CDU-Mann Marwitz: Kompromisslos gegen CCS

In Brandenburg formiert sich Widerstand gegen die Verpressung von Kohlendioxid aus Kohlekraftwerken. Allerdings von ungewöhnlicher Seite: CDU-Mitglieder stellen sich offen gegen die CCS-Politik ihrer Partei, die auf Bundesebene für eine schnelle Anwendung der umstrittenen Technologie eintritt. Sie haben den „Fürstenwalder Kreis“ gegen CCS gegründet. Ihr Sprecher ist Hans-Georg von der Marwitz. Der Brandenburger Bundestagskandidat ist Biobauer, CCS-Gegner und überzeugter CDU-Anhänger. Er kämpft in Märkisch-Oderland um ein Direktmandat. wir-klimaretter.de haben von der Marwitz gefragt, warum sich CCS und CDU nicht unbedingt grün sind.
wir-klimaretter: Sie sind in der CDU und zugleich gegen CCS – wie geht das zusammen?
Je intensiver wir uns mit CCS auseinandersetzen, desto deutlicher wird, dass wir uns gegen diese Idee stellen müssen. Wir – das sind meine Familie und alle Menschen, die hier im Oderbruch leben – sind unmittelbar betroffen von dieser Entwicklung. CCS ist aus meiner Sicht nicht durchdacht. Es gibt zu viele Risiken, die mit dieser Technologie verbunden sind.
Geht es nach dem Energieversorger Vattenfall könnte in Ihrer Region ein unterirdisches CO2-Endlager entstehen. Was finden Sie so besorgniserregend daran?
Einiges! Für das geplante Lager in Neutrebbin rechnen wir jährlich mit drei Millionen Tonnen Kohlendioxid, die dort verpresst werden sollen. Das sind 120.000 LKW-Ladungen – eine unvorstellbare Menge. Dann die mögliche Auflösung weicherer Gesteinsschichten und die enormen Drücke, unter denen die Verpressung stattfindet. Das kann nur Sorgen und Ängste auslösen. Wir können nicht wissen, was in 1200 und 1400 Metern Tiefe bei diesem Druck passiert: Wohin wird das salzhaltige Wasser verdrängt und inwieweit ist das Grundwasser in Gefahr? Außerdem kann keiner garantieren, dass es nicht doch zu Leckagen, also zum CO2-Austritt, kommt. Es gibt also eine Reihe von Risiken, die nicht geklärt sind.
Wie reagierte Ihre Partei auf die Gründung des "Fürstenwalder Kreises"?
Wir haben erstaunlich viel positive Resonanz erfahren. Natürlich gibt es aber auch viele CDU-Mitglieder, die sagen: Was soll das? Die Partei hat sich doch ganz anders positioniert! Dieser Druck ist schon da. Aber wir sind eben die Betroffenen und müssen nachher mit dieser Technologie leben. Es geht hierbei auch um einen Imageverlust der Region. Denn letztlich soll in unserer Gegend Industriemüll deponiert werden. Ich fühle mich für diese Menschen und auch meiner Familie gegenüber verantwortlich. Insofern kann ich mit Kritik und negativen Reaktionen sehr gut leben – auch wenn sie aus der eigenen Partei kommen.
Warum glauben Sie, ist die CDU so CCS-freundlich?
Die Braunkohleverstromung ist momentan eine verhältnismäßig preiswerte Energieerzeugung. Aber eine Fortsetzung der Braunkohleverstromung ist eben nur möglich, wenn sie „klimafreundlich“ wird. Hinter CCS stehen also handfeste Interessen der Konzerne. Neue Braunkohlewerke können nur unter der Vorraussetzung gebaut werden, dass CO2-Abscheidungen versprochen werden. Doch damit und mit der Verpressung des Kohlendioxids ist aus meiner Sicht in keiner Weise eine klimaschonende Energiegewinnung garantiert – im Gegenteil. Wir verlagern das Problem auf die nächsten Generationen.
