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Kapitel 15: Anpassung an das Unvermeidliche

Höhere Deiche – und ein Asylrecht für Klimaflüchtlinge

Selbst wenn ab sofort kein einziges Gramm Kohlendioxid mehr in die Atmosphäre käme, würde sie sich trotzdem weiter aufheizen. Zu lange haben die Industriestaaten gesündigt. Deshalb müssen sie sich auf die Folgen einstellen. Und dem Rest der Welt dabei helfen.

Nairobi im November 2006: Es ist einer jener schwülwarmen Tage, nach denen man sich im März so heftig sehnt. Die Klimaanlage schafft es kaum, das Pressezentrum wenigstens erträglich zu temperieren. Schweiß rinnt unanständig, Journalisten mit weißer Haut krempeln Ärmel hoch, dunkelhäutige Kolleginnen fächern sich mit bekritzelten Zetteln Luft ins Gesicht. Henri Djombo, der Umweltminister des Staates Kongo-Brazzaville, hat zur Pressekonferenz geladen. Endlich ist dem Klimagipfel ein Erfolg gelungen, nach schier endlosen Verhandlungen wurde die Gründung eines Fonds zur Anpassung an den Klimawandel beschlossen.

Plötzlich fängt es an zu regnen. Sanft zunächst. Schnell aber stärker. Bald trommelt es zum Himmelangstwerden gegen die Kunststoff-Haut des Pressezeltes. Irritiert legen die Journalisten ihre Notizblöcke aus der Hand. Die Personenschützer, sichtlich irritiert, schirmen mit ihren Körpern den Minister ab. Schließlich prasselt das Wasser derart laut auf die Zeltwand, dass kein Wort mehr zu verstehen ist. Entfesselte Natur. Ein Drama wird geboren. Einige Stunden später stürzen sich die Wassermassen auf die kenianischen Küstenprovinzen. Und verschlingen Straßen, Brücken, Häuser, Kinder. Während der Klimagipfel in Nairobi Halbzeitpause macht, wird das Gastgeberland vom schwersten Unwetter seit Jahrzehnten heimgesucht – ein schicksalhaftes Zusammenfallen, das sich kein Gott im Himmel besser hätte ausdenken können.

Der Klimawandel nämlich ist längst da. Egal was geschieht, der Mensch hat das Wetter schon aus dem Takt gebracht. Britische Forscher haben 2006 simuliert, was passieren würde, wenn die Welt plötzlich vernünftig würde – und ab sofort kein einziges Molekül Kohlendioxid mehr in die Atmosphäre bliese. Die Computer des Tyndall Center for Climate Change Research spuckten ernüchternde Ergebnisse aus: Noch mindestens bis Mitte des Jahrhunderts würde die Erderwärmung weitergehen – zwischen 0,2 und 0,6 Grad pro Jahrzehnt. Denn Kohlendioxid ist träge, es braucht eine Weile, bis es sich in den hohen Schichten der Atmosphäre verteilt und seine Treibhauswirkung entfaltet. Und es dauert noch länger, bis sich der Klimakiller zersetzt - mindestens einhundert Jahre. Selbst wenn alle Projekte, die dieses Buch in den vorherigen Kapiteln vorgestellt hat, ohne Verzögerung und weltweit umgesetzt würden – wir müssten bis zum 22. Jahrhundert warten, bevor der Kohlendioxid-Gehalt der Erdatmosphäre wieder zu sinken begänne.

Die Kohlendioxid-Konzentration in der Luft wird von der Wissenschaft in „parts per million“ (ppm) gemessen, in „Teilchen pro Million Luftpartikel“. Die ältesten Aufzeichnungen stammen vom „Mauna Loa“, dem „Langen Berg“ auf Hawaii. Seit 1834 werden dort die Aktivitäten des 4.170 Meter hohen Vulkans genauestens dokumentiert. Weil „Mauna Loa“ weitab jeder industriellen Emissionsquelle liegt, sind die Werte besonders aufschlussreich: Die Kohlendioxid-Kurve beschreibt ein regelmäßiges Zickzack, im Sommer sinkt sie, im Winter steigt sie – aber in jedem, wirklich jedem Sommer liegt sie etwas über dem des Vorjahres. Im Jahr 2005 wurden 381 ppm gemessen, vor Beginn der Industrialisierung waren es noch 280 ppm.
Bohrungen im Eis der Antarktis lassen noch viel längere Rückblicke zu. Sie zeigen deutliche Schwankungen der Kohlendioxid-Konzentration im Laufe der Erdgeschichte – aber niemals seit 350.000 Jahren lagen die Werte so hoch wie heute.i Ein Diagramm mit den Daten dieser Antarktis-Messungen ist auch der Anlass für die wohl eindrucksvollste Szene in Al Gores Dokumentarfilm „Eine unbequeme Wahrheit“. Der Mann, der einmal „der nächste Präsident der Vereinigten Staaten“ war, steht da in einem Hörsaal, zeigt mit einem Stab auf die über Jahrtausende schwankende Kohlendioxid-Kurve, die Mitte des Zwanzigsten Jahrhunderts plötzlich in die Höhe schießt. So hoch, dass die Tafel im Hörsaal nicht ausreicht. Gore muss auf einen hydraulischen Hubwagen steigen, wie ihn Fensterputzer benutzen, um die aktuellen Werte zeigen zu können.

