Deutschlands ungeliebte Klimalobby
Es gibt Klimaschützer, die mag niemand. Und sie bemitleiden sich dafür. Das sind die Atomfans vom Deutschen Atomforum. Heute feiert der Dachverband der Atomindustrie seinen 50. Geburtstag. Der Lobbyverein kann zurückblicken auf eine lange Geschichte an einseitiger Darstellung, dreister Grünfärberei, manipulativer Propaganda und dubioser Geldströme
Von Felix Werdermann
Als das Deutsche Atomforum vor 50 Jahren gegründet wurde, konnte noch niemand ahnen, was es vor sich hatte. Atomkraftwerke in Deutschland waren noch nicht gebaut; tiefgreifende gesellschaftliche Konflikte noch nicht absehbar; Whyl und Brokdorf lagen noch in der Zukunft. Heute sind 17 Reaktoren in Deutschland am Netz, die Diskussionen drehen sich um einen Ausstieg aus dem Ausstieg und das Atomforum darf auf Laufzeitverlängerungen hoffen. Und Geburtstag feiern.

Vor 50 Jahren hatte die Atomindustrie noch große Proteste vor sich - hier demonstrieren im Jahr 1979 Tausende in Bonn
Der Geburtstagswunsch ist gut überlegt: Eine „noch sachlichere Diskussion über die Kernenergie" wünsche sich das Atomforum zum 50. Gründungsjubiläum, sagt Pressesprecher Maik Ressel. Auch der Atomverband selbst möchte ein Stück zur Verwirklichung beitragen: Das Atomforum bemühe sich, ein „ausgewogenes, faktenorientiertes Bild von der Kernenergie" zu vermitteln, beteuert Ressel.
"Deutschlands ungeliebte Klimaschützer"
Die alltägliche Arbeit des Lobbyvereins sieht jedoch anders aus: Auf Veranstaltungen, in Publikationen und auf der Internetseite werden immer wieder die Vorteile der Atomenergie beschworen. Selbst bei Umweltschützern will man mit der Atom-Propaganda punkten: Vor zwei Jahren hat der „Informationskreis Kernenergie", eine Tochterorganisation des Atomforums, die Werbetrommel gerührt für „Deutschlands ungeliebte Klimaschützer".

Ist das nicht schön? Werbekampagne des Deutschen Atomforums
In zahlreichen Tageszeitungen und in den Berliner U-Bahnhöfen waren idyllische Landschaftsaufnahmen zu sehen. Mittendrin: Deutsche Atomkraftwerke. Und zwar diejenigen, die laut Ausstiegsbeschluss als erstes abgeschaltet werden müssen. Um Stimmung für die „Klimaschützer der Woche" zu machen, nehmen die PR-Strategen auch die Fakten nicht so ernst: „CO2-Ausstoß: Null", stand auf den Plakaten. Ignoriert wurde dabei, dass auch die Produktion von Atomstrom Treibhausgase verursacht - zum Beispiel beim Abbau des Brennstoffs Uran.
Gewinner des Worst EU Greenwash Award 2007
Die Reaktionen auf diese Kampagne ließen nicht lange auf sich warten: Im Internet kursierten zahlreiche Variationen der Plakat-Motive.

Parodien auf die dreiste Grünfärberei kursierten schon kurze Zeit später im Internet
Und die europäische Internetgemeinde hat den Werbefeldzug des Atomforums mit dem „Worst EU Greenwash Award " ausgezeichnet, einem Preis für die irreführendste Grünfärberei. Begründung: „Die Kampagne ist ein herausragendes Beispiel für europaweite Bemühungen der Atomlobby, den Klimawandel für die Imagewerbung der Atomenergie zu instrumentalisieren. "
Beim Atomforum löst die Auszeichnung Kopfschütteln aus: Man habe den Award „zu Unrecht erhalten", sagt Sprecher Ressel. Trotzdem: „Die Auszeichnung ärgert uns nicht, sondern hat vielmehr aufgezeigt, wie viel Aufmerksamkeit wir mit unserer Klimaschützer-Kampagne erhalten haben."

