Kapitel 1: Wirtschaft
Das Ende des Kapitalismus – wie wir ihn kennen
Wachstum, Wachstum, Wachstum – das ist das Credo des heutigen Wirtschaftens. Die Erderwärmung macht klar, dass nichts grenzenlos ist, nicht einmal der Himmel. Wenn der Kapitalismus sich nicht reformiert, wird er zusammen mit der Menschheit untergehen.
| Vier Maurer hocken auf der Krone eines Schornsteins. Der höchste Arbeitsplatz Europas – 120 Meter haben sie den Koloss schon in den Himmel getrieben, 20 fehlen noch. Es werden 20 anstrengende und gefährliche Meter. Europas höchste Ziegel-Esse schwankt gewaltig hin und her im Wind. Doch die Arbeit wird sehr gut bezahlt: Es muss schnell gehen, denen unten am Boden ist die Luft ausgegangen. Halsbrücke, ein Bergarbeiterstädtchen im Herzen Sachsens, das 19. Jahrhundert ist schon in seiner zweiten Hälfte. Die Hüttenwerke gehen harten Zeiten entgegen. Die ätzenden Abgase der Silber-Flammöfen haben das gesamte Tal der Freiberger Mulde unfruchtbar gemacht. Das Jahrbuch für den Berg- und Hüttenmann vermerkt: „Durch Erbauung großer Flugstaubsammler und durch Verlegung der Flammofenarbeit auf die Wintermonate sind die Belästigungen der Nachbarschaft zwar geringer geworden. Leider erweist sich aber die Reinigung der Gase am schwierigsten.“i Die aber wäre umso wichtiger, wo sich doch Halsbrücke „inmitten einer Landwirthschaft befindet, welche fast nur auf kleine Besitzer vertheilt ist und denen ein zufälliger strichweiser Schaden recht empfindlich werden kann“. Um zu begreifen, wie es zum Klimawandel kommen konnte, muss man tief in der Historie graben. Denn die Geschichte der Erderwärmung ist die Geschichte des kapitalistischen Wirtschaftens. Und diese Geschichte handelt von Profit und Rendite, vom Ersatz menschlicher Arbeit durch Energie, von Siegern und Verlierern im mittlerweile globalen Wettbewerb. Die Erderwärmung legt die Grundprobleme des Kapitalismus bloß: Wachstum heißt sein erstes, die Externalisierung von Kosten sein zweites. Die Unternehmer müssen sich stets einen Wettlauf um Mehr, Mehr, Mehr bieten – und glänzend haben sie es im Laufe der Geschichte verstanden, die dabei anfallenden Kosten zu externalisieren, also auf andere abzuwälzen. Die Umweltbewegung beklagt beide Missstände seit Jahrzehnten, aber heute kann sich niemand mehr darum drücken, nicht einmal mehr die Wirtschaft. Sir Nicholas Stern, ehemals Chefökonom der Weltbank und heute Berater der britischen Regierung, nennt den Klimawandel „das größte und weitestreichende Marktversagen, das wir je sahen“.ii Heute ist klar: Der Klimawandel ist das Ende des Kapitalismus – jedenfalls so, wie wir ihn bisher kennen. Der Kapitalismus wird sich ändern müssen, oder er zerstört seine Naturgrundlagen und damit letztlich sich selbst.
Die Sächsische Silberproduktion um 1870: 40 Prozent ihres Gewinns müssen die Hütten aufwenden, um Entschädigungsforderungen der Bauernschaft zu begleichen. Zwar haben die Hüttenbesitzer versucht, sich der Zahlungen zu entledigen, indem sie den Bauern ihre Felder oder Weiden einfach abkauften. Aber das können sie sich jetzt nicht mehr leisten. Der Globalisierung wegen: In Peru, Chile oder Mexiko sind große Silberwerke entstanden, die den Weltmarktpreis gehörig unter Druck setzen. Die sächsischen Hütten suchen ihr Heil im technischen Fortschritt: Um die Schmelzleistung der Öfen pro Abstich zu steigern, setzten sie stärkere Gebläse ein. Tatsächlich ließ sich so die Produktivität deutlich steigern. Leider kam dadurch aber aus den Schornsteinen auch deutlich mehr Gift.
Geld bewegt die Welt. Doch dann, Anfang der sechziger Jahre, entdeckte der amerikanische Ökonom Theodore William Schultz, dass es neben D-Mark, Yen oder Dollar noch eine andere Form des Kapitals: das Fachwissen. Die kalte Welt der Wissenschaft fand dafür das Wort „Humankapital“. Gut ausgebildete Ingenieure zum Beispiel sind daher viel Geld wert, weil sie es verstehen, aus immer komplexer werdenden Forschungsergebnissen vermarktbare Produkte zu machen. Erich Gutenberg, der Begründer der modernen Betriebswirtschaftslehre, formulierte dies in seiner Faktorenlehre: Humankapital ist ebenso ein Produktionsfaktor wie physisches Kapital – also sein Geld wert. Fortan galt in der Ökonomie eine Deutsche Mark auch dann als gut investiert, wenn sie – statt direkt ein vielversprechendes Patent zu erwerben – einen fähigen Wissenschaftler an sich band. Der würde dieses Investment später mit sehr viel lukrativeren Patenten schon vergolden.
Die weltweite Computervernetzung transferierte Informationen, Ideen, indirekt per Online-Banking sogar Investitionen. Die standardisierten Blechbehälter machten Transporte schneller und billiger und verhalfen der weltweiten Warenzirkulation zu nie gekannter Intensität. Globalisierung – so wird dieses Phänomen gemeinhin genannt.
Überall auf der Welt und zu allen Zeiten gibt und gab es solche Rechnungen. Die Sanierung der zehntausend schlimmsten Giftmüllkippen der USA würde hundert Milliarden Dollar kosten. 30 Milliarden Euro muss die Bundesrepublik alljährlich für die Bodensanierung ausgeben. Allein die Verwüstungen Sachsens und Thüringens durch den Uranbergbau zu DDR-Zeiten schlagen mit 6,2 Milliarden Euro zu Buche. 1889 wurden in Halsbrücke 244.237,47 Mark ausgegeben, um das Problem eines einzigen Flusstales zu lindern – und mit dieser für damalige Verhältnisse schier ungeheuren Summe wurden nicht etwa die angerichteten Umweltschäden repariert, sondern bloß die Voraussetzungen dafür geschaffen, das weiter anfallende Gift auf noch größere Flächen zu verteilen. |
i: Jahrbuch für den Berg u. Hüttenmann, 1890, O. Hüppner: „Über die Erbauung der hohen Esse...“
ii: Stern Review on the Economics of Climate Change. Summary. London 2006, p.1
iii: Marx, K.: Das Kapital. Band 1. Berlin 1966, S. 193 Berlin 2007. S. 4
iv: Die Zeit, Nr. 4/2007, S. 39
v: von Weizsäcker, E-U.: Erdpolitik. Darmstadt 1990, S. 215
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