Vollbremsung beim Agrosprit
An einem heißen Sommertag des Jahres 2007 debattierte die Regierung Merkel auf einer Klausur im brandenburgischen Städtchen Meseberg ein „Integriertes Klima- und Energie-Paket“. Zwei Jahre danach ist der 30-Punkte-Plan von damals abgearbeitet. Oder doch nicht? Bis zur Bundestagswahl zieht Klimaretter.info Bilanz.
Teil 4: Förderung von Agro-Treibstoffen
Quoten sollten dafür sorgen, dass deutscher Sprit weniger klimaschädlich ist: Bis zu 17 Prozent Beimischung lautete das Ziel der Bundesregierung in ihrem Meseberger Klimaschutz-Programm für das Jahr 2020. Doch längst sind Merkel und Gabriel zurückgerudert, nach den aktuellen Beschlüssen soll der Anteil von Agrarsprits auf 5,25 Prozent begrenzt werden - gegenüber 7,6 Prozent, die 2007 schon im handelsüblichen Benzin und Diesel enthalten waren.
Merkels Klimabilanz
Lang, lang war im Sommer 2007 die Liste
der Klimaschutzmaßnahmen der schwarz-roten
Bundesregierung.
Zwei Jahre später fragt wir-klimaretter.de:
Was ist eigentlich daraus geworden?
1. Ausbau der Kraft-Wärme-Kopplung
2. Mehr Strom aus erneuerbaren Energien
3. Förderung der CCS-Technologie
4. Intelligente Stromzähler
5. Bessere Filter für (Kohle-)Kraftwerke
6. Energiesparen in der Industrie
7. Förderprogramme für Energieeffizienz
8. Mehr Energieeffiziente Produkte
9. Biogas-Einspeisung ins Erdgasnetz
10. Schärfere Energieeinsparverordnung
11. Energiespar-Förderung durchs Mietrecht
12. CO2-Gebäudesanierungsprogramm
13. Sanierung von Schulen, Kitas etc.
14. Erneuerbare-Energien-Wärmegesetz
15. Sanierung von bundeseigenen Gebäuden
16. CO2-Strategie für Pkw
19. Verbrauchskennzeichnung für Pkw
20. CO2-Orientierung bei Dienstwagensteuer
21. Bessere Lenkungswirkung der Lkw-Maut
22. Klimaschutz im Flugverkehr
23. Klimaschutz im Schiffsverkehr
24. Extrem schädliche, flourierte Klimagase
25. Der Staat als klimaschonender Einkäufer
26. Energieforschung und Innovation
27. Förderung der Elektromobilität
28. Internationale Klimaschutzprojekte
29. Klimapolitik in Botschaften/Konsulaten
30. Transatlantische Technologie-Initiative
Eine regelrechte Vollbremsung bei der Agrosprit-Politik war das - und viele Unternehmen der noch vor wenigen Jahren boomenden Branche stehen heute da wie nach einem Crash ohne Airbag. "Diverse Firmen sind schon insolvent", klagt Johannes Lackmann, Chef des Verbandes der Deutschen Biokraftstoffindustrie VDB. "Weitere werden folgen."
Die vielen Anlagen, die seit 2003 entstanden waren, sind nach Angaben des VDB inzwischen nur noch zur Hälfte ausgelastet. "Jetzt werden 600.000 Tonnen Biosprit weniger benötigt", sagt Lackmann, "ersetzt durch konventionellen Treibstoff." Die Politik schade damit dem Klimaschutz, denn Agrokraftstoffe stößen mindestens 35 Prozent weniger Treibhausgase aus. "Nur noch 150 deutsche Tankstellen verkaufen reinen Biodiesel", rechnet Lackmann vor. Noch vor ein paar Jahren seien es 2.000 gewesen.
Mit aufwändigen (und teils umstrittenen) Werbekampagnen versucht der VDB deshalb gut Wetter zu machen für die Branche. Doch etliche Umweltverbände, etwa Greenpeace, sind gar nicht so unglücklich über den Politikwechsel der Bundesregierung - teilweise seit Jahren hatten sie den Agrosprit-Hype grundsätzlich kritisiert. "Die Beimischungsquoten von EU und Deutschland führen bereits heute dazu, dass in weitere Soja- und Palmöl-Plantagen investiert wird, für die intakte Urwaldgebiete weichen müssen", kritisiert etwa Greenpeace-Experte Martin Kaiser. "Die Bundesregierung zwingt durch die Beimischungspflicht deutsche Autofahrer, die letzten Urwälder in Südamerika und Südostasien zu zerstören."
