Gabriel warnt vor Benachteiligung Deutschlands
Umweltminister-Konferenz der Europäischen Union: Bis zum späten Montagnachmittag standen in Brüssel neben einer Grundsatzentscheidung zur Gentechnik strengere Umweltauflagen für die Industrie und die europäische Haltung für den UN-Klimagipfel im Dezember in Kopenhagen auf der Agenda der Minister.
In Sachen Gentechnik war die Entscheidung der Umweltminister überraschend eindeutig: Österreich und Ungarn dürfen den Anbau von Genmais-Sorten MON 810 des US-amerikanischen Konzerns Monsanto und T25 des deutschen Bayer-Konzerns weiter untersagen. Die EU-Kommission hatte das Verbot in Frage gestellt. Die EU-Umweltminister stellten sich am Montag jedoch hinter die beiden Mitgliedsländer.
In Sachen Klimaschutz sind die Ergebnisse der EU-Umweltminister jedoch weniger klar. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) sprach sich dafür aus, über mögliche Finanzspritzen für Schwellen- und Entwicklungsländer erst in Kopenhagen zu entscheiden. Das überrascht: Gabriel hatte auf der UN-Konferenz in Poznan noch versucht, Milliardenzusagen seitens der EU bereits dort festzulegen - etwa für den Fonds zur Anpassung an den Klimawandel. Denn die Schwellen- und Entwicklungsländer wollen bei den Verhandlungen zu einem Post-Kyoto-Regime vor allem wissen: Was kommt für uns dabei raus? Schließlich ist das Problem der Treibhausgas-Konzentration zu 80 Prozent von den Industrienationen zu verantworten.
Nun also soll die EU solche Zusagen erst in Kopenhagen im Dezember geben. Der Hintergrund scheint klar: Milliardenzusagen könnten als Verhandlungsmasse eingesetzt werden, um - gerade in Zeiten der Finanzkrise - Ländern wie Brasilien, Argentinien oder Indonesien "Lust" auf ihre Unterschrift zu machen. Die EU-Kommission hatte einen Beitrag von hundert Milliarden Euro von den Industrieländern gefordert.
Sigmar Gabriel, hier auf der UN-Klimakonferenz auf Bali
Aber warum schlägt Gabriel so etwas vor? Sicher scheint, dass nicht er nach Kopenhagen zum Verhandeln reisen wird: Kaum vorstellbar, dass Sigmar Gabriel im Dezember noch deutscher Umweltminister ist. Erstens ist unklar, ob die SPD überhaupt wieder an der Regierung beteilgt sein wird. Zweitens ist klar, dass Gabriel andere (höhere) Ämter als das des Umweltministers anstrebt.
Gabriel müsste also so etwas nicht sagen: Im März und im Mai stehen zwei weitere UN-Vorbereitungskonferenzen an. Bei ersterer ist Gabriel Gastgeber und allein schon deshalb um Erfolg bemüht. Dass den Schwellen- und Entwicklungsländern nun nach Ansicht Gabriels nicht schon auf dem Weg nach Kopenhagen Zugeständnisse gemacht werden sollen, dürfte deren Verhandlungsbereitschaft in Deutschland nicht gerade erhöhen.
Gabriel warnte auf der Tagung der Umweltminister in Brüssel außerdem vor einer Benachteiligung Deutschlands. Die EU hat sich darauf verständigt, dass - sollten die Verhandlungen in Kopenhagen im Dezember erfolgreich sein - sich das Reduktionsziel der EU-Staaten von 20 Prozent bis 2020 auf 30 Prozent (gegenüber 1990) erhöht. Noch nicht verständigt hat sich die EU, wie diese 10 Prozent mehr Ersparnis innerhalb der Union verteilt werden soll.
Zwar gibt es einen einseitigen Beschluss Deutschlands: Steigen andere Staaten mit ins schnellere Klimaschutz-Boot, wird das eigene Reduktionsziel von jetzt 30 Prozent bis 2020 auf dann 40 Prozent (gegenüber 1990) erhöht. Aber das ist natürlich nur eine deutsche Bekundung.
Bei der EU gibt es andere Überlegungen: So soll die Reduktionsverpflichtung der einzelnen EU-Staaten sich an deren Pro-Kopf-Ausstoß von Kohlendioxid bemessen - hoher Pro Kopf-Ausstoß hohe Verpflichtung, niedriger Pro-Kopf-Ausstoß geringe Reduktionsvorgabe. Und die Deutschen sind Europameister: Nach Angaben des UN-Klimasekretariats kamen auf jeden Deutschen 2004 12,4 Tonnen, während der EU-Durchschnitt "nur" bei 8 Tonnen pro Kopf liegt.
