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Textkonferenz im Märchenland

deboer.jpg  Klimasekretariatschef Yvo de Boer (Mitte) bei einer Pressekonferenz in Poznan

  aus Bonn SARAH MESSINA

Gleich zu Beginn der Halbzeit-Pressekonferenz des UN-Gipfels in Bonn warnt Yvo de Boer vorsorglich die Journalisten: "Sie werden das Gefühl haben, das alles schon einmal gehört zu haben". Dass das nicht zwangsläufig ein schlechtes Zeichen sei, belegt der Vorsitzende des UN-Klimasekretariats mit einem recht freien Dreh zum Musical "The Sound of Music". Eine Wiederholung, so ist wohl de Boers Quintessenz zu Beginn der zweiten Verhandlungswoche, hat auch positive Seiten. 

Derzeit arbeiten sich in Bonn die beiden Arbeitsgruppen unter dem Kyoto-Protokoll und der Klimarahmenkonvention durch insgesamt 121 Seiten variantenreichen Textentwurfs, der sich vor allem durch leere Tabellen und fehlende Zahlen auszeichnet. Stattdessen sind in den "drafts" für ein Nachfolgeabkommendes des 2012 auslaufenden Kyoto-Protokolls scheinbar alle denkbaren Optionen und Unteroptionen einer möglichen Vereinbarung enthalten.

Oder auch nicht: Auf Anregung der Delegierten können in Bonn weitere Formulierungen aufgenommen werden. Andere Punkte, die für bestimmte Parteien nicht akzeptabel sind, werden demonstrativ in Klammern gesetzt.

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Die Zeit ist knapp bis Dezember, das Tempo der Verhandlungen im Gegensatz dazu jedoch alles andere als zügig. Nach einer Woche zäher "Textkonferenz" hat de Boer kaum Neues zu berichten - und kassiert dafür aus dem Plenum beim Zusammenfassen der "Fortschritte" seit der letzten Konferenz prompt den Vorwurf, im Märchenland zu leben. 

Schön wärs: Auch die Halbzeitbilanz des UN-Klimasekretariats fällt allen amüsierlichen Abschweifungen zum Trotz wenig begeistert aus. Unzufriedenheit verursacht vor allem die Unbeweglichkeit der Industrienationen. Konkrete Reduktionsziele sind entweder noch nicht vorhanden oder nicht ambitioniert genug. Auf den Tisch gebracht wurden bis dato Optionen für 30 Länder, darunter die EU mit einem Ziel von 20 Prozent bis 2020 gegenüber 1990 - oder 30 Prozent bei Zustandekommen eines Klimaabkommens im Dezember. Zusammengenommen machen diese Zahlen bis 2020 eine Treibhausgasreduktion von 17 bis 26 Prozent gegenüber 1990 aus. "Bei weitem nicht genug, um den Klimawandel in den Griff zu bekommen", so de Boer.

Der Weltklimarat hält eine Reduktion von 25 bis 40 Prozent für notwendig, um die Erderwärmung auf maximal zwei Grad zu begrenzen. Umweltorganisationen, aber auch Schwellenländer wie China oder Indien fordern eine Reduktion von mindestens 40 Prozent. Demnach bewegen sich die Zahlen bestenfalls am unteren Rand des geforderten.

Noch nicht mit einberechnet sind dabei Länder wie die USA, Japan oder Russland: Während die US-Delegation auf langfristige Ziele bis 2050 beharrt, die Emissionen bis 2020 aber lediglich auf das Level von 1990 zurückfahren will, diskutiert Japan eine Reduktion von 25 Prozent bis plus vier Prozent - nun bahnt sich eine Minderung um sieben Prozent an. Und Russland hat erst gar kein mittelfristiges Reduktionsziel aufgestellt.

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Ernüchternd deshalb auch die Bilanz des Climate Action Networks Can, einem internationalen Netzwerk aus Umwelt- und Entwicklungsorganisationen: "Was in der letzten Woche passiert ist? - So gut wie nichts", sagt Wael Hmaldan von der Arab Climate Alliance. Der Widerwille der Industrienationen zu ambitionierten Reduktionszielen sei nicht nur ärgerlich, sondern gefährde auch den Erfolg der Verhandlungen.

"Derzeit jedenfalls", so auch Karim Harris von Can Europe, "wären die Auswirkungen einer Vereinbarung in dieser Form eine Erhöhung der Durchschnittstemperatur um vier Grad oder mehr". Das sei ein Beweis mehr, dass Bewegung in die festgefahrenen Verhandlungen kommen müsse. Denn auch eine Beteiligung von Schwellenländern wie China (das mittlerweile die USA als weltgrößten Emittenten von Treibhausgasen abgelöst hat) mit eigenen Klimaschutz-Verpflichtungen hängt daran, ob und wie schnell sich die reichen Länder mit ihren Zielen auf ein ambitioniertes Klimaabkommen zubewegen.

Alles andere als klar sind neben den bislang enttäuschenden Reduktionszielen der Industrieländer auch Finanzierungshöhe und Finanzierungsmechanismen zur Unterstützung der Entwicklungsländer zur Anpassung an den Klimawandel, einem weiteren wesentlichen Streitpunkt auf dem Weg nach Kopenhagen. Zu Beginn der zweiten Verhandlungswoche in Bonn schaut die Weltklimadiplomatie deshalb auch auf die EU: Am Dienstag kommen die EU-Finanzminister in Luxemburg zusammen. Das letzte Treffen der Minister ging in dieser Sache ohne Ergebnis zuende. Eine Entscheidung wurde vertagt - auf Juni.

Immerhin: Aus einem Expertenbericht für die kommenden EU-Finanzministertreffen geht explizit hervor, dass zur Unterstützung der Entwicklungsländer rund 100 Milliarden Euro aufgebracht werden müssen, ab 2030 zusätzlich 23 bis 54 Milliarden Euro. Konkrete Ergebnisse sind offenbar jedoch auch vor diesem Hintergrund nicht zu erwarten.

Ein gravierender Fehler, kritisieren Umweltorganisationen: "Die Finanzierung ist das Schlüsselement der zähen Verhandlungen", sagt Karim Harris von Can Europe. Mehr denn je hänge der Erfolg der Verhandlungen an der Anerkennung historischer Verantwortung und einem finanziellen Brückenschlag der Industrieländer zu den armen Ländern ab. Harris: "Kommt dieses Signal nicht, wird erneut eine wichtige Gelegenheit zum Voranbringen des Verhandlungsprozesses verpasst". Das werde sich auch in Bonn deutlich zeigen. Allerdings nicht durch "The Sound of Music", sondern durch eisiges Schweigen.

FOTOS: MESSINA, REIMER

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