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Der Platzhirsch kämpft mit der eigenen Größe

Eon, Europas größter Stromkonzern, ist gerade dabei "sich neu zu strukturieren", wie Konzernsprecher Christian Repper es freundlich formuliert. Eon tut es nicht freiwillig. Und auch nicht, ohne Schrammen abzubekommen:  "Niemand kann vorhersagen, wann die Talsohle durchschritten sein wird", erklärte Vorstandschef Wulf Bernotat auf der Bilanzpressekonferenz am Dienstag in Düsseldorf. Das  Gewinnziel für 2010 wurde deutlich gesenkt, und auch die Erwartungen für das laufende Jahr demonstrativ gedämpft: Bisher war für 2010 ein bereinigter Gewinn vor Steuern von 12,4 Milliarden Euro angekündigt - nun sollen es "nur noch" 11 Milliarden werden. 

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Ein Grund für die Schwierigkeiten ist der, den momentan alle anführen: Wegen der Konjunkturflaute rechne Eon mit einem geringeren Strom- und Gasabsatz. Der zweite Grund aber ist ungewöhnlich: Eon mache die Regulierung der Strom- und Gasnetze zu schaffen, sagt Bernotat. Und damit meint er die EU. 

Vor einem Jahr hatte die Brüsseler Komission gegen den Branchenprimus ein Kartellrechtsverfahren eröffnet: Eon habe eine marktbeherrschende Stellung, so EU-Wettbewerbs-Kommissarin Neelie Kroes. Die Vorwürfe sind gravierend: "Zurückhaltung von Kapazität, die Abschreckung Dritter, in die Stromerzeugung auf dem deutschen Stromgroßhandelsmarkt zu investieren, die Begünstigung verbundener Unternehmen auf dem deutschen Regelenergiemarkt und die Behinderung anderer Mitgliedsstaaten", heißt es in der Urteilsbegründung der EU, die wir-klimaretter.de vorliegt. Kurz: Weil Eon seine Marktmacht missbraucht hat, sei der Konzern zu zerschlagen.

Es folgten intensivste Verhandlungen zwischen Eon und der EU-Komission. Wie knapp es dabei für den Düsseldorfer Konzern gewesen ist, dürfte sich am Kampf um die Stromnetze gezeigt haben. Als der deutsche Wirtschaftsminister in Brüssel vorstellig wurde, um auf die Interessen der deutschen Stromwirtschaft zu pochen - "Keine Verstaatlichung der Netze" - just an diesem Tag hisste Eon die weiße Fahne und erklärte, ein Stromnetz an den Staat verkaufen zu wollen. Ein Affront gegen den damaligen Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU), der seit dieser Demütigung in Brüssel in Sachen Energiepolitik nichts mehr zu melden hatte. 

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Muss sein Netz verkaufen - Eon 

Nun steht das Ergebnis des Kartell-Verfahrens fest: Eon muss auf seinem Heimatmarkt schrumpfen. Milliardenschwere Anteile an Kohle-, Atom- und Wasserkraftwerken gehen über die Ladentheke. Rund 5.000 Megawatt seiner Kraftwerkskapazitäten in Deutschland muss Eon verkaufen, ein Fünftel aller Eon-Kraftwerke.

Konkurrent EnBW - viertgrößter Stromanbieter in Deutschland - übernimmt Eons Anteile am Braunkohlekraftwerk Lippendorf nahe Leipzig und dem Steinkohlekraftwerk Bexbach im Saarland. 750 MW sollen von Eon an den norwegischen Statkraft-Konzern gehen, 1.700 Megawatt an Electrabel, eine belgische Tochter des Branchenriesen GDF Suez. Zudem erhalten die Belgier 800 Megawatt Strombezugsrechte aus den Eon-Atomkraftwerken Unterweser, Krümmel, und Gundremmingen. Überspitzt heißt das: Besitzer Eon darf gerade mal noch die Reparaturen übernehmen, einen Gutteil der Gewinn streichen die Belgier ein. 

