Eine Heizdecke für die Arktis

Kam zuletzt mit wenig optimistischen Messergebnissen aus der Arktis zurück: Die Polarstern des Alfred-Wegener-Institutes
Das arktische Eis schmilzt bedenklich schnell: Schuld daran sind auch feinste Rußpartikel aus dem Auspuff von Dieselfahrzeugen in Europa – sagt der US-amerikanische Klimaforscher James Hansen. Die bei der Verbrennung von Dieselkraftstoffen entstehenden Partikel lagern sich auf dem Eis ab und heizen dem Abschmelzen zusätzlich ein. Das könnte schneller als gedacht zum Überschreiten so genannter "tipping points" führen. Im Wettlauf mit dem Klimawandel "könnte uns die Reduktion der Rußpartikel wertvolle Zeit verschaffen", so Hansen am Freitag in Berlin.
Hansen ist Direktor des NASA Goddard-Instituts für Weltraumstudien und unterstützt eine Kampagne der Deutschen Umwelthilfe DUH, Bund für Umwelt- und Naturschutz BUND, Naturschutzbund NABU und dem Verkehrsclub Deutschland VCD. "Rußfrei fürs Klima – Kein diesel ohne Filter", so der Aufruf der Umweltschützer. Das Aktionsbündnis will mit der Forderung nach einer Ausrüstung von sämtlichen Dieselmotoren mit Partikelfiltern sowohl den Gesundheitsschutz als auch den Klimaschutz vorantreiben.
Die mikroskopisch kleinen Rußpartikel
entstehen durch die unvollständige Verbrennung von
Dieselkraftstoffen, aber auch in Kraftwerken oder bei offenen
Bränden. Bislang waren sie vor allem aufgrund ihrer
gesundheitsschädigenden Wirkung bekannt: Nach Berechnungen der
Weltgesundheitsorganisation WHO kommt es allein in Deutschland
jährlich zu 70.000 vorzeitigen Todesfällen als Folge der
Belastung durch Dieselruß und Feinstaub. Die dreckigen Partikel
beeinflussen jedoch auch das Klima wesentlich, sagt Hansen: Vor allem auf der
Nordhalbkugel sei der Einfluss der Rußpartikel auf die
Erderwärmung verheerend.
Der Wind sorgt dafür, dass vor allem in Europa emittierte Rußpartikel zielsicher ihren Weg in die empfindliche Arktisregion finden. Generell absorbieren die schwarzen Teilchen in der Luft Sonnenlicht und erwärmen ihre Umgebung. In der Arktis legen sich die Teilchen jedoch als Ablagerung auf die Eisflächen und wirken wie eine Heizdecke. Die Beschleunigung des Abschmelzens arktischer Eisflächen könnte jedoch katastrophale folgen haben und etwa gigantische Mengen Methan aus tauenden Permafrostböden freisetzen. Einmal angestoßen verstärkt sich der Klimawandel so immer weiter und wird unkontrollierbar.

Rußpartikel lagern sich als "Grauschleier" auf arktischen Eisflächen ab und sorgen für zusätzliche Erwärmung
Vor solchen "tipping points" warnen Wissenschaftler wie Hansen seit Jahren. Sind diese Punkte erreicht, ist egal, wie viel Klimaschutz die Menschheit dann noch betreibt, der Klimawandel wird nicht mehr beherrschbar sein, die Folgen unaufhaltbar. Unter den gefrorenen Permafrostböden der Nordhalbkugel lagern zum Beispiel Milliarden Kubikmeter Methan - ein 22-mal aggressiveres Klimagift als Kohlendioxid. Erwärmt sich die Erde derart, dass diese Böden auftauen, ist es egal, was dann noch von der Politik unternommen wird. Die Wissenschaft sagt: 2 Grad globaler Temperaturanstieg dürfen nicht überschritten werden, mehr als 1 Grad sind bereits erreicht.
"Die Reduktion des black carbon könnte das Abschmelzen des Eises schnell und wirkungsvoll verlangsamen", sagt Hansen. Denn im Gegensatz zum Treibhausgas Kohlendixod, ist die Atmosphäre in Sachen Rußpartikel nicht nachtragend: Während es mindestens 1.000 Jahre dauert, bevor Kohlendioxid aus der Atmosphäre verschwindet, halten sich die winzigen Teilchen nur Wochen in der Luft.

Der Elefanten-Fuß-Gletscher in Grönland hat zuletzt sehr viel Masse verloren
Ein Großteil der Rußpartikel entsteht in Europa durch den Verkehrssektor. Zu etwa einem Drittel verschmutzen dabei Autos, Lastwagen und Nutzfahrzeuge die Luft. Auch Baumaschinen, Lokomotiven und Schiffe produzieren die schädlichen Rußpartikel. "Hier herrscht großer Nachholbedarf", sagt DUH-Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch. Nachdem neue Dieselfahrzeuge mittlerweile fast flächendeckend mit Partikelfiltern ausgestattet sind, müssten jetzt auch sämtliche andere Fahrzeuge mit Dieselmotoren folgen. "Innerhalb von 12 Jahren könnte das Problem in Deutschland Geschichte sein", sagt DUH-Berater Axel Friedrich: "Das ist ein kosteneffizienter Weg, um sowohl Gesundheits- als auch Klimaschutz voranzutreiben".
Zusammengenommen sei der Einfluss von anderen Treibhausgasen wie etwa Methan und Ozon oder der feiner Rußpartikeln auf die Klimaerwärmung etwa so hoch wie der des Kohlendioxids. "Das zeigt das Potential für den Klimaschutz", sagt Hansen, und könne vor allem für schnelle Resultate sorgen. Was angesichts "gefährlicher naher tipping points" unverzichtbar sei. "Die Senkung der Kohlendioxid-Emissionen sollte weiter Priorität bleiben. Sie kostet jedoch Zeit, die wir nicht haben", so Hansen: "Partikelfilter allein können das Klima zwar nicht retten, aber uns Zeit verschaffen".
SARAH MESSINA
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