SPD - Die Deutschlandretter

Kanzlerkandidat Steinmeier am Dienstag zu Beginn seiner „Sommerreise“ im Wasserstoff-Kompetenz-Zentrum auf dem ehemaligen Zechengelände Ewald in Herten (Foto: Solar Millennium)
VON SUSANNE GÖTZE
Wenn sich die Parteien in einem einig sind, dann ist es das hehre Ziel der Vollbeschäftigung. An diese - ja, darf man's so nennen? - Utopie glaubt man von tiefrot bis schwarz. Doch es ist schon bezeichnend, dass ein Mutiger, der diesen frommen Wunsch dann auch mit konkreten Planungen unterlegt, gleich als unrealistisch beschimpft wird. Frank Walter Steinmeiers "Deutschland-Plan" hat - wie von den SPD-Wahlstrategen gewünscht - für Aufsehen gesorgt. Sind die darin umrissenen Maßnahmen so realistisch wie die Hoffnung auf einen Wahlsieg?
Aus klimapolitischer Sicht ist dieser Rettungsversuch erst einmal erfreulich. Umwelt- und Klimaschutz sollen in der futuristischen Jobmaschine, die Steinmeier da entworfen hat, ein ganz großes Zahnrad sein. Zwar war auch schon im SPD-Wahlprogramm von „ökologischer Industriepolitik“ die Rede, doch in diesem Papier mit dem offiziellen Titel "Die Arbeit von morgen" stehen grüne Jobs wirklich ganz vorn.
Von den vier Millionen neuen Arbeitsplätzen, die Steinmeier & Co. bis 2020 für realistisch halten, sollen zwei Millionen in der industriellen Produktion und bei produktnahen Dienstleistungen entstehen. Dabei sollen aber Unternehmen geschaffen werden, die „sozial und ökologisch nachhaltig investieren und verantwortlich handeln“. Neu ist vor allem, dass die SPD in der Industriepolitik vor allem die Energie- und Rohstoffeffizienz derart in den Mittelpunkt stellt. Beides sind laut "Deutschlandplan" die kostenintensivsten Größen in der Industrie, die bereits seit langem weit vor den Lohnzahlungen lägen. Schon ökonomisch sei es deshalb geboten, die Kosten für Rohstoffe und Energie zu verringern. Doch nicht nur das: Steinmeier will, dass Deutschland „zum Ausrüster der Welt mit neuen Produkten“ wird.
"Bisher war die SPD eher zögerlich"
„Endlich hat auch eine große Partei einmal eingestanden, dass grüne Investitionen enorme Jobchancen bieten“, meint dazu Jürgen Maier vom Forum Umwelt und Entwicklung. Denn seit über fünfzehn Jahren würde vor allem in den Bereichen der Erneuerbaren Energien Arbeit geschaffen - und nicht in Kohle- oder Atomkraftwerken. Maier begrüßt deshalb den "Deutschlandplan". Allerdings kann er die grünen Bekenntnisse der SPD nicht wirklich ernst nehmen. „In vielen Bereichen war die SPD bei der Energiewende bis jetzt sehr zögerlich“, erklärt Maier. Beispielsweise im Verkehrsbereich habe die Partei in der Vergangenheit nicht gerade zur Förderung neuer Technologien oder zum Umbau des Transportwesens beigetragen. Deshalb sei es jetzt auch nur mäßig glaubhaft, die Elektromobilität als Heilsbringer anzupreisen.

Auf dem Programmparteitag für die Bundestagswahlen stimmte die Mehrheit der Genossen für den traditionellen Kohlekurs
Bei der Energiepolitik bleibt aber auch im Deutschlandplan vieles beim Alten. Und offenbar wissen die Sozialdemokraten vor lauter Zahlen selbst gar nicht mehr, was sie wollen: Im Wahlprogramm, das erst ein paar Wochen alt ist, hieß es noch, man wolle den Anteil der Erneuerbaren 2020 auf mindestens 35 Prozent erhöhen - in Steinmeiers „Deutschlandplan“ aber ist nun nur noch von 30 Prozent die Rede. Hinzu kommen im neuen Papier noch 40 Prozent aus „sauberen“ Gas- und Kohlekraftwerken. Von der Kohlepolitik wird also trotz Sigmar Gabriels plötzlichem Mitgefühl für die Anti-Kohle Bürgerinitiative in Lubmin und sonstiger Klimarhetorik nicht abgerückt. Dazu meint Umweltschützer Maier: „Es nun einmal Fakt, dass die SPD weiterhin auf den Bau neuer Kohlekraftwerke setzt und somit falsche Prioritäten setzt: Denn jeder Euro kann nur einmal ausgegeben werden.“
Der Plan steht in guter alter SPD-Tradition: Auf der Suche nach dem goldenen Mittelweg, wird versucht zusammenzubringen, was kaum zusammenpasst – ob soziale Gerechtigkeit und kapitalistischer Markt, ob konsequente Umweltpolitik und das Wachstumsdogma. Deutlich wird dies an einem Satz im neuesten SPD-Manifest: „Die Aufgabe lautet: Weltweit trotz mehr Wachstum und Wohlstand, mehr Verkehr, Industrie und Konsum weniger schädlich für die gemeinsame Umwelt zu leben."
Daneben erscheint Steinmeiers Versprechen von vier Millionen neuer Jobs fast wie ein Klacks.
