EU-Wahlen: Schwere Zeiten fürs Klima
Wahlnacht im EU-Parlament: Erste Bekanntgabe der Ergebnisse
Aus Brüssel Susanne Götze
Eines ist klar: Diese Wahl ist keine Wahl für Europa. Wieder einmal zeigen die abgegeben Stimmen ein Bild der nationalen Stimmungslagen. Es wurde also nicht über die Arbeit der Fraktionen des Europäischen Parlamentes abgestimmt, wie Martin Schulz, Fraktionsvorsitzende der Sozialdemokraten auf der Pressekonferenz im Parlament in der Wahlnacht richtig bemerkte, sondern über die nationale Politik. Beides hat nur sehr bedingt etwas miteinander zu tun. Das weiß jeder, der sich den so genannten „Brüssel-Virus“ einmal eingefangen hat. Diese "Krankheit" führt dazu, dass viele nationale Parteidifferenzen zugunsten der gemeinsamen europäischen Politik nach hinten gestellt werden.
Umso härter ist es, wenn den Brüssler Politikern alle fünf Jahre attestiert wird, dass sich erstens immer weniger Leute für Europa interessieren und zweitens niemand ihre Arbeit zur Kenntnis nimmt, sondern ausschließlich die nationale Parteipolitik abgestraft wird. Wieder sank die Wahlbeteiligung im Vergleich zu 2004: Nur noch 43 Prozent der Europäer gingen überhaupt an die Urne (1979 startete das EP mit 61 Prozent).
Dementsprechend setzt sich der Trend fort, der auch bei Bundestagswahlen zu beobachten ist: Kleine Parteien gewinnen verhältnismäßig hinzu, während die Zustimmung für die großen Volksparteien kontinuierlich abnimmt. Aus deutscher wie europäischer Sicht haben die beiden großen Volksparteien, Konservative wie Sozialdemokraten deutlich verloren. Auch deshalb, weil zwischen beiden Lagern die politischen Grenzen immer mehr verwischen.
Europaweit hat es vor allem die Sozialdemokraten getroffen: Sichtlich zerknirscht wirkte auch dementsprechend ihr Fraktionsvorsitzender Martin Schulz. Angesichts seiner Niederlage und der niedrigen Wahlbeteiligung sprach Schulz von einer "Legitimationskrise der EU" und einer "Renationalisierung Europas".

Martin Schulz, Fraktionsvorsitzender der Sozialdemokraten: Eine schwere Niederlage für die PES und Europa
Zwar konnten die deutschen Grünen ihre rund 12 Prozent in Deutschland halten, europaweit konnte die Partei nach den neuesten Hochrechnungen immerhin neun Sitze dazugewinnen- das ist angesichts der allgemeinen Reduzierung der Sitze von 785 auf 736 Sitze recht beachtlich. Doch für Anträge werden Mehrheiten gebraucht und die sind angesichts der Verluste von Sozialdemokraten und Linke kaum mehr gewährleistet. Die Linken verloren nach dem derzeitigen Stand insgesamt acht Sitze. Sie haben es somit nicht geschafft, sich als Alternative in Zeiten der Wirtschaftskrise zu präsentieren.
Rot-Grün verliert, EP wird schwarz-braun-gelb
Der Verlust der Sozialdemokraten hat Grünen und Linken - jedenfalls auf europäischer Ebene - nicht viel gebracht. Insgesamt hat das rot-grüne Lager beachtlich verloren. Zwar musste auch die konservative EPP-ED-Fraktion an die 25 Sitze abgeben, doch sie hat im neuen Parlament gegenüber Grünen, Linken und Sozialdemokraten zugelegt (267 Sitze gegenüber 243 Sitzen von rot-rot-grün). 2004 hatte das sozial-ökologische Lager noch einen Vorsprung von 13 Sitzen gegenüber der konservativen Fraktion, nun liegen die Konservativen mit 15 Sitzen vorn. Es wird also bei umweltpolitischen Themen, die meist aus den Reihen des rot-grünen Lagers kommen, viel darauf ankommen, ob die Liberalen oder kleiner Parteien mit ins Boot geholt werden können.
