Green New Deal oder Grenzen des Wachstums?
vom Vormittagspanel berichtet FELIX WERDERMANN
Hunderte Menschen sind in den Audimax-Hörsaal gekommen, um sich die Vormittagsdiskussion anzuhören. Schärfster Kritiker des Wirtschaftswachstum auf dem Podium ist Wolfgang Sachs vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie. Die Europäische Union müsse bis 2050 ihre CO2-Emissionen um 80 bis 90 Prozent senken. Es sei "unplausibel", dieses Ziel "auf steigendem Wachstumspfad" zu erreichen. Denn - so rechnet er vor - ein Wirtschaftswachstum von 1,5 Prozent pro Jahr führe in 40 Jahren zu einer Verdoppelung.
Auch Effizienzsteigerung helfe da wenig, erklärt Sachs: "Natürlich werden wir immer effizienter, aber es entstehen indirekte und direkte Rebound-Effekte." Das bedeutet, dass die Einsparungen, die durch Efifizienz erreicht werden, wieder ausgeglichen werden durch einen höheren Verbrauch. Sachs verdeutlicht dies am Auto: "Wenn mein Auto weniger Benizin benötigt, kann ich mir leisten, mehr Kilometer zu fahren."
Was im kleinen gilt, lässt sich auch auf das Große übertragen: Können Unternehmen durch Effizienz Kapital einsparen, so wird dies dennoch ausgegeben - nur eben für andere Dinge. Daher müsse man "skeptisch gegenüber der Effizienz-Rhetorik" sein, sagt Sachs.
"Selektives Wachstum" sei trotzdem notwendig, argumentiert Frithjof Schmidt, der für die Grünen im europäischen Parlament sitzt. Es gebe "gar keinen Zweifel", dass Investitionen in erneuerbare Energien nötig seien und diese ein volkswirtschaftliches Wachstum bedeuteten. Im Vergleich zu allen bisherigen Krisen dürfe man beim Klimawandel nicht länger warten. "Unsere Enkel werden es nicht besser ausfechten, die werden betroffen sein."
Dringend geboten sei daher ein grünes "Revitalisierungsprogramm" für den Kapitalismus - ein Green New Deal. Dabei dürfe das Bruttoinlandsprodukt nicht länger entscheidende Messgröße sein. Auf lange Sicht sei auch ein "selektives Schrumpfen" in bestimmten Wirtschaftsbereichen motwendig.
Auch die ausländischen Gäste auf dem Podium äußern Kritik am uneingeschränkten Wirtschaftswachstum. Farida Akhter, Geschäftsführerin des Instituts für „Politics and Advocacy“ UBINIG in Bangladesch, sagt, das bisherige Wachstumsmodell habe "mehr Probleme verursacht als gelöst". Kalyan Prasad Nyati, Leiter der Abteilung für Umweltmanagement beim Verband der indischen Industrie, fordert daher einen "Paradigmenwechsel innerhalb der Unternehmen": Sie sollten nicht mehr produzieren um Gewinne zu machen, sondern sie sollten sich darauf konzentrieren, mit weniger Ressourcen auszukommen.
Wolfgang Sachs vom Wuppertal Institut setzt hingegen auf staatliches Handeln. "Ja, wir brauchen einen Green New Deal", gesteht er zu. Dabei müssen aber in eine Wirtschaft investiert werden, "wo Menschen und Unternehmen ein Stück weniger angewiesen sind auf monetäres Wachstum." Insbesondere solle in öffentliche Güter investiert werden - wie beispielsweise in Südkorea: Dort wurden große Teile des Konjunkturprogramms verwendet um das Eisenbahnnetz auszubauen. Für Sachs ist das ein Traum: Die "Städte systematisch so umzubauen, dass man kein Auto braucht."
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