Allerdings zeigt Eon mit diesem Deal, wie sich der Branchenprimus aus der Umklammerung durch die EU befreien will: Statt zu verkaufen, tauschen die Deutschen im großen Stil Kraftwerke mit ausländischen Konzernen. Im Gegenzug nämlich erhielt Eon vom norwegischen Statkraft- Konzern die Mehrheit an Eon Schweden. Und in Belgien gelang den Düsseldorfern ein substanzieller Markt-Eintritt: Neben dem Steinkohlekraftwerk Langerlo mit 556 MW und dem Gaskraftwerk Vilvoorde mit 385 MW erhielt Eon fast genau so viele Strombezugsrechte aus den belgischen AKW Doel 1, Doel 2 und Tihange 1. 

Eon erreicht damit nach eigenen Angaben einen Marktanteil an der Stromproduktion in Belgien von 12 Prozent und wird dort auf Anhieb der drittgrößte Anbieter. Die Position wird sich noch verbessern, wenn der Konzern 2014 sein bereits geplantes Kohlekraftwerk in Antwerpen in Betrieb nimmt. 

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"Wir haben uns von profitablen Assets getrennt, weil wir sonst keinen Partner gefunden hätten", erklärt Konzernsprecher Repper. So seien auch rund 700 Megawatt Wasserkraftleistung veräußert worden. Damit, so hoffe Eon nun, sei das EU- Wettbewerbsverfahren nun beendet.

Angefangen haben damit allerdings ziemliche Verschiebungen auf dem Energiemarkt. RWE, Deutschlands zweitgrößter Energiekonzern, gab Mitte Januar die geplante Übernahme des niederländischen Energieversorger Essent bekannt. Der Vorstand hatte ein Barangebot über rund 9,3 Milliarden Euro für Essent vorgelegt, um sich den führenden niederländischen Energiekonzern einzuverleiben. Die Übernahme wäre der erste größere Zukauf unter der Regie des seit Oktober 2007 amtierenden Konzernchefs Jürgen Großmann. In den Niederlanden beliefert Essent und 2,5 Millionen Kunden mit Elektrizität und Gas - etwa 30 Prozent der niederländischen Haushalte (und hat übrigens eine erheblich bessere Klimabilanz als der deutsche Kohleriese RWE). 

Danach gab Vattenfall Europe, der drittgrößte deutsche Energiekonzern, seine Übernahmepläne des niederländischen Konkurrenten Nuon bekannt. Vattenfall macht 8,5 Milliarden Euro locker, um sich unliebsame Konkurrenz vom Leibe zu halten. Nuon hatte mit "lekker Strom" nach Branchenschätzungen allein in Hamburg und Berlin Vattenfall ungefähr 270.000 Kunden abgeluchst. Die 8,5 Milliarden sind nur eine kleine Anzahlung: 49 Prozent der Aktien wolle Vattenfall mit diesem "Barangebot" erwerben, die restlichen 51 Prozent sollen in den kommenden sechs Jahre übernommen werden. 

Nach den Pannen in den Vattenfall-Atomkraftwerken Krümmel und Brunsbüttel hatte der schwedische Mutterkonzern die komplette Führungsspitze in Deutschland ausgewechselt, der neue Chef Tuomo Hatakka hatte es als seine wichtigste Aufgabe bezeichnet, "das verlorene Vertrauen" - also die Kunden - zurückzugewinnen. Was ihm aber nicht gelang: Vermutlich deshalb kauft sich Hatakka nun den Konkurrenten. Insgesamt beliefert Nuon nach eigenen Angaben deutschlandweit rund drei Millionen Kunden. Seit 2006 auf dem deutschen Markt präsent, bietet das Unternehmen mittlerweile auch Gas.

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Selbstredend befindet sich auch Deutschlands viertgrößter Stromkonzern EnBW - die Energie Baden- Württemberg - weiter auf Einkaufstour. Zuletzt allerdings erfolglos: Gerade gab der tschechische Staatskonzern CEZ bekannt, den drittgrößten deutschen Braunkohle- Produzenten MIBRAG zu übernehmen. Kaufpreis: 400 Millionen Euro. 