Biomasse fürs Autofahren oder zur Stromerzeugung?
Fakt ist: Der Klimanutzen von Agro-Treibstoffen wird häufig überschätzt - der meist düngemittelintensive Biomasse-Anbau und die energiefressende Weiterverarbeitung zu Sprit frisst den CO2-Vorteil zu großen Teilen wieder auf. Etliche Experten, etwa von WHO und OECD, fürchten eine Konkurrenz von Tank und Teller - sie warnen, dass der Energiepflanzenanbau den Hunger auf der Welt verschärfen könnte. Und ohnehin ist es Verschwendung, Biomasse zur Spritproduktion zu verwenden. Denn der Nutzen fürs Klima ist erheblich größer, wenn die Pflanzen zur kombinierten Strom- und Wärmeproduktion genutzt werden - etwa in Biogas-Anlagen mit angeschlossenem Blockheizkraftwerk, deren Wirkungsgrad erheblich über dem von ineffizienten Auto-Verbrennungsmotoren liegt.
Rapsfelder sind hierzulande häufiger geworden, seit der Agrosprit-Boom einsetzte (Foto: VDB)
Selbst wenn man Biomasse zum Autofahren nutzen will, wäre es deutlich günstiger, Energiepflanzen in Strom zu verwandeln und damit Elektrofahrzeuge zu betreiben. Zu diesem Ergebnis kamen jüngst auch Forscher der University of California, als sie untersuchten, womit man die größere Fahrleistung aus einem Hektar Energiepflanzen erzielt. Wie sie in der Online-Ausgabe der Zeitschrift Science berichten, könne bei gleicher Anbaufläche mit einem Elektroauto eine um 80 Prozent längere Strecke zurückgelegt werden als mit einem Fahrzeug, das Agrosprit verbrennt. Zudem setze die Produktion von Agro-Ethanol doppelt so viel Kohlendioxid frei wie die von Strom aus Biomasse.
BUND-Vorsitzender Hubert Weiger fordert deshalb, die Quotenregelung für Agrosprit komplett abzuschaffen. "Der Beimischungszwang ist klima- und umweltschädlich, solange nicht sichergestellt ist, dass Energiepflanzen nach strengen ökologischen Kriterien angebaut würden. Was wir wirklich brauchen sind ein Tempolimit und sparsamere Autos." Genau dies ist der Knackpunkt: Den Autokonzernen ist es lieber, sich durch Agrosprit mit zweifelhafter Klimabilanz eine grüne Weste umzuhängen als wirklich energieeffiziente Fahrzeuge zu bauen.
Agrosprit: Erst geliebt, dann verhasst
Die Liebe zum "Biosprit" teilte die Raserlobby mit der einst rot-grünen Bundesregierung. Ab 2004 hatte sie den Alternativkraftstoff komplett von der Mineralölsteuer befreit und damit einen ungeahnten Boom ausgelöst. Wie Pilze schossen Rapsmühlen und Biosprit-Importeure aus dem Boden. Die Große Koalition begrenzte, entgegen der ursprünglichen Absprachen, den Steuerbonus. Gleichwohl setzten sie weiter auf den Sprit aus Soja, Raps, Mais, Palmöl und Zuckerrüben - nur eben durch eine Beimischungsquote. Was nebenher dafür sorgte, dass Bundesfinanzminister Peer Steinbrück mehr Geld in die Kassen bekam.
Weder Rot-Grün noch Schwarz-Rot aber schafften in all den Jahren, eine klima- und umweltverträgliche Produktion von Agrosprit zu garantieren. Dabei steht auch im Meseberg-Programm klipp und klar, dass Anbau und Nutzung von Energiepflanzen "nachhaltig" erfolgen und entsprechend zertifiziert werden müsse. Doch bislang ist nichts geschehen. Greenpeace wies erst kürzlich darauf hin, dass die Tankstellenbetreiber meist nicht wissen, woher der von ihnen beigemischte Agrosprit stammt, ob aus indonesischem Palmöl oder deutschem Rapsöl - geschweige denn, ob er "nachhaltig" produziert wurde.
Den VDB-Chef und ehemaligen Präsidenten des Bundesverbandes Erneuerbare Energie (BEE), Johannes Lackmann, ficht das nicht an. "Mineralölkonzerne brauchen noch nicht einmal nachzuweisen, dass sie Mindeststandards zum Beispiel im Arbeitsrecht einhalten. Damit haben sich offenbar viele abgefunden, die angeblich für die Umwelt kämpfen."
