Dong: Verantwortungslose Geschäftspolitik

Offshore-Windpark Middelgrunden vor der Küste Kopenhagens
VON SARAH MESSINA
Mit einem Anteil von 20 Prozent Windenergie liegt der dänische Energiemix im Europa-Vergleich weit vorn. Bis 2050 sollen es nach dem Willen der dänischen Regierung 50 Prozent werden. Nicht umsonst sitzt der weltweit führende Windanlagenbauer Vestas in Dänemark. Der Offshore-Windpark Middelgrunden vor der Küste Kopenhagens gilt als Vorzeigebeispiel für zukunftsweisende Offshore-Windenergie. Beteiligt an Middelgrunden ist auch Energiekonzern Dong Energy.
Der Konzern ist zu 73 Prozent in Staatsbesitz - und hat große Pläne für eine grüne Zukunft. Derzeit haben erneuerbare Energien einen Anteil von 15 Prozent am Strommix des Unternehmens. 85 Prozent basieren auf fossilen Energieträgern wie Kohle oder Gas. Zukünftig will Dong dieses Verhältnis umkehren, also 85 Prozent aus nicht-fossilen Energieträgern gewinnen. Wann genau in der Zukunft - das wird bei den Unternehmensankündigungen großzügig offengelassen. Und dass neben nicht-fossilen Energieträgern auch die CCS-Technologie zur CO2-Abspaltung und -Endlagerung ("saubere Kohle") bei den 85 Prozent mitgerechnet werden sollen, lässt das Ziel schon erheblich weniger mutig erscheinen.
In Deutschland tut sich Staatskonzern Dong allerdings weniger als grüner Energieversorger hervor als mit seinen Plänen für neue Kohlekraftwerke (ohne CCS natürlich). Im mecklenburg-vorpommerschen Lubmin bei Greifswald plant der Konzern ein 1.500 Megawatt Kraftwerk. Auch im niedersächsischen Emden will Dong einen 1.600 Megawatt-Brocken bauen.
Konzernzentrale von Dong Energy in Dänemarks Hauptstadt Kopenhagen
Überall, nur nicht Zuhause - das scheint derzeit Dongs Kohlemotto zu sein: In Dänemark nämlich stehen die Chancen für neue Dreckschleudern derzeit schlecht. 1997 hat sich die dänische Regierung mit Blick auf die Klimaziele gegen neue Kohlekraftwerke ausgesprochen. Eine Haltung, von der zunehmend abgerückt wird. Dong hat etwa beantragt zwei bestehende Gaskraftwerke in Dänemark auf Kohle umzustellen. Das Verfahren läuft noch und wird voraussichtlich 2010 entschieden. Für neue und zusätzliche Kohlekraftwerke hingegen besteht in Dänemark wegen einer Überkapazität im Stromsektor schlichtweg kein Bedarf. Weshalb Dong auf Expansionskurs jenseits der Landesgrenzen geht und neben den Kohlekraftwerken in Lubmin und Emden auch in Hunterston/Schottland neue Kohle-Projekte plant.
Mit diesem "Auslagern" ist Dong in bester Gesellschaft: Der belgische Konzern Electrabel plant in Deutschland ebenfalls Steinkohlekraftwerke. Der Schweizer Konzern Bernische Kraftwerke BKW will im Emsländischen Dörpen ein Kohlekraftwerk bauen. Und der schwedische Staatskonzern Vattenfall muss seine Klimaschutzbemühungen gegenüber dem Staat rechtfertigen - und setzt deshalb in Sachen Kohle lieber auf Deutschland. Weshalb der Konzern kürzlich sogar von Schwedens Umweltminister Andreas Carlgren gemahnt wurde.
"In Dänemark wäre das undenkbar"
In Lubmin will Dong 2,3 Milliarden Euro in ein neues Kohlekraftwerk ohne Kraft-Wärme-Koppelung investieren - die Abwärme verpufft also ungenutzt und wird nur den Greifswalder Bodden aufheizen. "In Dänemark wäre das undenkbar", sagt John Nordbo, Klimareferent von WWF Dänemark. Mit einem KWK-Anteil von 60 Prozent hat das Land Maßstäbe gesetzt - und gegenüber 8 Prozent in Deutschland doch sehr deutlich die Nase vorn.
