Kapitel 6: Kohlekraftwerke verbieten
Die Weißwasch-Kraftwerke
Kohle ist der größte Klimakiller, kein Energieträger verursacht so viel Treibhausgas pro Kilowattstunde Strom. Neue Kohlekraftwerke müssen deshalb verboten sein, bis die Konzerne die versprochene Technologie zur Kohlendioxid-Abscheidung fertig haben
| Das Braunkohlekraftwerk in Schwarze Pumpe ist eine Kathedrale des fossilen Zeitalters. Mehr als 20 Kilometer weit sind seine beiden Kühltürme übers Land zu sehen, sie leiten den Reisenden wie einst die Kirchturmspitze einer Stadt. Das Kesselhaus ist hoch wie ein Wolkenkratzer, matt schimmert die metallgraue Außenhaut. Auf dem Dach, in 161 Meter Höhe, gibt es eine verglaste Aussichtsplattform. Gern führt Vattenfall, Deutschlands drittgrößter Energiekonzern, Besucher nach hier oben. Weit reicht der Blick über die Lausitz, über Kiefernwälder, Felder auf denen sich vereinzelt Windräder drehen, aber auch in die graubraune Wüste des Braunkohle-Tagebaus Welzow-Süd. Zum Greifen nah sind hier oben die beiden Kühltürmen, aus denen heißer Wasserdampf quillt. Immer neue Wolken bauen sich auf, blähen sich, werden von nachdrängenden Schwaden in den tiefblauen Himmel geschoben. Rund zehn Millionen Tonnen Kohlendioxid bläst das Kraftwerk Schwarze Pumpe jedes Jahr in den Himmel – das ist mehr als ein Prozent des gesamten Ausstoßes der Bundesrepublik.
Die Erzeugung von Strom aus Braunkohle ist ein Umweltfrevel par excellence. Das beginnt im Kohle-Tagebau: Ganze Landstriche werden von riesigen Förderbrücken weggegraben. Der größte Teil der so gewonnenen Kohle wird sinnlos verheizt. Das Kraftwerk Schwarze Pumpe – Baujahr 1997 – gehört mit einem Wirkungsgrad von 41 Prozent zu den modernsten Großkraftwerken Europas. Doch auch hier verpuffen fast 60 Prozent der Primärenergie in den Kühltürmen. In Überlandleitungen und Umspannwerken geht dann weitere Elektrizität verloren. In der Steckdose des Stromkunden kommt letztlich nur gut ein Viertel der in der Kohle enthaltenen Energie an. Zum Vergleich: Gaskraftwerke, die zugleich Strom und Wärme erzeugen und nah beim Abnehmer stehen, erreichen Brennstoffnutzungsgrade von bis zu 90 Prozent. Dazu kommt, dass Braunkohle wesentlich stärker zum Treibhauseffekt beiträgt als andere Energieträger: 950 Gramm Kohlendioxid fallen hier pro Kilowattstunde Strom an, bei Steinkohle sind es etwas weniger – aber moderne Erdgaskraftwerken verursachen nur circa 360 Gramm.
Das Kraftwerk Schwarze Pumpe ist bloß eines von Dreien, die im Lausitzer Revier mit Braunkohle betrieben werden. Im Mitteldeutschen Revier zwischen Leipzig und Halle raucht das Kraftwerk Lippendorf, RWE verfeuert am Niederrhein gleich in fünf Kraftwerken Braunkohle. In ganz Europa gibt es keine Gegend, wo so viel Kohlendioxid freigesetzt wird wie hier. Kein Land der Welt fördert und verbrennt mehr Braunkohle als Deutschland. 2005 waren es knapp 178 Millionen Tonnen. Die USA folgen auf Platz zwei mit gerade einem Drittel dieser Menge.
Beides ändert sich gerade, und deshalb versuchen die Kohle- und Stromkonzerne, ihr Geschäft durch eine Technologie namens „Carbon Capture and Storage“ (CCS) zu retten. Dabei soll das Kohlendioxid in den Kraftwerken aufgefangen (capture) und dann unterirdisch gelagert werden (storage). Was in der Theorie schön klingt, ist in der großtechnischen Praxis längst noch nicht einsatzfähig. Bevor auch nur eine einzige Tonne Kohlendioxid in die Erde gepresst werden kann, sind noch viele Fragen zu klären, technologische, geologische, finanzielle. Im Jahr 2020, verspricht die Kohlelobby, sei CCS fertig. Aber schon vorher sollen in Deutschland 23 neue Kohle-Kraftwerke gebaut werden, davon fünf mit dem besonders klimaschädlichen Brennstoff Braunkohle. Im südbrandenburgischen Schwarze Pumpe errichtet Vattenfall gerade das weltweit erste „CCS-Pilotkraftwerk“. Vom Dach des Kesselhauses ist der Bauplatz bereits zu erkennen, wie Lego-Steine sehen die Baucontainer von oben aus, winzig klein die Kipper, die die ausgehobene Erde abtransportieren. Neben dem bereits laufenden 1.600-Megawatt-Kraftwerk wirkt die neue Anlage wie ein Spielzeug. Seine Kapazität gibt Vattenfall in glänzenden Werbebroschüren mit 30 Megawatt thermische Leistung an. Dies entspricht einer Stromerzeugungskraft von etwa fünf Megawatt – so viel, wie heute bereits eine einzige, große Windkraftanlage liefern kann. Weltweit – von den USA bis Australien – arbeiten Kohlekonzerne, Regierungen und Universitäten fieberhaft, es ist ein wahres Wettrennen zwischen den Befürwortern von CCS und der öffentlichen Meinung, die immer mehr nach Klimaschutz fragt. Vattenfall nutzt für seine Pilotanlage das sogenannte „OxyFuel“-Verfahren: Neben dem Ofen steht eine handelsübliche Luftzerlegungsanlage, die reinen Sauerstoff erzeugt. Hinter dem Ofen wird kohlendioxidreiches Abgas abgezweigt und – nachdem ihm soviel Sauerstoff zugefügt wurde, wie für die Kohleverbrennung nötig ist – vorn wieder in den Ofen geblasen. So entsteht allmählich ein Abgasstrom mit einer sehr hohen Konzentration an Kohlendioxid, das dann nur noch getrocknet, gereinigt und verdichtet werden muss. Alle für eine solche Anlage notwendigen Komponenten sind technisch ausgereift, in der Glasindustrie zum Beispiel sind ähnliche Prozesse seit langem Standard. Neben „OxyFuel“ werden derzeit zwei weitere Technologien erforscht. RWE, die Nummer zwei der deutschen Stromkonzerne, testet ein Verfahren, bei dem eine Kohlevergasungsanlage vor den Ofen geschaltet wird. Die Kohle wird darin in einem mehrstufigen Prozess in Kohlendioxid und Wasserstoff (und einige Abfallstoffe) zerlegt, das Kohlendioxid wird dann ausgefiltert, mit dem Wasserstoff das Kraftwerk befeuert. RWE hat angekündigt, bis zum Jahr 2014 ein kleines Modellkraftwerk mit 360 Megawatt Leistung zu errichten. Ein drittes Verfahren versucht, Kohlendioxid nach der Verbrennung (englisch: „Post-Combustion“) aus den Abgasen zu filtern – wobei von allen drei Technologien diese aber die energieaufwendigste ist. |
i: UBA: Klimaschutz und Investitionsvorhaben im Kraftwerksbereich. (Publikationsreihe Climate Change 02/2006). Dessau 2006
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