Das Atomforum hat den "Worst EU Greenwash Award 2007" gewonnen
Budget im Millionenbereich
Wie man die Öffentlichkeit erreicht, hat das Atomforum anscheinend in den vergangenen 50 Jahren bestens gelernt: „Ich denke, dass die Atomindustrie relativ viel ausprobiert hat, wie sie die Stimmung zu ihren Gunsten drehen kann", sagt Ulrich Müller von dem Verein LobbyControl , der den Greenwash Award zusammen mit anderen Organisationen vergeben hat. Hinzu kommt das viele Geld: „Man konnte schon sehen, dass die Anzeigenkampagne ein sehr großes Budget hatte" - im Millionenbereich, schätzt er.

Bei Laufzeitverlängerung winken den Atomkraftwerken Zusatzgewinne im mehrstelligen Millionenbereich
Offizielle Zahlen zum Jahresbudget gibt es nicht. In einer E-Mail-Antwort heißt es trocken: „Wie viele andere Verbände und wie auch Unternehmen geben wir zum Budget keine Auskunft." Wahrscheinlich dürfte die Ausstattung mit finanziellen Mitteln aber nicht allzu schlecht ausfallen. Geld verdient die Atomindustrie schließlich genug. Ist ein Atomkraftwerk erst einmal abgeschrieben, so fallen nur noch die geringen Kosten für den Betrieb an und das Kraftwerk wird zum wahren Goldesel: Zwischen 4,6 und 5,2 Milliarden Euro Zusatzgewinne bringen die deutschen Atommeiler jährlich, schätzt Felix Matthes vom Öko-Institut. Gut möglich, dass für die politische Interessenvertretung einiges übrig bleibt.
Finanzierung von Öffentlichkeitsarbeit für die Asse
In welchen Kanälen das Geld letztendlich landet, ist unklar. Vor kurzem bestätigte das Atomforum , dass es für die Öffentlichkeitsarbeit des maroden Atommüll-Lagers Asse dem Bund mehrere Jahre lang kräftig unter die Arme gegriffen hat. Fast 700.000 Euro sollen laut Spiegel an das Forschungszentrum GSF geflossen sein, das in staatlichem Auftrag das Versuchs-Endlager bis November 2008 betrieben hat.
Anders soll es laut Atomforum beim Verein „Bürger für Technik " gewesen sein. Die scheinbar unabhängige Bürgerinitiative macht Stimmung gegen Windenergie und preist die Atomkraft in höchsten Tönen. Die Zeit widerspricht dem Atomforum : „Vieles spricht dafür, dass der harmlose Bildungsverein eine Tarnorganisation der Atomlobby ist." Dazu zitiert die Zeitschrift aus einem internen Papier des Vereins. In dem heißt es, zuerst hätten sich die Mitglieder in der Fachgruppe „Nutzen der Kerntechnik" zusammengefunden - innerhalb der Kerntechnischen Gesellschaft, einer Organisation des Atomforums. „Um unseren Wirkungskreis auch neutral zu erweitern, haben wir die lose Vereinigung ‚Bürger für Technik' gegründet [...]. Die Zielsetzungen beider Gruppen sind identisch."
Erneuerbare: "langfristig nicht mehr als 4%"
Der Verein kommt aus einer Zeit, in der die Atomlobby noch hart gegen die erneuerbaren Energien geschossen hat. Vor 16 Jahren hieß es in einer Pro-Atom-Anzeige der großen Energieversorger: „Regenerative Energien wie Sonne, Wasser oder Wind können auch langfristig nicht mehr als 4% unseres Strombedarfes decken." Peinlich: Im Jahr 2008 betrug der Anteil mehr als 15 Prozent.
Heute sind die Atomfans klüger geworden. Walter Hohlefelder, Präsident des Atomforums hat noch vor zwei Wochen einen Deal vorgeschlagen : Die Atomkraftwerke sollen länger laufen - im Gegenzug solle ein Teil der AKW-Zusatzgewinne für die Förderung erneuerbarer Energien bereitgestellt werden, so der ehemalige Abteilungsleiter für Reaktorsicherheit, Strahlenschutz und nukleare Entsorgung im Bundesumweltministerium.
Öko-Branche gegen vergiftete Geschenke
Doch die Öko-Branche lehnte ab : „Wir brauchen keine falschen Freunde, die uns mit vergifteten Geschenken lähmen wollen", erklärte Dietmar Schütz vom Bundesverband Erneuerbare Energie. Tatsächlich passen Atomkraft und Erneuerbare nicht zusammen: Wenn der Anteil des umweltfreundlichen Stroms weiter steigt, werden Kraftwerke benötigt, die flexibel hinzugeschaltet werden können. Atomkraftwerke sind dafür denkbar ungünstig.

