steht fest, dass die Verluste nicht mehr aufzuholen sind.
"Starke Wolkenbildung, aber nur wenig Niederschlag", sagt der Wetterdienst etwa dem Bundestaat Uttar Pradesch für die kommende Woche bevor. "So geht das schon seit Wochen", erklärt Khadi, der in Agra nahe des Taj Mahal ein Hotel betreibt. Mit 170 Millionen Einwohnern leben in Uttar Pradesch fast so viele Menschen wie in Brasilien. Die Mehrzahl von ihnen sind Bauern wie Kahdis gesamte Familie - und damit dringend auf den Monsunregen angewiesen. Die bisher schwachen Niederschläge bedrohen die Ernte von Lebensmitteln wie Zucker, Reis und Linsen, was wiederum die Preise treibt.

Agra: Die Eisenbahnbrücke über dem ausgetrockneten Fluss
"Wir dürfen keinesfalls erlauben, dass unsere Bürger Hunger leiden müssen", erklärte bereits Premierminister Manmohan Singh auf einer Krisenkonferenz mit den Bundestaaten in der vergangenen Woche. Das Land stehe vor einer schwierigen Lage. Singhs Wirtschaftsberater Raghuram Rajan warnte dagegen, der schwache Monsun könne das Land bis zu einem Prozentpunkt Wachstum kosten. Grund dafür sei die immense Bedeutung der Landwirtschaft für Indien. Obwohl sie nur knapp ein Fünftel zum Bruttoinlandsprodukt beiträgt, hängt von ihr das Wohlergehen von mehr als 500 Millionen Menschen ab.
Der Agrarsektor war in den vergangenen Jahren eine maßgebliche Stütze des indischen Wirtschaftsbooms. Die Ernten waren gut, der Wohlstand auf dem Land stieg, plötzlich war Geld vorhanden für Konsumgüter wie Mobiltelefone, Motorräder und Fernseher. Doch dieser Wohlstand steht und fällt mit den Launen des Monsuns: Nach offiziellen Angaben lag der Regenertrag zwischen 1. Juli und 5. August um ein Viertel unter dem des langjährigen Durchschnittes.
Das hat zur Folge, dass nicht nur sechs Millionen Hektar Reis-Saat verloren sind - wie Premierminister Manmohan Singh bilanzierte. Indien ist weltweit der zweitgrößte Produzent - wegen des ausbleibenden Regens wird der Ertrag um ein Fünftel zurück gehen. Und auch für das kommende Jahr verschlechtern sich die Aussichten: Ein Großteil des jährlichen Monsuns füllt auch die Staudämme, aus denen in der Trockenzeit die Felder bewässert werden müssen.

Das Taj Mahal am Fluß Yamuna - respektive seinen Resten. (Alle Fotos: Reimer)
Wolken "impfen", für Regen beten: Lange Zeit hat Indiens Regierung auf das Prinzip Hoffnung gesetzt. "Wieso wartete die Regierung so lange auf Regen - ohne sich um Anpassungsstrategien zu kümmern?", fragt THE TIMES OF INDIA.
Doch es gibt auch Hoffnung in Uttar Pradesh: Um sich gegen die negativen Folgen des Klimawandels zu wappnen, haben Dorfbewohner mit der Instandsetzung Jahrhunderte alter Wasserspeichersysteme begonnen. Die Launen der Natur sollen von einem traditionsreichen Wasserspeichersystem gemildert werden, das schon von 300 vor bis 200 Jahre nach Christi Geburt in Betrieb war. Das System sorgt dafür, dass Oberflächen- und Untergrundwasser über Kanäle in menschengemachte Speicher fließen und bei "Monsum-Ebbe" wenigstens etwas Hoffnung speist.
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