Zurück zur Sonderseite zur Bundestagswahl
Die Schlagzeilen um 12 Uhr
In dieser Woche am meisten gelesen
Meinungen: Überraschung der Woche
Transparenz, EEG und die Ananas des Herrn Großmann Kalenderwoche 5: Was steckt hinter dem Solarbashing des Wirtschaftsministers?, fragt sich Matthias Willenbacher, Gründer des Unternehmens juwi und Mit-Herausgeber von klimaretter.info [mehr...]
Meinungen: Kommentar
Frostiges Missverständnis Erderwärmung und sibirische Kälte - wie passt das zusammen? Leider viel zu gut.Ein Kommentar von Joachim Wille [mehr...]
Jahresrückblick
2011: Das Jahr der Rekorde
Die Welt wird mit Stärke 9 erschüttert, Bundeskanzlerin Angela Merkel ändert binnen 7 Monaten ihre Politik komplett, die Hamburger Mucken auf. Neuer Schmelzrekord in der Aktis, neuer Emissionsrekord in der Atmosphäre und so viel Flugpassagiere wie noch nie - der Jahresrückblick 2011. [mehr]
Aktion des Monats In den USA formieren sich Lobbyisten nachdem US-Behörden dem Gitarrenbauer Gibson die Einfuhr von illegalen Tropenhölzern nachweisen konnten. Vorn dabei: Die rechtskonservative Tea Party. Gemeinsam wollen diese das Lacey-Gesetz, dass den Import der Tropenhölzer für illegal erklärt, kippen. [mehr] | Durban 2011 Was war die 17. UN-Klimakonferenz - eine weitere Pleite der Diplomatie oder der Startschuss für das bitter nötige globale Klimaabkommen? Alle Berichte unserer Korrespondentinnen und Korrespondenten aus Südafrika können Sie im Durban-Dossier nachlesen. [mehr] |
Neue Klimaretter-Serie
Die Gesetze der Energiewende
Diesmal soll sie gelingen, die Energiewende. Die schwarz-gelbe Regierung hat dafür umfangreiche Gesetze verabschiedet - oft mit Stimmen der Opposition. In einer Serie analysiert klimaretter.info, was drin steht in den Gesetzen. Und was von ihnen zu halten ist.
Lexikon Was eigentlich ist TREC und was die COP? Wie berechnet sich der Heizwert und wie die Wärmestrahlung? Wie funktioniert Contracting, wie ein Smart Grid? Antworten auf diese und viele andere Fragen finden Sie in unserem Lexikon zum Stöbern - und Nachfragen [mehr] | In eigener Sache Sie lesen uns gerne und regelmäßig? Sie finden unser Angebot interessant, hilfreich und erhellend? Dann unterstützen Sie uns, denn unabhängiger Journalismus kostet Geld. Abonnieren Sie uns, für 3, 5 Euro oder 50 im Monat, für 100 Euro im Jahr - oder "Flattrn" Sie uns [mehr...] |
INSM: Der Schwindel vom grünen Wachstum
Die „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ (INSM) ist eine Lobbyorganisation, die vor gut zehn Jahren vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall gegründet wurde. Mit einem Jahresetat von – nach eigenen Angaben – derzeit gut sieben Millionen Euro versucht sie Stimmung zu machen für eine[…] [mehr...]Mehr vom Lügendetektor
Klimaretter-Dossiers
Die Gesetze der Energiewende - Eine Analyse
Atomkraft weltweit - Die Welt nach Fukushima
Der GAU von Tschernobyl - 25 Jahre später
Atomunfall in Japan - Das Unglück von Fukushima
E10 und das Politikversagen - Wie es jetzt weiter geht
Das Zwei-Grad-Ziel - Ist die Erderwärmung zu stoppen?
Anpassungsstrategie - Das Meer steigt
Fussball-WM 2010 - Afrika im Klimawandel
Ausgekohlt - Wie Kohlekraftwerke kippten
Nordrhein-Westfalen 2010 - Die Klima-Wahl
Bundestagswahl 2009 - Klima nur Nebensache
Merkels Klimabilanz - Bilanz der Meseberg-Beschlüsse
McPlanet-Kongress - Beginn einer neuen Bewegung
Beichtstuhl - Wen das Gewissen plagt
Kopenhagen ABC - Deshalb gibt es COPs und MOPs
Klimakonferenz-Specials
Berlin Juli 2011 - Petersberger Dialog ohne Ergebnis
Bonn Juni 2011 - Kein Frühling auf der Frühjahrstagung
Bangkok April 2011 - Verwaltung statt Klimarettung
Cancún Dezember 2010 - Hoffnungszeichen in Mexiko
Tianjin Oktober 2010 - Letzte Konferenz vor Cancún
Bonn August 2010 - Die Sommerkonferenz
Bonn Juni 2010 - Noch mehr Stillbeschäftigung
Bonn April 2010 - Stillbeschäftigung in Bonn
Alternativgipfel April 2010 - Cochabamba
Dezember 2009 - Kopenhagen Countdown
Kopenhagen Dezember 2009 - COP15
Barcelona November 2009 - Noch viele Fragezeichen
Bangkok Oktober 2009 - Feinschliff am Text
Bonn Juni 2009 - Hoffnung auf ein Abkommen
Poznan Dezember 2008 - Der 14. Klimagipfel COP14
Bali Dezember 2007 - Der 13. Klimagipfel COP13