Auch EnBW hatte sich um die MIBRAG bemüht: Sie fördert in zwei Tagebauen im Leipziger Raum jährlich knapp 20 Millionen Tonnen Braunkohle hauptsächlich für das Großkraftwerk Lippendorf, dessen Teile EnBW von Eon übernehmen will. Seit letztem Herbst hatten die beiden bisherigen Eigentümer, der US-Finanzinvestor URS und die britische NRG Energy, nach Interessenten gesucht. Gern möchte das MIBRAG-Managment ein eigenes, neues Braunkohle-Kraftwerk in Profen (Sachsen-Anhalt) bauen, um nicht nur an der Forderung von Braunkohle, sondern auch an ihrer "Veredelung" Geld zu verdienen - gemeint ist das verfeuern. Das Kraftwerk soll mit einer Leistung von bis 700 Megawatt rund eine Milliarde Euro kosten und 2012/2013 ans Netz gehen. Die MIBRAG will so ihr Betriebsergebnis zuletzt gut 50 Millionen Euro deutlich steigern.

Electrabel, bisher nur ein kleiner Player auf dem deutschen Markt, wird durch sein Tausch-Geschäft zu einem bedeutenden Wettbewerber. Im August hatten die Belgier schon für knapp 300 Millionen Euro 33 Prozent des Energiegeschäfts der Wuppertaler Stadtwerke gekauft. Zudem baut Electrabel in Wilhelmshaven ein neues Kohlekraftwerk, zwei weitere in Brunsbüttel und Stade befinden sich in Planung.

"Klimaschutz ist keine Goodwill-Angelegenheit mehr - sondern unternehmerische Weitsicht", sagt der Eon-Sprecher Christian Repper. Gilt das auch, für die beiden neuen Kohlekraftwerke, die Eon in Deutschland baut? "Definitiv", entgegnet Repper: "Wenn das Kraftwerk Datteln 4 fertig ist, nehmen wir die Kraftwerke Datteln 1 bis 3 vom Netz". Selbiges gelte für das Großkraftwerk Staudinger bei Hanau. Klimaschützer fürchten allerding, dass dies nicht passieren wird, weil es keine juristische Handhabe gibt, die Konzerne zur Stillegung von Altanlagen zu zwingen. Repper sagt dazu: "Wenn wir in Deutschland wieder mehr Kapazität ans Netz bringen, rückt uns sofort wieder die EU auf den Hals." Was er verschweigt (aber aus einer Aufstellung des BUND hervorgeht): Die drei alten Blöcke in Datteln kommen zusammen gerade einmal auf 319 Megawatt - der neue Block 4 ist mit 1.100 MW Leistung mehr als dreimal so groß. Selbst bei angekündigter Stilllegung zweier weiterer alter Kohlemeiler in Scholven und Herne steigt durch Datteln IV die Erzeugungskapazität - und der Kohlendioxid-Ausstoß. Mal sehen, was die EU dazu sagt. 

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Protest gegen den Staudinger im vergangenen September
  

In der heute vorgestellten Eon-Bilanz hinterlässt diese erzwungene Umstrukturierung hässliche Schrammen: Die ursprünglich zwischen 2009 und 2011 geplanten Investitionen würden um sechs Milliarden Euro gekürzt. Jährlich wolle der Konzern jetzt im Durchschnitt zehn Milliarden Euro unter anderem in den Ausbau von Kraftwerkskapazitäten im Ausland investieren. Bis 2010 wolle Eon zudem eigene Geschäfte im Umfang von mindestens zehn Milliarden Euro veräußern. Damit meint das Management den Verkauf seines deutschen Höchstspannungsnetzes. Denn das steht ja noch aus, um die EU-Vorgaben zu erfüllen. 

Die Gewinnprognose für 2010 wurde jedenfalls vorsorglich um gut ein Zehntel auf elf Milliarden gesenkt. 2009 werde der Ertrag auf dem Niveau von 2008 stagnieren. Das sind die Aktionäre aus den vorherigen Jahren nicht gewöhnt - an der Börse ging das Eon-Papier deshalb am Dienstag auf steile Talfahrt. 

NICK REIMER 

FOTOS: EON, REIMER 

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