Serie: Überleben im Hochbunker
Rund ein Zehntel der Weltbevölkerung lebt in Küstennähe und weniger als zehn Meter oberhalb des Meeresspiegels. Satellitenmessungen zeigen, dass der Pegel im globalen Durchschnitt derzeit pro Jahr um 3,1 Millimeter klettert. „Der Meeresspiegel steigt schneller als erwartet, und der Anstieg hat sich beschleunigt", warnt Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. In einer Serie erkundet klimaretter.info, welche Strategien es dagegen gibt. Heute Teil 3: Bangladesch

"Die Felder versalzen", sagt Momadaz Begum, eine Bäuerin am Baleswar-Fluss in Bangladesch. Natürlich: Schlagzeilen machen hier die Zyklone, jene Monsterstürme, die immer heftiger durchs Land toben und immer mehr Menschen in den Tod reißen. Es sind aber die ganz unspektakulären Dinge, die Leben in den Tiefebenen Bangladeschs zunehmend schwer machen. Bäuerin Begum sagt: "Das Gemüse wächst nicht mehr richtig und für den Reis ist es auch zu salzig".
Die Küsten Bangladeschs - Schwemmland der gewaltigen Flüsse Bramaputra, Ganges und Meghna - sind heute schon gegen den steigenden Meeresspiegel nicht mehr zu verteidigen. Bedingt durch tektonische Bewegung sinkt das Land leicht ab, so dass es zu einer relativen Erhöhung des Meeresspiegels um vier bis acht Millimeter pro Jahr kommt. Bedeutet im Extremfall: 2050 steht das Wasser 30 Zentimeter höher als heute. Ab 45 Zentimeter rechnen die Wissenschaftler mit einem permanenten Verlust von 15.000 Quadratmetern Land - fast die Fläche Thüringens. "Nach den Prognosen der Regierung werden wir in 30 Jahren etwa 15 Millionen Flüchtlinge aus dem Süden haben", sagt Atiq Rahman, Direktor des Bangladesh Institute for Advanced Studies in Dhaka. Und da frage man sich natürlich: "Wo sollen die alle hin?"
Im November 2007 zerstörte Zyklon Sidr einige Regionen Bangladeschs beinahe vollständig. "Es war ein Anblick der Verwüstung, viele Häuser waren komplett zerstört, die Toten noch nicht geborgen", schildert Peter Rottach, Mitarbeiter der Diakonie Katastrophenhilfe, die damalige Situation. Bangladesch hatte besonders schwer unter dem Zyklon zu leiden. "Mehr als 4.000 Menschen starben, etwa 10 Milliarden US-Dollar Schäden wurden registriert", so Sven Harmeling, Referent für Klima und Entwicklung bei Germanwatch.

Flut in Bangladesch (Fotos: Diakonie Katastrophenhilfe)
"Für Trinkwasser müssen wir anderthalb Kilometer laufen", erzählt Bäuerin Begum, das Meerwasser habe ihre Quelle verdorben. Jeder Vierte sei bereits gegangen, auch aus Angst vor dem nächsten Zyklon.
Die meisten gehen nach Dhaka, einer der am schnellsten wachsenden Megastädte dieser Welt. 15 Millionen Menschen leben heute hier, vielleicht auch ein paar mehr, wer weiß das schon so genau. Viele der "Neuen" kamen von dem Regen in die Traufe: 40 Prozent leben bitterarm in Slums. Nirgends ist die Einwohnerdichte so groß wie hier: Statistisch leben in Dhaka mehr als 14.000 Menschen auf einem Quadratkilometer, was aber täuscht, denn auch hier gibt es Parks, Plätze und luftige Viertel. Zum Vergleich: In Berlin leben nicht einmal 3.900 Menschen auf einem Quadratkilometer.
Aber immerhin sind sie hier der Angst ein bisschen entkommen: Üblicherweise peitschen die Zyklone Flutwellen von sieben Meter Höhe vor sich her. Steigt der Meeresspiegel um einen Meter, beträgt die durchschnittliche Wellenhöhe dann 9 Meter, haben Wissenschaftler errechnet. Deiche helfen gegen solche Wellen nicht. Allenfalls die Hochbunker - Trutzburgen auf Betonpfählen - bieten ein wenig Sicherheit. Falls man sie rechtzeitig erreicht.
Die Diakonie Katastrophenhilfe jedenfalls zieht eine positive Bilanz. Bei den Überschwemmungen in den 90er Jahren seien Zehntausende Menschen ums Leben gekommen. Danach wurde das Flutwarnsystem und die Flutbunker gebaut. Als bei der jüngsten Flut etwa 10.000 Opfer zu erwarten gewesen wären, gab es nur ungefähr 5.000.
Hier lesen Sie die anderen Teile der Serie:Teil 1: Die Malediven
Teil 2: Singapur
Teil 3: Bangladesch
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