Die Forschungsstation am „Mauna Loa“ leitete in den sechziger Jahren ein Wissenschaftler namens Roger Revell. Er war zugleich Professor an der Harvard University, und seine Vorlesungen besuchte ab 1968 auch Al Gore als Student. „Für den kleinen Kreis seiner Studenten war damals offensichtlich, dass Revell selbst über den raschen Anstieg des Kohlendioxids beunruhigt war“, erinnert Al Gore sich in seinem oscargekrönten Film.ii

Vierzig Jahre sind seitdem vergangen, der weltweite Energieverbrauch hat sich verdreifacht – und damit auch der Ausstoß von Kohlendioxid. Zuletzt nahm dessen Konzentration in der Atmosphäre um jährlich 2,5 ppm zu. Obwohl sich die Welt im Kyoto-Protokoll verpflichtete, den Treibhausgasausstoß zu verringern (bis 2012 um fünf Prozent gegenüber 1990), sind die Emissionen bis 2005 um etwa 20 Prozent gestiegen.iii Durch die dicker werdende Atmosphäre kann die Erde immer weniger Energie ins All abstrahlen, sie heizt sich auf. Alle Experten sind sich einig, dass der Anstieg auf zwei Grad Celsius beschränkt werden muss. Darüber, so drückt es Hans-Joachim Schellnhuber aus, der Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, „können wir nicht mehr garantieren, dass der Klimawandel noch beherrschbar sein wird“.iv Dafür dürfe der Kohlendioxid-Gehalt der Atmosphäre einen Wert von 420 ppm nicht überschreiten – aktuell sind es, wie gesagt, 381 ppm. Ein völliger Stopp des Treibhausgas-Ausstoßes aber ist unvorstellbar, die bisherige menschliche Zivilisation basiert auf einem verschwenderischen Umgang mit Kohlendioxid. Egal ob bei Sekt oder Selters: Der „Plopp“ beim Öffnen der Flasche und die aufsteigenden Perlen, all das ist pures Kohlendioxid. Als Lebensmittelzusatz trägt der Klimakiller die Bezeichnung E 290.

Wer also über das Morgen nachdenkt, der muss sich heute anpassen. Auch in Deutschland. Zum Beispiel wie Kai Pönitz. „Ich habe vor zehn Jahren zum ersten Mal etwas über die Erderwärmung gelesen“, sagt der Familienvater. Jetzt hat er sich im sächsischen Seifersdorf das Haus gegen den Klimawandel gebaut. Lehm und Holz - zum einen mit ausschließlich klimaverträglichen Materialien, zum anderen krisenfest. „Mein Haus soll auch noch von meinen Enkeln bewohnt werden“, sagt der heute 37-Jährige. Bei der Planung kalkulierte er zusätzliche Sicherheiten gegen Wetterextreme ein: „Wir haben den höchsten je im Dorf gemessenen Hochwasserpegel abgesteckt“, sagt Pönitz. Den gab es im August 2002, als eine sogenannte 5b-Wetterlage dem sächsischen Erzgebirge und seinem Vorland einen Regenrekord bescherte. Nicht nur Elbe und Mulde wurden innerhalb von Stunden zu reißenden Strömen, auch die sonst beschauliche Perze in Seifersdorf trat derart heftig über die Ufer, dass Autos wegschleppt und Grundmauern geschleift wurden. Hundert Prozent schlug Bauherr Kai Pönitz noch einmal auf vorgeschriebene Sicherheit drauf, er baute das Fundament höher und fester: „Die Experten sagten: Sowas gibt’s bald öfter.“