Gabriel erklärte deshalb: "Deutschland ist durchaus bereit, einen größeren Beitrag zum Klimaschutz zu leisten als weniger wohlhabende Länder. Die Pro-Kopf-Emissionen sind für die Lastenverteilung unter den Industriestaaten aber kein angemessenes Bemessungskriterium." Und der Umweltminister musste einen Seitenhieb gen Frankreich (9,4 Tonnen pro Kopf) loswerden: "Die Bevorzugung der Kernenergie und die Benachteiligung Deutschlands, weil wir eben doch für die EU einen kräftigen Beitrag im Industriebereich leisten, die werden wir nicht akzeptieren", sagte Gabriel.
Im interinstitionellen Dossier 2008/0014, debattiert und beschlossen vom EU-Umweltministerrat am 20. Oktober 2008 heißt es dazu:
"Die Mitgliedstaaten, deren
Pro-Kopf-BIP derzeit relativ
niedrig ist und die deswegen ein hohes
BIP-Wachstum erwarten können, dürfen mehr
Treibhausgase emittieren als 2005. Ihre Emissionen
werden jedoch durch die Zielvorgaben eingeschränkt,
und sie müssen Maßnahmen treffen, um den Emissionsanstieg
zu begrenzen.
Die Mitgliedstaaten, die derzeit ein relativ hohes Pro-Kopf-BIP
erwirtschaften, müssen ihre Treibhausgasemissionen gegenüber
2005 verringern. "
So oder so, die Beschlüsse und Reduktionssziele sind zu wenig, kritisiert die Entwicklungsorganisation Oxfam. Um die globalen Emissionen zur Jahrhundertmitte mindestens um 80 Prozent zu senken, müssen sich EU und andere Industrienationen auf eine Emissionsminderung von mindestens 40 Prozent bis 2020 einigen.
Die Beschlüsse der EU-Umweltminister zum weltweiten Klimaschutz sind demnach "zu zaghaft": Die Minister hätten zwar erhebliche Klimaschutz-Anstrengungen der Entwicklungsländer eingefordert, jedoch "versäumt zu signalisieren, in welchem Umfang sie den Entwicklungsländern beim Klimaschutz und bei der Anpassung an den Klimawandel unterstützen wollen", so Jan Kowalzig, Klimareferent von Oxfam Deutschland. Notwendig wären insgesamt mindestens 110 Milliarden Euro Unterstützung für die armen Länder.
Sarah Messina/Nick Reimer
FOTOS: Campact, Reimer
Guter Journalismus kostet
Sie können die Texte auf klimaretter.info kostenlos lesen. Erstellt werden sie jedoch von bezahlten Redakteuren. Unterstützen Sie den Klimaretter-Förderverein
Klimawissen e. V. einmalig durch eine Spende oder dauerhaft mit einer Fördermitgliedschaft.
Spendenkonto
Die Schlagzeilen um 14 Uhr
In dieser Woche am meisten gelesen
Meinungen: Überraschung der Woche
Röttgens Täuschung, Altmaiers Fahrrad und Merkels Verantwortung Kalenderwoche 20: Fachlicher Kompetenz führt nicht dazu, ein politisches Amt zu begleiten. Aber das ist leider ein allgemeiner Trend, findet Michael Müller, SPD-Politiker und -Vordenker und Mit-Herausgeber von klimaretter.info: In der Politik kommt es heute mehr auf das Management von Macht an als auf eine programmatische Idee. [mehr...]
Meinungen: Etscheits Alltagsstress
Ich liebe es! Einmal den Uli Hoeneß machen, auf jedes Umweltgewissen pfeifen und beim Burgerbrater um die Ecke so richtig die Ökosau rauslassen - wäre das nicht irgendwie herrlich? Nun ja ... Lesen Sie selbst!
Von Georg Etscheit [mehr...]
