Serie: Ein Land plant den Umzug
Rund ein Zehntel der Weltbevölkerung lebt in Küstennähe und weniger als zehn Meter oberhalb des Meeresspiegels. Satellitenmessungen zeigen, dass der Pegel im globalen Durchschnitt derzeit pro Jahr um 3,1 Millimeter klettert. „Der Meeresspiegel steigt schneller als erwartet, und der Anstieg hat sich beschleunigt“, warnt Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. In einer Serie erkundet das Nachrichtenmagazin wir-klimaretter.de, welche Strategien es dagegen gibt. Heute Teil 1: Die Malediven
Von NICK REIMER
Wenn Mohammed Nasheed aus seinem Fenster schaut, sieht er Palmen, paradiesischen Strände und glasklares Wasser. Berge sieht er nicht. Und das ist ein Problem: Der erste demokratisch gewählte Präsident der Malediven will deshalb umziehen - mit seinem gesamten Land. Nasheed will für eine neue Heimat sparen, ein Teil des Tourismusgeschäftes - derzeit knapp eine Milliarde Euro - soll auf die Seite gelegt werden, um neues Land kaufen zu können.
Der Präsident spricht von einer "Versicherung" für den Fall, dass der Inselstaat infolge des Klimawandels zuerst teilweise und dann ganz im Meer versinkt. Er habe dafür bereits Kontakt zu mehreren Staaten aufgenommen und finde sie "aufgeschlossen."
Der Vorstoß des Präsidenten hat gute Gründe: 350.000 Menschen leben auf den Malediven, 80 Prozent des 1.200 Inseln zählenden Staates liegt nicht höher als einen Meter über dem Meeresspiegel. Selbst ein minimaler Anstieg würde einen beträchtlichen Teil der Malediven unbewohnbar machen. "Wir können nichts tun, um den Klimawandel aufzuhalten", sagte Nasheed. "Also müssen wir uns woanders Land kaufen."
Schon jetzt soll eine Reihe von Schutzmaßnahmen die Malediven vor Überflutungen schützen. Die Hauptstadt Male etwa, in der auf gerade einmal zwei Quadratkilometern 100.000 Menschen leben, ist von einer drei Meter hohen Mauer umgeben. Sie bietet jedoch nur Schutz vor Unwettern. Ob sie lange standhalten könnte, wenn der Meeresspiegel ansteigt, ist fraglich. Mehr als die Hälfte der Einwohner von Kandholhudhoo, einer dicht besiedelten Insel im Norden, haben ihr Heim bereits freiwillig aufgegeben, weil das Meer immer weiter vordringt.
Für die maledivische Bevölkerung kämen als Zufluchtsorte am ehesten Sri Lanka oder Indien in Frage - dort seien Kultur, Küche und Klima ganz ähnlich. "Wir möchten die Malediven nicht verlassen", sagte das Insel-Oberhaupt dem britischen Guardian. "Aber wir möchten auch keine Klimaflüchtlinge sein, die Jahrzehnte lang in Zelten hausen müssen."
(Fotos: Brot für die Welt, Reimer)
"Wir verstehen mehr als andere, welche gravierenden Folgen uns drohen, wenn wir nicht schleunigst etwas gegen die globale Erwärmung unternehmen", sagt Nasheed. Innerhalb einer einzigen Dekade will der Präsident seinen Inselstaat deshalb zur Klimaneutralität bringen: In der Vergangenheit habe man viel Geld in die Implementierung veralteter Energiequellen gesteckt. Das, so Nasheed, solle jetzt ein Ende haben.
Bis 2020 sollen die Malediven komplett auf erneuerbare Energien umsteigen. Ihr Präsident setzt deshalb auf eine neue Elektrizitäts- und Übertragungsinfrastruktur mit 155 großen Windkraftanlagen, Solarpanelen auf Dächern und Biomasseanlagen. Die Kosten der Umstellung der Energieversorgung werden auf rund 110 Millionen Dollar jährlich geschätzt.
"Für uns ist der Klimawandel schon jetzt eine sehr konkrete Bedrohung", sagt Nasheed. Wenn die Malediven heute nicht gerettet würden, könne es morgen bereits zu spät sein um Hong Kong, New York oder London zu retten. Nasheed: "Ich kann nur hoffen, dass andere Nationen unserem Beispiel folgen".
Bisher erschienen:
Teil 1: Die Malediven - Ein Land plant den Umzug
Teil 2: Singapur verpflichtet holländische Deichbauer
Teil 3: Bangladesch - Überleben im Hochbunker
Teil 4: Pazifik - Das Paradies bittet um Asyl
Teil 5: Venedig - Mit Schleusentoren und Mose
Teil 6: New York - Die zukunftslose Stadt
Teil 7: Die Niederlande - Holland lässt die Häuser schwimmen
Teil 8: Shanghai - Die Last des Wirtschaftsbooms
Teil 9: Deutschland - Was die Schafe lehren
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