Ökostrom, der dem Klima schadet
von Hanno Böck, Wir-Klimaretter-Redakteur
Im Frühjahr hat die Stadt Berlin seine Stromlieferverträge neu ausgeschrieben. Die Umweltorganisationen BUND und WEED forderten, bei der Vergabe ökologische Kriterien zu berüchsichtigen. Im Idealfall sollte es Ökostrom für alle öffentlichen Einrichungen der Stadt geben - also auch für Behörden, Schulen, Kindergärten, Universitäten. StudentInnen sammelten über 2500 Onlineunterschriften für Ökostrom an den Berliner Universitäten. Ihr Motto: Studieren ohne Kohle .

Zunächst schienen die Kampagnen durchaus Wirkung zu zeigen. In den Ausschreibungskriterien sollten ökologische Faktoren mit einem Drittel bei der Entscheidung ausschlaggebend sein - zwei Drittel die finanziellen Faktoren. Da nach Schätzungen der Umweltverbände ein Ökostromangebot mit lediglich etwa zwei Prozent Aufpreis zu Buche schlagen würde, schienen die Chancen auf Erfolg durchaus gegeben.
Das Ergebnis, das Ende April bekannt wurde, dürfte viele der KämpferInnen für ein Ökoangebot enttäuscht haben: Das Land bezieht 100 % Ökostrom - allerdings von Vattenfall. Das "Öko" bezieht sich hier auf sogenannte RECS-Zertifikate - dabei kann ein Betreiber regenerativer Energieanlagen Zertifikate für seinen produzierten Strom an einen anderen Anbieter verkaufen. Beim Berliner Ökoangebot von Vattenfall handelt es sich um Zertifikate aus norwegischen Wasserkraftwerken. Das Problem dabei: Die Wasserkraftwerke in Norwegen werden sowieso betrieben - ob Vattenfall hierfür Zertifikate abkauft oder nicht. Eine Wirkung hätte ein derartiges System höchstens dann, wenn mehr Zertifikate gekauft würden, als sowieso Strom aus regenerativen Energieanlagen produziert wird. Davon ist man aber noch weit entfernt. Das Online-Magazin telepolis rechnet vor , dass Vattenfall für die RECS-Zertifikate vermutlich weniger zahlen musste, als das Land Berlin durch den "Ökostrom" an Mehrkosten hat.

Insofern bedeutet die Berliner Entscheidung vor allem: Mehr Geld für Vattenfall - Geld das eventuell in neue Braunkohletagebaue in Brandenburg, in neue Kohlekraftwerke oder in den Betrieb von Atomkraftwerken investiert wird. Insofern ist es fragwürdig, wenn ausgerechnet der BUND die Entscheidung als Erfolg bezeichnet. In einer weiteren Meldung jüngeren Datums äußert man sich dann auch deutlich kritischer.
Das Beispiel Berlin ist längst nicht der einzige Fall zweifelhafter Ökostromangebote. Schaut man sich etwa bei deutschen Internetdienstleistern um, könnte man den Eindruck gewinnen, das Internet werde in Deutschland ausschließlich von Solarpanels und Windkraftanlagen betrieben. Die drei größten Anbieter von E-Mail und Webhosting-Dienstleistungen - Strato, 1und1, Hetzner - setzen alle auf Ökostrom. Bei Strato und Hetzner kommt dieser von der Naturenergie AG - selbige ist ein Tochterunternehmen der EnBW - zumindest in geringem Maße subventionieren die "CO2-freien Webseiten" damit indirekt den Kohlekraftwerksbau in Karlsruhe und den Bau des EPR-Atomkraftwerks in Flamanville. 1und1 setzt auf RECS-zertifizierten Strom.

Das ganze Dilemma bei den Ökostromangeboten: Eigentlich geht es ja dem umweltbewussten Kunden nicht darum, wo sein Strom im Augenblick des Verbrauchs herkommt, denn das tut er sowieso nur virtuell. Entscheidend ist, welche Weichenstellungen damit befördert werden. Sprich: Worin werden Gewinne des Unternehmens investiert, welches den Strom verkauft? Es sollte eigentlich selbstverständlich sein, dass dies bei Europas zweitgrößtem CO2-Produzenten Vattenfall nicht der Fall ist.
Bei öffentlichen Ausschreibungen - wie bei der vom Land Berlin - sind derartige Einschränkungen allerdings allein europarechtlich nicht möglich. Das Umweltbundesamt hat Empfehlungen für Stomausschreibungen ausgearbeitet und bietet Musterausschreibungen an, die einen bestimmten Anteil an Neuanlagen erfordern. Das Land Berlin hat sich, wie der Tagesspiegel berichtet , nicht an diesen Vorschlägen orientiert.

Bei der großen Zahl an zweifelhaften Angeboten auf dem Markt könnte man hoffen, dass die verschiedenen Labels einem weiterhelfen. Doch auch deren Vergabepolitik bleibt fragwürdig. Das sogenannte »ok-Power«-Label, das unter anderem vom WWF und dem freiburger Öko-Institut getragen wird, erfordert zwar geringe Investitionen in Neuanlagen, berücksichtigt aber die Firmenpolitik überhaupt nicht. Auch die Öko-Angebote von EnBW und Vattenfall erhalten hier ihr Öko-Gütesiegel.
Beim Konkurrenzprojekt, dem Grünen Strom Label, getragen unter anderem von BUND, NABU und Eurosolar, sieht es nur wenig besser aus. Zwar finden wir hier keine Angebote der großen Energiekonzerne, aber eine ganze Reihe von Stadtwerken, die am Neubau von Kohlekraftwerken beteiligt sind. So finden sich dort etwa die Stadtwerke Tübingen, Aalen oder Mühlacker, die im Rahmen der SüdWestStrom AG ein 1800 Megawatt-Kohlekraftwer in Brunsbüttel bauen möchten. Ebenso findet man Unternehmen, die an den Plänen der Trianel-Gruppe für neue Kohlekraftwerke in Krefeld und Lünen beteiligt sind, unter anderem die Stadtwerke Gronau, Soest, Lübeck, Krefeld.
Den VerbraucherInnen bleibt angesichts dessen eigentlich nur eine Option: Selber hinschauen, recherchieren, welche Investitionen ein Unternehmen neben seinen Öko-Angeboten sonst noch betreibt und sich überlegen, ob man diese mit der eigenen Stromrechnung unterstützen möchte. Daneben sei noch auf die Webseiten Atomausstieg selber machen, Stromwechsel jetzt oder die Klimaretter-Stromwechselseite verwiesen. Die dort empfohlenen bundesweiten Anbieter sind zumindest nicht direkt mit der Atom- und Kohlewirtschaft verbunden.
FOTOS: CHRISTIAN WAGNER/WIKIMEDIA COMMONS, CEINTURION/WIKIPEDIA, ADRIAN PINGSTONE/WIKIPEDIA, HANNO BÖCK
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