Kohlekraftwerk in herrlicher Lage: Fotomontage des Dong Projekts in Lubmin
Eigentlich sollte Konzern Dong Energy bereits in diesem Jahr an die Börse gehen: Große Teile des Staatsanteils sollen privatisiert werden. Wegen der Finanzmarktkrise wurde das Vorhaben jedoch auf unbestimmte Zeit veschoben. Dass der Ausbau der Kohlestrategie des Konzerns nicht nur fatal für das Klima wäre, sondern auch ein Risiko für die Investoren und Aktionäre, zeigt eine neue Studie des WWF Dänemark.
Wird das Kohlekraftwerk Lubmin gebaut, erhöht sich die Abhängigkeit des Konzerns von Kohle von derzeit 57 Prozent auf 65 Prozent, so die Studie. Der jährliche Kohlendioxid-Ausstoß würde um mehr als 7 Millionen Tonnen ansteigen: Eine Verdoppelung des Werts von 2007. Weil das Kraftwerk im Fall einer Genehmigung erst nach 2012 in der dritten Phase des EU-Emissionshandels betriebsbereit wäre, würden sich die Preise für Verschmutzungszertifikate während der gesamten Betriebsdauer des Kraftwerks auswirken. Kurz: Der geplante Kohlekurs wird Dong teuer zu stehen kommen.
Der WWF rechnet mit einem Kohlendioxid-Preis zwischen 20 bis 40 Euro pro Tonne und Kosten von 140 bis 280 Millionen Euro durch die Ersteigerung von Verschmutzungszertifikaten. Für Investoren sind das keine guten Aussichten, so Brick Medak vom WWF Deutschland: "Dong betreibt eine verantwortungslose Geschäftspolitik - nicht nur gegenüber dem Klima, sondern auch gegenüber seinen Aktionären." Durch die Weiterentwicklung des Emissionshandels und den verstärkten Ausbau der Erneuerbaren Energien würden Kohlekraftwerke immer mehr zum Geschäftsrisiko. "Wer jetzt noch auf Kohlekraft setzt, risikiert, in ein paar Jahren vor milliardenschweren Investitionsruinen zu stehen", so Medak.
Die Studie des britischen Instituts Innovest empfiehlt Dong Energy, statt in Kohle in Offshore-Windparks zu investieren. Die seien bereits bei einem Kohlendioxid-Preis von knapp über 20 Euro pro Tonne wesentlich kosteneffektiver und würden auch den Börsenwert des Konzerns erheblich aufwerten.
Wind statt Kohle - Im Hinblick auf die wichtigen Entscheidungen der UN-Klimakonferenz in Kopenhagen im Dezember sei das der richtige Weg, sagt auch Klima- und Energie Campaigner Tajai Haaland von Greenpeace Dänemark. "Das Staatskonzern Dong Energy sich in Dänemark als grüner Energieversorger aufstellt und in Greifswald ein Kohlekraftwerk ohne Kraft-Wärme-Kopplung bauen will, ist geradezu absurd."
Warum aber auch nicht, meint dagegen Per Holmgård, Senior Vice President von Dong Energy Renewables: "Ob das Kohlekraftwerk in Lubmin gebaut werden darf oder nicht, sollen die deutschen Behörden entscheiden."
(Fotos: Messina, Bürgerinitative Kein Kohlekraftwerk Lubmin)
Die Studie "Dong Energy: Risk Assessment for Shareholders" finden Sie HIER und eine deutsche Zusammenfassung HIER
Eine Studie von Klima-Allianz, WWF und BUND hatte das geplante Kohlekraftwerk bereits im Mai als "ökologischen und ökonomischen Unsinn kritisiert. Mehr dazu finden Sie HIER
Hinweis: Dieser Text entstand im Rahmen einer von der Agentur für Erneuerbaren Energie veranstalteten Pressereise.
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