Die Weltklimadiplomatie übt sich im Warten
Auf dem Podium läuft in großen roten Zahlen der Countdown nach Kopenhagen: 242 Tage, 18 Stunden, 17 Minuten und 36 Sekunden zeigt die Uhr der Vereinten Nationen als sich am späten Mittwoch abend die Klimakonferenz in Bonn dem Ende zuneigt.
Aber die Uhr scheint bislang nur
sprichwörtlich zu ticken. Noch wechseln auf dem Bildschirm
geräuschlos und geradezu absurd optimistisch die digitalen
Ziffern. Wenn die letzten 10 Sekunden abgelaufen sind, werden jedoch
noch lange keine Korken knallen: Dann beginnt am 7. Dezember der entscheidende Klimagipfel in
Kopenhagen, an dessen Ende eine neue internationales Abkommen zum
Klimaschutz stehen muss.
Dass die Zeit auch ungenutzt verrinnt, würde eine
gigantische Sanduhr deshalb wohl treffender verbildlichen:
Für ein Kopenhagen-Abkommen ist Eile angesagt – kaum mehr als
Worte stehen bislang im Raum und ein paar wenige unbefriedigende
Zahlen. Den Teilnehmern der Konferenz ist das kaum anzumerken. Sie
laufen mit geschäftiger Gelassenheit durch die Halle, von
Sitzung zu Sitzung, von Dokument zu Dokument. Wer gerade nicht
unterwegs ist von einem Termin zum anderen, brütet über Texten oder verfolgt die Live-Übertragung
ausgewählter Sitzungen auf dem Bildschirm.
BINGOs (Business and industry
non-governmental organizations), TUNGOs (Trade union non-governmental
organizations) und ENGOs (Environmental non-governmental
organizations) versuchen mit zahlreichen Nebenveranstaltungen eigene
Akzente in Bonn zu setzen. Täglich kommentiert das Climate
Action Network, ein Zusammenschluss von Umwelt- und
Entwicklungsorganisationen den Fortgang der Konferenz. Einzelne
Organisationen haben außerhalb der Tagungsräume Infostände
aufgebaut. "Wie alt wirst du 2050 sein?" - Die provokoante Frage
auf den blauen T-shirts der internationalen Jugendorganisation
350.org soll etwa daran erinnern, dass sich mit dem Ausgang in
Kopenhagen auch ihre Zukunft entscheiden wird.
Auf dem großen Bahnhof Klimakonferenz kreuzen sich die Wege von 170 Nationen. Prinzipiell wollen alle mit einem Kopenhagen-Abkommen in den gleichen Zug. Ob sie auch einsteigen werden, ist allerdings eine ganz andere Frage. Man könnte deshalb annehmen, hier wird am runden Tisch verhandelt, hitzig debattiert und mit Zahlen um sich geworfen. Mitnichten: In großen Tagungsräumen sitzen Delegierte der verschiedenen Länder Reihe an Reihe hintereinander. Punkt für Punkt wird abgehakt vom Tagesplan, immer wieder wird von den einzelnen Ländern bekräftigt, gewarnt, zu Bedenken gegeben, gefordert. Alles wird zu Protokoll genommen. Aus den gesammelten Bemerkungen muss bis zur nächsten Konferenz im Juni ebenfalls in Bonn ein vorläufiger Verhandlungstext gestrickt werden.
Die Zeit läuft, die Weltklimadiplomatie übt sich statt konkret zu werden jedoch im Warten: Auf einen Verhandlungstext und noch mehr Dokumente, auf einen Verhandlungsmodus, auf Bewegungen von anderen, auf die USA. Als "konstruktiv und produktiv" fasst das UN-Klimasekretariat die Konferenz in Bonn am Ende zusammen: Mit dem nächsten Treffen könnten die "echten Verhandlungen" beginnen.
Das müssen sie auch: Die Reduktionsziele der Industrienationen sind bislang wenig ambitioniert. Mehr als die Beteuerung der Bereitschaft zu einem Klimaabkommen ist auch von Seiten der USA noch nicht auf dem Tisch. Offen ist zudem nach wie vor die Finanzierung von Klimaschutz und Anpassung in den Entwicklungsländern. Und daran geknüpft die Bereitschaft von Schwellenländern wie China und Indien zur eigenen Reduktionsminderung im Rahmen des Abkommens. Weiterhin umstritten sind etwa Aspekte wie die Kontrolle von Projekten im Clean Development Mechanism (CDM) oder die Einbeziehung von Entwaldungsmaßnahmen in Entwicklungsländern in einen internationalen Zertifikatehandel.
Am Ende der Konferenz stellt ein Journalist aus China UN-Klimasekretariatsleiter Yvo de Boer die Frage: "Wenn Sie ein Lehrer wären, welche Note würden sie der Konferenz in Bonn geben?". Der Leiter des UN-Klimasekretariats hatte zuvor entschieden betont, dass zwar gewisse "Annäherungen" stattgefunden hätten, die nächste Klimakonferenz jedoch endlich wirkliche Ergebnisse vorweisen müsse. Zitiert hatte er dabei Shakespeare's King Lear: Von nichts kommt nichts. Jetzt entscheidet sich de Boer für Diplomatie im Drama um Kopenhagen: Ein guter Lehrer setze auf Lob statt auf Tadel: "Für ihre Bemühungen verdienen alle Delegierten eine gute Note".
Ein nettes Nicht-Kompliment zu einer
Nicht-Konferenz ohne wirkliches Ergebnis. Was bleibt von Bonn ist vor
allem ein Haufen allgemein gehaltener Worte auf einem Berg von Papier. 242 Tage, 18 Stunden, 17 Minuten
und 36 Sekunden zeigt der Countdown zum Ende der Klimakonferenz: Die
Aufforderung zum Einsteigen verhallt in Bonn am Gleis. Irgendwann
wird der Zug abgefahren sein.
SARAH MESSINA
Fotos: UNFCCC, 350.org
Die aktuellen Schlussentwürfe der Arbeitsgruppe unter dem Kyoto-Protokoll (AGW-KP) finden Sie HIER
Für die Eingaben zum Verhandlungsentwurf der Arbeitsgruppe unter der Klimarahmenkonvention (AWG-LCA) gibt es eine Frist bis zum 24. April - die vorläufigen Dokumente finden Sie HIER
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