Agro-Kraftstoffe der "zweiten Generation" können auch aus Stroh hergestellt werden - doch sie sind noch im Forschungsstadium
(Foto: Daimler AG)
Während also der sogenannte "Biosprit der ersten Generation" von der Regierung fallen gelassen wurde, darf sich ein anderer Agro-Kraftstoff freuen: der synthetische. Dieser "Biosprit der zweiten Generation" ist für wirklich alle Fahrzeuge verwendbar; der bisherige Agro-Treibstoff dagegen konnte Dichtungen im Motor angreifen und war nur für einen Teil der Autos bekömmlich - oder eben als Beimischung. Mit diesem "neuen" Agrosprit geben nun wieder die Mineralölkonzerne richtig Gas. War die Branche bisher noch vor allem in der Hand von Mittelständlern, lässt sich der synthetische Kraftstoff nur industriell herstellen - eben von der Großindustrie.
Fazit: Unzählige Fachgremien haben Regierung und Bundestag immer wieder darauf hingewiesen, dass die Nutzung von Energiepflanzen sehr wohl Sinn macht – nämlich zur Strom- und Wärmeproduktion. Sowohl die Energie- als auch die Klimabilanz dieser Art der Nutzung von Raps, Mais & Co. ist einfach um Längen besser als im Autotank. Doch das Expertenwissen wurde in den Wind geschrieben. Schlimmer noch: Bis heute hat man es nicht geschafft, den Anbau und die Nutzung von Energiepflanzen mit einem Label zu versehen, damit Agrosprit sich auch zu Recht Biosprit nennen dürfte. Die von der Regierung angepeilte Minderung des deutschen CO2-Ausstoßes um etwa 15 Millionen Tonnen pro Jahr dürfte mit dieser Politik weit verfehlt werden.
Nächste Woche: Teil 5 - Mehr Strom aus Erneuerbaren Energien
Bisher erschienen:
Teil 1: Das Erneuerbare-Energien-Wärmegesetz - Der schlafende Riese darf weiter schlafen
Teil 2: Die Energie-Einspar-Verordnung (EnEV) - Wenn die Ausnahme zur Regel wird
Teil 3: Der Ausbau der Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) - Mit schmutzigen Tricks gegen saubere Energie
Guter Journalismus kostet
Sie können die Texte auf klimaretter.info kostenlos lesen. Erstellt werden sie jedoch von bezahlten Redakteuren. Unterstützen Sie den Klimaretter-Förderverein
Klimawissen e. V. einmalig durch eine Spende oder dauerhaft mit einer Fördermitgliedschaft.
Spendenkonto
Die Schlagzeilen um 17 Uhr
In dieser Woche am meisten gelesen
Meinungen: Überraschung der Woche
Röttgens Täuschung, Altmaiers Fahrrad und Merkels Verantwortung Kalenderwoche 20: Fachlicher Kompetenz führt nicht dazu, ein politisches Amt zu begleiten. Aber das ist leider ein allgemeiner Trend, findet Michael Müller, SPD-Politiker und -Vordenker und Mit-Herausgeber von klimaretter.info: In der Politik kommt es heute mehr auf das Management von Macht an als auf eine programmatische Idee. [mehr...]
Meinungen: Etscheits Alltagsstress
Ich liebe es! Einmal den Uli Hoeneß machen, auf jedes Umweltgewissen pfeifen und beim Burgerbrater um die Ecke so richtig die Ökosau rauslassen - wäre das nicht irgendwie herrlich? Nun ja ... Lesen Sie selbst!
Von Georg Etscheit [mehr...]