Die Liberalen haben in der Vergangenheit ebenso wie die Konservativen zwar die Klimaschutzziele unterstützt, fraglich ist aber, ob mit dieser unternehmerfreundlichen, marktorientierten Politik wirklich ein struktureller Wandel hin zu einer proklamierten "Kohlendioxid-armen Wirtschaft" realistisch ist (siehe FDP-Programm). Sie verlor nach den ersten Ergebnisse trotz des deutschen Zugewinns 19 Sitze (81 Sitze insgesamt), wobei auch hier ein Großteil auf die tatsächliche Reduzierung des Parlamentes zurückzuführen ist (kurzzeitiger Zuwachs auf 785 durch den Beitritt Rumäniens und Bulgariens in der letzten Legislatur).
Botschaft Green New Deal nicht angekommen
Auch die sonstigen Teile des "Camembert" machen nicht viel mehr Mut: Darunter ist beispielsweise auch die Piratenpartei aus Schweden, die sich zwar für ein freies Internet einsetzt aber scheinbar weniger mit Green-IT-Themen am Hut hat. Wenig Hoffnung machen auch die Rechten: Die euroskeptische Fraktion Unabhängigkeit und Demokratie (Ind/Dem) konnte zwei Sitze dazu gewinnen, die Union für ein Europa der Nationen (UEN), verlor allerdings einige Sitze. Noch ist aber nicht klar, wer sich diesen rechtskonservativen Fraktionen noch anschließt. Denn hinzu kommt noch ein großer Batzen von "Anderen", die derzeit noch keiner Fraktion zugeordnet sind (90 Sitze), unter denen aber weitere Rechte sind (Niederlande, Großbritannien).
Insgesamt hat sich das Gewicht also klar zugunsten der marktliberalen und konservativen bzw. rechten Kräfte verschoben. Zu hoffen ist deshalb nur, dass der Brüssel-Virus auch im neuen Parlament umgeht und die Fraktionen zu konstruktiver Zusammenarbeit bereit sind. Denn vor allem im Klimaschutz lässt eine gesamteuropäische Perspektive doch weiter blicken - auch Konservative und Liberale - als aus einem kurzsichtigen nationalen Blickwinkel.
Außer dem partiellen Erfolg der Grünen zeigt sich aber, dass die Wähler vor allem auf die Krise einzelner Parteien und der Wirtschaft reagiert haben - wenn auch paradox mit der Bestätigung von Konservativen, Rechten und Liberalen. Ökologie spielt nur am Rande eine Rolle, damit haben Sozialdemokraten und Linke allerdings im Wahlkampf auch nicht vordergründig geworben.
Fotos: Götze
Guter Journalismus kostet
Sie können die Texte auf klimaretter.info kostenlos lesen. Erstellt werden sie jedoch von bezahlten Redakteuren. Unterstützen Sie den Klimaretter-Förderverein
Klimawissen e. V. einmalig durch eine Spende oder dauerhaft mit einer Fördermitgliedschaft.
Spendenkonto
Die Schlagzeilen um 16 Uhr
In dieser Woche am meisten gelesen
Meinungen: Überraschung der Woche
Röttgens Täuschung, Altmaiers Fahrrad und Merkels Verantwortung Kalenderwoche 20: Fachlicher Kompetenz führt nicht dazu, ein politisches Amt zu begleiten. Aber das ist leider ein allgemeiner Trend, findet Michael Müller, SPD-Politiker und -Vordenker und Mit-Herausgeber von klimaretter.info: In der Politik kommt es heute mehr auf das Management von Macht an als auf eine programmatische Idee. [mehr...]
Meinungen: Etscheits Alltagsstress
Ich liebe es! Einmal den Uli Hoeneß machen, auf jedes Umweltgewissen pfeifen und beim Burgerbrater um die Ecke so richtig die Ökosau rauslassen - wäre das nicht irgendwie herrlich? Nun ja ... Lesen Sie selbst!
Von Georg Etscheit [mehr...]
