Serie: Singapur verpflichtet Deichbauer
Rund ein Zehntel der Weltbevölkerung lebt in Küstennähe und weniger als zehn Meter oberhalb des Meeresspiegels. Satellitenmessungen zeigen, dass der Pegel im globalen Durchschnitt derzeit pro Jahr um 3,1 Millimeter klettert. „Der Meeresspiegel steigt schneller als erwartet, und der Anstieg hat sich beschleunigt“, warnt Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. In einer Serie erkundet das Nachrichtenmagazin wir-klimaretter.de, welche Strategien es dagegen gibt. Heute Teil 2: Singapur
Singapurs früherer Parlamentssitz (rechts) ist heute ein Museum
Von NICK REIMER
Singapur ist der kleinste Staat Asiens, der reichste und der dicht besiedeltste: 4.5 Millionen Menschen leben auf den 63 Inseln. Ursprünglich war nur der Süden des Landes am Singapore River bewohnt, die restlichen Teile des Landes wurden landwirtschaftlich genutzt, oder waren Urwald. Dann aber setzte wegen der strategisch günstigen Lage ein wahrer Siedlungsboom ein: Kaum größer als Hamburg leben nun viermal so viele Menschen hier.
Deshalb versucht Singapur dem Meer immer neue Flächen abzutrotzen. So stieg die Landfläche von 581 Quadratkilometern in den 1960er Jahre auf heute 700 Quadratkilometer. Leisten kann sich der Stadtstaat das: Mit einem Bruttoinlandsprodukt von 39.000 US-Dollar verdienen die Singaporis statistisch gesehen in etwa das gleich wie die Deutschen. Also wird weiter investiert: Bis zum Jahr 2030 sollen weitere 100 Quadratkilometer Neuland hinzu kommen.
Das aber birgt immense Gefahren: Der Stadtstaat fürchtet angesichts des steigenden Meeresspiegels und immer kräftiger aufziehender Stürme um seine Zukunft. Um sich zu wappnen verhandelte die Regierung mit holländischen Deichbauern. Staatsgründer Lee Kuan begründete das auf einer öffentlichen Diskussionsveranstaltung so: "Wenn das Wasser steigt, und wir dann erst anfangen zu lernen, ist es zu spät."
Die niederländische Firma Delft Hydraulics hat in Singapur jetzt zusammen mit der Singapurer National University ein Forschungszentrum aufgebaut. Gegenwärtig wird ein Damm für einen neuen Wasserspeicher gebaut, um erste Erfahrungen zu sammeln, und um den Deichbau zu erlernen.
Zeichen von Wohlstand: Hier hat jeder seien Klimaanlage
Ob höhere Deiche tatsächlich auf Dauer ausreichen, bezweifeln Experten allerdings. Zudem ist der Stadtstaat vielerorts bis zum Küstenstreifen bebaut, für einen Deich müssten etwa die Wolkenkratzer im Zentrum weichen. Aber die Alternativen dazu sind nicht sonderlich üppig: Der höchste Berg Singapurs, der Bukit Timah Hill, ist mit 166 Metern nicht viel mehr als eine Klippe an der malaiischen Halbinsel.
Abzulesen ist der immer raschere Klimawandel am Ansteigen des Meeresspiegels. Stieg er zwischen 1961 und 2003 um durchschnittlich 1,8 Millimeter pro Jahr, so waren es von 1993 bis 2003 schon 3,3 Millimeter pro Jahr. "Das ist das Zehnfache des mittleren Werts der vergangenen 6.000 Jahre", erklärte Wolfgang Kusch, Präsident des Deutschen Wetterdienstes im April.
Der Weltklimarat IPCC prognostiziert, dass ein Abschmelzen der Eisdecke der Antarktis den Meeresspiegel global um vier bis fünf Meter anheben würde. Führende Wissenschaftler hatten allerdings zuletzt gewarnt, dass der Meeresspiegel deutlich schneller steigen könnte, als vom UN-Klimarat IPCC in seinem letzten Sachstandbericht angenommen. Neuere Arbeiten sprächen von 0,8 bzw. 0,5 bis 1,4 Meter Anstieg bis zum Ende des Jahrhunderts.

Zu wenig Platz am Meer: Die Altstadt Singapores musste größtenteils Hochhausriesen weichen
(Fotos: NICK REIMER)
Hier lesen Sie die anderen Teile der Serie:
Teil 1: Die Malediven
Teil 2: Singapur
Teil 3: Bangladesch
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