Jahrestag
Das Fukushima-Dossier
11. März 2011: Die Welt wird mit Stärke 9 erschüttert, fast 20.000 Menschen sterben. Die Atomanlagen havarieren, ein politischer Tsunami folgt. Kanzlerin Merkel ändert binnen 7 Monaten ihre Politik komplett, die Welt diskutiert die Atomkraft. Zum Jahrestag präsentiert klimaretter.info jenes Dossier, das damals im Nachrichtendschungel Orientierung gab. [mehr]
Aktion des Monats Das Netzwerk Friends of the Earth hat eine Europäische Bürgerinitiative für den EU-weiten Atomausstieg gestartet. BUND-Hubert Weiger, einer der Initiatoren sagt, mit der Volksinitiative habe man "jetzt endlich eine greifbare Möglichkeit, den Weg in eine sichere und saubere Energiezukunft zu ebnen". Nutzen wir sie! [mehr] | Zu Ihrem Vorteil Sie lesen uns gerne und regelmäßig? Sie finden unser Angebot interessant, hilfreich und erhellend? Dann müssen Sie uns helfen! Unabhängiger Journalismus kostet Geld, und wenn RWE, Vattenfall, die CDU oder die Netzbetreiber nicht dafür zahlen, dann doch wohl Sie! Abonnieren Sie uns, für 3, 5 Euro oder 50 im Monat, für 100 Euro im Jahr - oder "Flattrn" Sie uns [mehr...] |
Klimaretter-Jobbörse
Die Pioniere der Energiewende
Ein Elektroingenieur für den Bereich Netzanschluss gesucht? Einen Sicherheitsexperten für die Windkraft? Eine Klimaberaterin für die Verbraucherzentrale in Mainz? Auf der klimaretter.info Jobbörse werden viele spannende Jobs zur Energiewende angeboten. [mehr]
Lexikon Was eigentlich ist TREC und was die COP? Wie berechnet sich der Heizwert und wie die Wärmestrahlung? Wie funktioniert Contracting, wie ein Smart Grid? Antworten auf diese und viele andere Fragen finden Sie in unserem Lexikon zum Stöbern - und Nachfragen [mehr] | Klimaretter-Beichtstuhl Na, doch wieder einmal schwach geworden? Doch wieder eine unnötige Strecke mit dem Auto gefahren? Doch wieder ins Flugzeug gestiegen? Fehler zu (be)kennen, ist der erste Schritt zur Besserung: Erzählen Sie einfach sich, was Sie bereuen. Und warum. Sie werden sehen: Das erleichtert! Nutzen Sie einfach unseren "klimaretter.info-Beichtstuhl". [mehr...] |
Vattenfall: Einfach schlecht vorbereitet
Es gibt Werbekampagnen, die so schlecht sind, dass man sich fragt, wie sie jemals zustande kommen konnten. Ist die Agentur zu blöd? Wollen die Chefs, die die Kampagne abnehmen, ihre Firma bewußt schädigen? Ist das Produkt so miserabel, dass es[…] [mehr...]Mehr vom Lügendetektor
Klimaretter-Dossiers
Die Gesetze der Energiewende - Eine Analyse
Atomkraft weltweit - Die Welt nach Fukushima
Der GAU von Tschernobyl - 25 Jahre später
Atomunfall in Japan - Das Unglück von Fukushima
E10 und das Politikversagen - Wie es jetzt weiter geht
Das Zwei-Grad-Ziel - Ist die Erderwärmung zu stoppen?
Anpassungsstrategie - Das Meer steigt
Fussball-WM 2010 - Afrika im Klimawandel
Ausgekohlt - Wie Kohlekraftwerke kippten
Nordrhein-Westfalen 2010 - Die Klima-Wahl
Bundestagswahl 2009 - Klima nur Nebensache
Merkels Klimabilanz - Bilanz der Meseberg-Beschlüsse
McPlanet-Kongress - Beginn einer neuen Bewegung
Beichtstuhl - Wen das Gewissen plagt
Kopenhagen ABC - Deshalb gibt es COPs und MOPs
Klimakonferenz-Specials
Durban Dezember 2011 - COP17 in Südafrika
Berlin Juli 2011 - Petersberger Dialog ohne Ergebnis
Bonn Juni 2011 - Kein Frühling auf der Frühjahrstagung
Bangkok April 2011 - Verwaltung statt Klimarettung
Cancún Dezember 2010 - Hoffnungszeichen in Mexiko
Tianjin Oktober 2010 - Letzte Konferenz vor Cancún
Bonn August 2010 - Die Sommerkonferenz
Bonn Juni 2010 - Noch mehr Stillbeschäftigung
Bonn April 2010 - Stillbeschäftigung in Bonn
Alternativgipfel April 2010 - Cochabamba
Dezember 2009 - Kopenhagen Countdown
Kopenhagen Dezember 2009 - COP15
Barcelona November 2009 - Noch viele Fragezeichen
Bangkok Oktober 2009 - Feinschliff am Text
Bonn Juni 2009 - Hoffnung auf ein Abkommen
Poznan Dezember 2008 - Der 14. Klimagipfel COP14
Bali Dezember 2007 - Der 13. Klimagipfel COP13