Jahrestag
Das Fukushima-Dossier
11. März 2011: Die Welt wird mit Stärke 9 erschüttert, fast 20.000 Menschen sterben. Die Atomanlagen havarieren, ein politischer Tsunami folgt. Kanzlerin Merkel ändert binnen 7 Monaten ihre Politik komplett, die Welt diskutiert die Atomkraft. Zum Jahrestag präsentiert klimaretter.info jenes Dossier, das damals im Nachrichtendschungel Orientierung gab. [mehr]
Aktion des Monats Das Netzwerk Friends of the Earth hat eine Europäische Bürgerinitiative für den EU-weiten Atomausstieg gestartet. BUND-Hubert Weiger, einer der Initiatoren sagt, mit der Volksinitiative habe man "jetzt endlich eine greifbare Möglichkeit, den Weg in eine sichere und saubere Energiezukunft zu ebnen". Nutzen wir sie! [mehr] | Zu Ihrem Vorteil Sie lesen uns gerne und regelmäßig? Sie finden unser Angebot interessant, hilfreich und erhellend? Dann müssen Sie uns helfen! Unabhängiger Journalismus kostet Geld, und wenn RWE, Vattenfall, die CDU oder die Netzbetreiber nicht dafür zahlen, dann doch wohl Sie! Abonnieren Sie uns, für 3, 5 Euro oder 50 im Monat, für 100 Euro im Jahr - oder "Flattrn" Sie uns [mehr...] |
Klimaretter-Jobbörse
Die Pioniere der Energiewende
Ein Elektroingenieur für den Bereich Netzanschluss gesucht? Einen Sicherheitsexperten für die Windkraft? Eine Klimaberaterin für die Verbraucherzentrale in Mainz? Auf der klimaretter.info Jobbörse werden viele spannende Jobs zur Energiewende angeboten. [mehr]
Lexikon Was eigentlich ist TREC und was die COP? Wie berechnet sich der Heizwert und wie die Wärmestrahlung? Wie funktioniert Contracting, wie ein Smart Grid? Antworten auf diese und viele andere Fragen finden Sie in unserem Lexikon zum Stöbern - und Nachfragen [mehr] | Klimaretter-Beichtstuhl Na, doch wieder einmal schwach geworden? Doch wieder eine unnötige Strecke mit dem Auto gefahren? Doch wieder ins Flugzeug gestiegen? Fehler zu (be)kennen, ist der erste Schritt zur Besserung: Erzählen Sie einfach sich, was Sie bereuen. Und warum. Sie werden sehen: Das erleichtert! Nutzen Sie einfach unseren "klimaretter.info-Beichtstuhl". [mehr...] |
Vattenfall: Einfach schlecht vorbereitet
Es gibt Werbekampagnen, die so schlecht sind, dass man sich fragt, wie sie jemals zustande kommen konnten. Ist die Agentur zu blöd? Wollen die Chefs, die die Kampagne abnehmen, ihre Firma bewußt schädigen? Ist das Produkt so miserabel, dass es[…] [mehr...]Mehr vom Lügendetektor
Klimaretter-Dossiers
Die Gesetze der Energiewende - Eine Analyse
Atomkraft weltweit - Die Welt nach Fukushima
Der GAU von Tschernobyl - 25 Jahre später
Atomunfall in Japan - Das Unglück von Fukushima
E10 und das Politikversagen - Wie es jetzt weiter geht
Das Zwei-Grad-Ziel - Ist die Erderwärmung zu stoppen?
Anpassungsstrategie - Das Meer steigt
Fussball-WM 2010 - Afrika im Klimawandel
Ausgekohlt - Wie Kohlekraftwerke kippten
Nordrhein-Westfalen 2010 - Die Klima-Wahl
Bundestagswahl 2009 - Klima nur Nebensache
Merkels Klimabilanz - Bilanz der Meseberg-Beschlüsse
McPlanet-Kongress - Beginn einer neuen Bewegung
Beichtstuhl - Wen das Gewissen plagt
Kopenhagen ABC - Deshalb gibt es COPs und MOPs
Klimakonferenz-Specials
Durban Dezember 2011 - COP17 in Südafrika
Berlin Juli 2011 - Petersberger Dialog ohne Ergebnis
Bonn Juni 2011 - Kein Frühling auf der Frühjahrstagung
Bangkok April 2011 - Verwaltung statt Klimarettung
Cancún Dezember 2010 - Hoffnungszeichen in Mexiko
Tianjin Oktober 2010 - Letzte Konferenz vor Cancún
Bonn August 2010 - Die Sommerkonferenz
Bonn Juni 2010 - Noch mehr Stillbeschäftigung
Bonn April 2010 - Stillbeschäftigung in Bonn
Alternativgipfel April 2010 - Cochabamba
Dezember 2009 - Kopenhagen Countdown
Kopenhagen Dezember 2009 - COP15
Barcelona November 2009 - Noch viele Fragezeichen
Bangkok Oktober 2009 - Feinschliff am Text
Bonn Juni 2009 - Hoffnung auf ein Abkommen
Poznan Dezember 2008 - Der 14. Klimagipfel COP14
Bali Dezember 2007 - Der 13. Klimagipfel COP13








