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Allianzen gegen das Untergehen

Die Liste der deutschen Delegationsmitglieder auf der Konferenz der UN-Klimarahmenkonvention füllt zwei Seiten. Die Staaten Tuvalu, Vanuatu oder Haiti schicken jeweils zwei Delegierte. Dieses Ungleichgewicht ist für die Inselstaaten, deren Einwohner global am stärksten vom Klimawandel bedroht sind, in den Verhandlungen ein entscheidender Nachteil.

Aus Bonn LUISE NEUMANN-COSEL

Der Inselstaat Tuvalu, bestehend aus neun kleinen Inseln im Pazifik, muss weichen: Der Meeresspiegel wird in den kommenden Jahren so weit steigen, dass ein großer Teil der Inseln bald nicht mehr bewohnbar sein wird. Die Regierung in Tuvalu hat deswegen bereits Asyl für ihre Bevölkerung in Australien und Neuseeland beantragt.

Viele der kleinen Inseln wie Tuvalu sind besonders direkt durch den Klimawandel gefährdet. Nicht nur müssen die Staaten mit der Gefahr leben, durch einen steigenden Meeresspiegel buchstäblich unterzugehen. Zusätzlich sind viele noch im Entwicklungsprozess begriffen und Armut unter Bewohnern und Regierungen der Inseln bestimmt oft deren Alltag.

Trotzdem sind die kleinen Inselstaaten bei den Verhandlungen um einen internationalen Klimadeal chronisch unterrepräsentiert. Während die Industriestaaten mit 70-Personen-starken Delegationen anreisen, schicken die Cook-Inseln gerade einmal fünf Delegierte. Und schon das ist viel: Die meisten der Inselstaaten und auch andere sehr arme Länder entsenden nur die zwei Delegierten, deren Kosten aus einem speziellen Unterstützungsfonds der Konvention gedeckt werden. Die Gründe dafür sind nicht nur finanzieller Natur, sondern liegen auch in den sehr kleinen Regierungen der Staaten. Wo das Umweltministerium nur eine Handvoll Mitarbeiter hat, reißt eine zweiwöchige UN-Konferenz gewaltige Löcher.

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Überleben ist nicht verhandelbar: Plakat auf der Bonner Klimakonferenz

Linda Siegele ist Anwältin und arbeitet für FIELD, eine Stiftung die besonders kleine Inselstaaten und Entwicklungsländer bei UN-Verhandlungen im Umweltschutzbereich unterstützt. "Wir haben einen ernsthaften Nachteil durch die geringe Größe unserer Delegationen", sagt Siegele, die als unterstützendes und beratendes Mitglied die Delegation der Cook-Inseln begleitet. Um diesen Nachteil auszugleichen, folgen viele Inselstaaten dem Beispiel der Cook-Inseln: Sie setzen Experten in ihre Delegationen, die sie in wissenschaftlichen und juristischen Fragen beraten können und gleichzeitig ein zusätzliches Ohr sind, wenn sich die Verhandlungen der UN wieder einmal in unzählige einzelne Sitzungen zerfasern. Wo die Delegationen der Industrienationen für jedes Thema einen Experten und jedes Treffen einen Verantwortlichen haben, müssen die kleinen Delegationen Prioritäten setzen oder kreativ werden.

Diese unterstüztenden Experten für die Inselstaaten sind entweder Menschen wie Linda Siegele, deren Stiftung sich als eine unterstützende NGO mit sozialem Anspruch versteht, oder wie Martin Herold von der Uni Jena, der die Delegation aus Vanuatu in Sachen Waldschutz berät. Oder sie sind professionelle Consulting-Berater, die hauptberuflich die Verhandlungen für die Staaten führen. Tuvalu etwa beschäftigt seit Jahren schon einen Berater, der die Insel bei allen UN-Umweltverhandlungen vertritt.

Doch trotz professioneller Hilfe: Auch zu fünft lässt sich einer UN-Konferenz kaum zufriedenstellend folgen. Um ihre Interessen bei der Klimakonvention trotzdem vertreten zu können, haben die kleinen Inselstaaten eine Allianz gegründet. Die AOSIS (Alliance of Small Island States) hat 43 Mitglieder, darunter auch "Nicht-Inseln" wie Belize, die im karibischen Raum liegen und sehr ähnlichen Problemen wie die Inselstaaten begegnen müssen. Die Gruppe trifft sich während der Verhandlungen mehrmals täglich, um die Interessen zu koordinieren. Trotzdem müssten Prioritäten gesetzt werden, sagt Siegele. Das seien vor allem ambitionierte Reduktionsziele für Industriestaaten und ausreichende Finanzierungszusagen für Anpassungsmaßnahmen.

Die AOSIS-Staaten begegnen den anderen Verhandlungsgruppen bei der UN oft mit den weitestgehenden Forderungen: Für das Bestehen der Inseln dürfe sich die Durchschnittstemperatur der Erde um nicht mehr als 1,5 Grad erwärmen, heißt es. Um das einzuhalten, müssen die Industriestaaten in den kommenden zehn Jahren ihre Treibhausgasemissionen um 45 Prozent reduzieren - eine Forderung, die für viele absolut utopisch klingt, haben die reichen Länder bislang doch nur Zusagen für Reduktionen von etwa fünf bis zwölf Prozent gemacht. Für die Inselstaaten und Linda Siegele gibt es trotzdem kaum Verhandlungsspielraum: "Es ist eine Sache des Überlebens."

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