„Die Zunahme der Naturkatastrophenschäden zählt zu den stärksten Indizien der globalen Umweltveränderungen, die der Mensch verursacht“, urteilt die Münchner Rück, einer der weltgrößten Versicherungskonzerne.v Höhere Fluten, extremere Trockenheiten, stärkere Orkane – die Frage, ob der Treibhauseffekt das Wetter verrückt gemacht hat, ist inzwischen zweifelsfrei beantwortet.vi Mit „Ja“. Das gilt für die Flutkatastrophe des Jahres 2002 (21 Tote in Deutschland, 11,5 Milliarden Euro Schaden), genauso wie für den Dürre-Sommer 2003 (70.000 Hitzetote in Europa, davon allein 7000 hierzulandevii, 10 Milliarden Euro Schaden). „Das Jahr 2004 war wegen einer ungewöhnlichen Häufung von Wirbelstürmen das teuerste Jahr in der Geschichte der Versicherungswirtschaft“, erklärte damals Anselm Smolka, stellvertretender Leiter der GeoRisikoForschung der Münchener Rück.viii

Um im Jahr darauf festzustellen, dass es noch schlimmer kommen kann: Die Hurrikansaison 2005 brach mit Stürmen wie „Katrina“, „Stan“, „Wilma“ oder Gamma alle Rekorde. Nie gab es so viele Hurrikane, nie hatten sie eine solche Zerstörungkraft, nie solche Windgeschwindigkeiten. Und nie zuvor war ein Hurrikan auf Europa zugerast. Allerdings gilt es zu unterscheiden: Hurrikane wie „Katrina“ sind Wetterextreme, die schon immer zum menschlichen Leben zählten. Bloß hängen Häufigkeit und Intensität solcher Ereignisse von den klimatischen Bedingungen ab: Hurrikane brauchen zu ihrer Bildung Meerwasser, das wärmer ist als 26 Grad. Und seit der Mensch die Erde aufheizt, liefert die Karibik immer öfter solche Bedingungen. Entsprechend häufiger gibt es extremes Wetter.

„Wir müssen uns heute anpassen, um morgen nicht von den wirtschaftlichen und sozialen Folgen überrollt zu werden“, fordert Bundesumweltminister Sigmar Gabriel. Im Rahmen einer großen Pressekonferenz gab er im Herbst 2006 die Gründung eines „Kompetenzzentrum Klimafolgen und Anpassung“ bekannt – kurz KomPass. Es ist Teil des Umweltbundesamtes und sitzt in Dessau, die Leiterin heißt Petra Mahrenholz. „Erst einmal geht es um das Sammeln von Daten“, erklärt die Meteorologin. Globale Klimamodelle nämlich rechnen mit einer Maschenweite von 200 Kilometern, daraus lassen sich Entwicklungen für halbe Kontinente oder große Länder ableiten – nicht aber für das Allgäu, die Eifel oder die Uckermark. Dank immer leistungsfähigerer Computer kann man die globalen Klimamodelle heute sehr weit verfeinern. Gemeinsam mit dem Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie rechnen die Experten von KomPass globale Daten auf ein Raster von zehn mal zehn Kilometern herunter. Temperaturen, Niederschlagsmengen, Wetterlagen, Winde – in der Tat unterscheiden sich die Auswirkungen der Erderwärmung auf Deutschland von Region zu Region beträchtlich. „Die sommerliche Niederschlagsmenge im deutschen Südwesten wird in der zweiten Jahrhunderthälfte bis zu 30 Prozent geringer ausfallen als heute“, sagt Mahrenholz, „die im deutschen Nordosten stellenweise sogar um bis zu 40 Prozent.“ Ohne Niederschlag aber veröden ganze Landstriche. Landwirt in Vorpommern? Augenscheinlich kein Beruf mit großer Zukunft.

i: Rahmstorf, S./Schellnhuber, H.J.: Der Klimawandel. München 2006. S. 14
ii: Gore, A.: Eine unbequeme Wahrheit. München 2006, S. 40
iii: WBGU-Politikpapier Nr. 5: Neue Impulse für die Klimapolitik. Chancen der deutschen Doppelpräsidentschaft nutzen. Berlin 2007. S. 4
iv: Financial Times Deutschland vom 2. Februar 2007, Forschungsseite
v: Münchner Rück (Hrsg.): Wetterkatastrophen und Klimawandel. München 2005. S. 99
vi: Hennicke, P./Müller, M.: Weltmacht Energie. Stuttgart 2005. S. 29
vii: Spiegel online vom 23. März 2007 –
www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,473614,00.html
viii: die tageszeitung vom 30. August 2005, S. 3

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