In Brandenburg ist es zudem nicht nur die CDU, sondern vor allem auch die SPD, die sich sehr stark für diese Technologie einsetzt. Erstmal klingt die Idee von CCS ja faszinierend: Wir scheiden CO2 ab, verpressen es in tausend Meter Tiefe und hoffen dann, dass es da unten bleibt - aus den Augen aus dem Sinn. Aber aus meiner Sicht ist das unverantwortlich.
Falls Sie in den Bundestag kommen: Bekehren Sie dann die CDU oder die CDU Sie?
Ich bin ein klassischer Seiteneinsteiger in die Politik. Selbstverständlich muss man mit Kompromissen in der Politik leben - aber was CCS angeht, gibt es für mich keine Kompromisse. Inwieweit ich bekehren kann, das weiß ich nicht. Aber ich werde meinen Standpunkt auch im Bundestag entsprechend vertreten – davon könne Sie ausgehen. Ich bin seit 20 Jahren im Oderbruch ansässig, und ich habe einen Landwirtschaftsbetrieb. Ich kann nicht eines Tages mein Land zusammenrollen und aus dieser Region verschwinden. Das ist für mich also eine Existenzfrage.
Warum hat sich der Fürstenwalder Kreis erst jetzt gegründet – die Diskussionen um den CCS-Gesetzentwurf läuft ja schon seit dem Winter ...
Ich habe mich erst in den letzten drei Monaten intensiv mit der Thematik auseinandergesetzt. Ich bin zuerst Landwirt. Aber vielleicht ist das auch eine Art menschliche Schwäche, dass man immer erst dann reagiert, wenn es einen unmittelbar betrifft. Erst als ich mich richtig informiert hatte, ist mir klar geworden, dass man sich dagegen stark machen muss. Ich weiß, dass das nicht einfach ist - vor allem wenn eine so große Lobby, eine Mehrheit innerhalb meiner Partei und auch in der Koalition für diese Technologie sind.
Im Februar gab es in Brandenburg ein Volksbegehren gegen neue Braunkohletagebaue. Waren Sie da auch dabei?
Für uns ist klar, dass mit der Kohleverstromung letztlich die CO2- Problematik Hand in Hand geht. Wir haben das Volksbegehren unterstützt – leider mit wenig Erfolg.
Sie lehnen also - anders als Ihre Partei - auch neue Kohlekraftwerke ab?
Das ist natürlich die Konsequenz. Wir werden auf diese Brückentechnologie übergangsweise nicht verzichten können. Wir müssen die vorhandenen Kohlekraftwerke entsprechend entwickeln und umbauen – beispielsweise mit Filtern - aber das Geld, was wir jetzt für die CCS-Technologie aufbringen, in erneuerbare Energien stecken. Zudem fällt die Verantwortung für diese Lager nach spätestens 30 Jahren der Allgemeinheit zu – das heißt, dann steht der Steuerzahler in der Verantwortung.
Sie sind im Hauptberuf Biobauer. Auch mit Ihrer Ablehnung der Kohle würden Sie besser zu den Grünen oder der Linkspartei passen.
Bei der Linken würde mich nichts halten, allein schon die Frage des Eigentums ist für mich nicht verhandelbar. Bei den Grünen gibt es viele Positionen, die ich teile. Ich bin von meiner Überzeugung her konservativ. Klar, es gibt auch viele konservative Grüne. Aber ich bin vor allem aus persönlichen Gründen in der CDU. Derzeit teilen wir in unserem Kreisverband die Sorge um die Zukunft unserer Region und erleben dabei einen großen Zusammenhalt. Eine Volkspartei ist eben kein homogener Haufen. Ich finde, eine Demokratie wird sehr viel lebendiger, wenn auch in den Parteien unterschiedliche Positionen vertreten werden.
Interview: SUSANNE GÖTZE
(Fotos: Hermenau, Reimer)
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