Solaranlagen ergänzen sich gut mit flexiblen Kraftwerken - nicht mit Atomreaktoren
Das Freundschaftsangebot macht vor allem eines deutlich: Die Atomindustrie ängstigt sich um ihre Profite und setzt alles daran, längere Laufzeiten durchzusetzen. Dabei hieß es noch im Ausstiegsbeschluss zwischen Bundesregierung und Atomindustrie: „Beide Seiten werden ihren Teil dazu beitragen, dass der Inhalt dieser Vereinbarung dauerhaft umgesetzt wird".
Suggestive Fragen und eindeutige Antworten
Das Atomforum hat diese Verpflichtung von Anfang an ignoriert. In der aktuellen Kampagne „Zeit für Energieverantwortung " soll noch mal neu über die Energiezukunft Deutschlands diskutiert werden. Die Fragen sind häufig suggestiv: „Wohin führt der energiepolitische Sonderweg?" Die Antwort wird auf der Internetseite dann auch gleich mitgeliefert: Bislang gebe es „keine überzeugenden Konzepte für eine sichere, wirtschaftliche und umweltverträgliche Energieversorgung nach dem Ausstieg" aus der Risikotechnologie.

Zeit für Energieverantwortung: Fragerunde beim Atomforum
Um die Einweg-Kommunikation zu kaschieren, können sich Besucher der Website auch am atomforums-eigenen Meinungsbarometer beteiligen. Hier darf beispielsweise gemutmaßt werden, warum in Deutschland „so emotional über Kernkraft diskutiert" wird. Atomkraftgegner können wählen zwischen Kommunikationsproblemen, Technik-Ängstlichkeit und „typisch deutsch".
Postkarten zur Bundestagswahl: "Willst du wirklich Schluss machen?"
Passend zur Bundestagswahl hat sich das Atomforum nun etwas Besonderes einfallen lassen. In zahlreichen Bars und Kneipen liegen rote Postkarten aus mit der Aufschrift: „Willst du wirklich mit mir Schluss machen? " Die Werbung richtet sich an junge Leute, das Atomforum will jung, cool und sexy sein.

Post vom Atomforum: Passend zur Bundestagswahl fragt der Atomverein: "Willst du wirklich Schluss machen?"
Gleichzeitig scheinen sich die Atomlobbyisten aber auch vor der Bundestagswahl zu fürchten. „Ihnen läuft letztendlich die Zeit davon", urteilt Jochen Stay von der Anti-Atom-Kampagne Ausgestrahlt . Ob der Atomindustrie dabei ihr Geld nützt, bezweifelt er: „Wir haben die besseren Argumente", sagt Stay, „und überall Leute, die diese Argumente weitertragen."
Die letzten Umfragen von Infratest belegen zwar, dass die Zahl der Atomausstiegbefürworter schrumpft, aber noch immer ist die Mehrheit der Bundesbürger für den Ausstieg bis 2020. Sind die Kampagnen des Atomforums also ohne Wirkung? Für Stay steht zumindest fest: „Die Leute lassen sich nicht für dumm verkaufen."
FOTOS: NIXATOM.DE, WIKIPEDIA, DEUTSCHES ATOMFORUM, HEINRICH-BÖLL-STIFTUNG
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