Anti-Kohle-Marsch auf Washington

Ein Bündnis aus 50 US-amerikanischen Organisationen, die sich für saubere Energie einsetzen, ruft am Montag zum Anti-Kohle-Marsch auf Washington auf. Mit einer Massen-Demonstration zivilen Ungehorsams wollen Tausende das Kohle befeuerte Capitol-Kraftwerk des amerikanischen Kongresses besetzen - und im Sonntagsanzug ein Zeichen setzen für eine erstarkende Bewegung gegen Kohlekraft.
Das in der Nähe des Capitol-Gebäude betriebene Kraftwerk hat fast 100 Jahre auf dem Buckel und ist damit geradezu eine Antiquität. Teils mit Erdgas und teils mit Kohle befeuert, versorgt es die Regierungs-Gebäude der Weltmacht USA mit - historischer - Wärme. Elektrizität liefert es bereits seit 1952 nicht mehr, dazu ist es viel zu alt und ineffizient.
Das "Capitol Hill Power Plant" zählt zu den größten Kohlendioxid-Emittenden im Staat der US-Hauptstadt Washington. Und wird deshalb zum Ziel der Klimaschützer: "Das Kraftwerk ist nur eines von vielen. Unser Ziel ist deshalb auch nicht, die Anlage lahmzulegen", sagt Autor und Aktivist Bill McKibben. "Aber es ist ein guter symbolischer Startpunkt, um die Diskussion um Kohle anzufeuern".
Mehr als 2.500 Menschen aus allen Staaten der USA haben sich nach Angaben der Organisatoren bereits zur Teilnahme am Anti-Kohle-Marsch angekündigt. Ziel ist das Kraftwerk am Capitol Hill: "Wir rechnen damit festgenommen zu werden", so die Veranstalter im Aufruf zur Demo. Das allerdings mit Stil. Das Schickmachen in Sonntagsanzug und Sonntagskleid sei ausdrücklich erwünscht.
Organisiert wird der Protest über die Kampagnenseite, das Online-Netzwerk Facebook oder andere digitale Kanäle wie Twitter. Kommunikationswege, die auch US-Präsident Barrack Obama im Wahlkampf genutzt hat, um im großen Stil zu mobilisieren. "Wir wollen sicherstellen, dass unser neuer Präsident und der neue Kongress in diesem Jahr auf eine Politik setzen, die nicht nur für eine drastische Reduktion der Treibhausgas-Emissionen sorgt, sondern auch Millionen grüner Jobs schaffen wird", sagt Brianna Cayo Cotter aus dem Organisatorenteam gegenüber der Washington Post.
"Obama ist an der Macht und hat Berater in seinen Stab geholt, die auf wissenschaftliche Erkenntnisse setzen", sagt auch Mitveranstalter McKibben. In wenigen Wochen habe der neue US-Präsident in Sachen Klimaschutz mehr Steine ins Rollen gebracht, als alle Präsidenten der letzten 20 Jahre zusammengenommen. "Genau deswegen ist jetzt die Zeit, den Einsatz zu erhöhen und durch eine große Anti-Kohle-Demonstration Position zu beziehen", so McKibben: "Ein gravierender Wechsel kann nur stattfinden, wenn er auch öffentlich gefordert wird".
Die Demonstration einer starken und aktiven Anti-Kohle-Bewegung soll den Kongress nicht nur herausfordern, sondern auch Rückendeckung geben für wichtige Entscheidungen zur Bekämpfung des Klimawandels.
Einen ersten Schritt hat allein die Ankündigung des Massenprotests bereits ausgelöst: Parlamentspräsidentin Nancy Pelosi und demokratischer Mehrheitsführer Harry Reid forderten am Freitag in einem öffentlichen Brief, die Anlage am Capitol Hill bis Ende 2009 ganz auf Erdgas umzustellen und damit den Kohlendioxid-Ausstoß des Kraftwerks um etwa die Hälfte zu reduzieren. "Nur drei Tage vor der angekündigten Demonstration zeigt das: Der Kongress kann in Sachen Klimaschutz schnell handeln, wenn das öffentlich gefordert wird", sagt Greenpeace Campaigner Carroll Muffett.
Für die Organisatoren der Capitol Climate Action ist das nur ein kleiner Schritt auf den die wesentlichen noch folgen müssen. Die US-Regierung stehe vor einem kritischen Jahr, wenn sie ihrer neuen Rolle als führende Nation in Sachen Klima- und Energiepolitik gerecht werden will, so Muffett. Die Deadline ist mit den UN-Klimaverhandlungen im Dezember in Kopenhagen gesetzt. Ein Folgeabkommen für das Kyoto-Protkoll wird nur zustande kommen, wenn auch die USA und andere Großemittenden wie China unterzeichnen.
Die Zeit drängt, sagt auch James Hansen, Klimaforscher und Unterstützer des Protests: "Die Zahlen des IPCC sprechen Bände. Wenn wir jetzt nicht den Ausstieg aus der Kohle begründen, wird die Klimakrise bereits 2025 auch in Form einer Milliarden-Bedrohung für die US-Wirtschaft über uns hereinbrechen".
Tatsächlich segelt der Anti-Kohle-Protest mit frischem Wind: Das Repräsentantenhaus hatte in der vergangenen Woche die Zuschüsse der USA an den umstrittenen "Clean Technology Fund" der Weltbank gestrichen, aus dem auch "saubere" Kohlekraftwerke gefördert werden sollen.
"Wir können es uns nicht leisten, Veränderungen zu verschieben", sagt auch Rebecca Tarbotton vom Rainforest Action Network (RAN). "Den Slogan 'Yes we can' müssen wir deshalb wörtlich nehmen". Am Montag nehmen sich die Klimaschützer ein symbolisches Ziel in der Hauptstadt vor - und hoffen mit der Besetzung der Anlage am Capitol Hill auf den größten Anti-Kohle-Protests in der Geschichte Amerikas.
Sarah Messina
Fotos: Capitol Climate Action
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