Jahrestag
Das Fukushima-Dossier
11. März 2011: Die Welt wird mit Stärke 9 erschüttert, fast 20.000 Menschen sterben. Die Atomanlagen havarieren, ein politischer Tsunami folgt. Kanzlerin Merkel ändert binnen 7 Monaten ihre Politik komplett, die Welt diskutiert die Atomkraft. Zum Jahrestag präsentiert klimaretter.info jenes Dossier, das damals im Nachrichtendschungel Orientierung gab. [mehr]
Aktion des Monats Das Netzwerk Friends of the Earth hat eine Europäische Bürgerinitiative für den EU-weiten Atomausstieg gestartet. BUND-Hubert Weiger, einer der Initiatoren sagt, mit der Volksinitiative habe man "jetzt endlich eine greifbare Möglichkeit, den Weg in eine sichere und saubere Energiezukunft zu ebnen". Nutzen wir sie! [mehr] | Zu Ihrem Vorteil Sie lesen uns gerne und regelmäßig? Sie finden unser Angebot interessant, hilfreich und erhellend? Dann müssen Sie uns helfen! Unabhängiger Journalismus kostet Geld, und wenn RWE, Vattenfall, die CDU oder die Netzbetreiber nicht dafür zahlen, dann doch wohl Sie! Abonnieren Sie uns, für 3, 5 Euro oder 50 im Monat, für 100 Euro im Jahr - oder "Flattrn" Sie uns [mehr...] |
Klimaretter-Jobbörse
Die Pioniere der Energiewende
Ein Elektroingenieur für den Bereich Netzanschluss gesucht? Einen Sicherheitsexperten für die Windkraft? Eine Klimaberaterin für die Verbraucherzentrale in Mainz? Auf der klimaretter.info Jobbörse werden viele spannende Jobs zur Energiewende angeboten. [mehr]
Lexikon Was eigentlich ist TREC und was die COP? Wie berechnet sich der Heizwert und wie die Wärmestrahlung? Wie funktioniert Contracting, wie ein Smart Grid? Antworten auf diese und viele andere Fragen finden Sie in unserem Lexikon zum Stöbern - und Nachfragen [mehr] | Klimaretter-Beichtstuhl Na, doch wieder einmal schwach geworden? Doch wieder eine unnötige Strecke mit dem Auto gefahren? Doch wieder ins Flugzeug gestiegen? Fehler zu (be)kennen, ist der erste Schritt zur Besserung: Erzählen Sie einfach sich, was Sie bereuen. Und warum. Sie werden sehen: Das erleichtert! Nutzen Sie einfach unseren "klimaretter.info-Beichtstuhl". [mehr...] |
Vattenfall: Einfach schlecht vorbereitet
Es gibt Werbekampagnen, die so schlecht sind, dass man sich fragt, wie sie jemals zustande kommen konnten. Ist die Agentur zu blöd? Wollen die Chefs, die die Kampagne abnehmen, ihre Firma bewußt schädigen? Ist das Produkt so miserabel, dass es[…] [mehr...]Mehr vom Lügendetektor
Klimaretter-Dossiers
Die Gesetze der Energiewende - Eine Analyse
Atomkraft weltweit - Die Welt nach Fukushima
Der GAU von Tschernobyl - 25 Jahre später
Atomunfall in Japan - Das Unglück von Fukushima
E10 und das Politikversagen - Wie es jetzt weiter geht
Das Zwei-Grad-Ziel - Ist die Erderwärmung zu stoppen?
Anpassungsstrategie - Das Meer steigt
Fussball-WM 2010 - Afrika im Klimawandel
Ausgekohlt - Wie Kohlekraftwerke kippten
Nordrhein-Westfalen 2010 - Die Klima-Wahl
Bundestagswahl 2009 - Klima nur Nebensache
Merkels Klimabilanz - Bilanz der Meseberg-Beschlüsse
McPlanet-Kongress - Beginn einer neuen Bewegung
Beichtstuhl - Wen das Gewissen plagt
Kopenhagen ABC - Deshalb gibt es COPs und MOPs
Klimakonferenz-Specials
Durban Dezember 2011 - COP17 in Südafrika
Berlin Juli 2011 - Petersberger Dialog ohne Ergebnis
Bonn Juni 2011 - Kein Frühling auf der Frühjahrstagung
Bangkok April 2011 - Verwaltung statt Klimarettung
Cancún Dezember 2010 - Hoffnungszeichen in Mexiko
Tianjin Oktober 2010 - Letzte Konferenz vor Cancún
Bonn August 2010 - Die Sommerkonferenz
Bonn Juni 2010 - Noch mehr Stillbeschäftigung
Bonn April 2010 - Stillbeschäftigung in Bonn
Alternativgipfel April 2010 - Cochabamba
Dezember 2009 - Kopenhagen Countdown
Kopenhagen Dezember 2009 - COP15
Barcelona November 2009 - Noch viele Fragezeichen
Bangkok Oktober 2009 - Feinschliff am Text
Bonn Juni 2009 - Hoffnung auf ein Abkommen
Poznan Dezember 2008 - Der 14. Klimagipfel COP14
Bali Dezember 2007 - Der 13. Klimagipfel COP13








