Eine Welt ohne Autos
Dr. Winfried Wolf ist Verkehrsexperte, Politologe und saß von 1994 bis 2002 für die PDS im Deutschen Bundestag. Er kämpft seit Jahren in der Initiative „Bürgerbahn statt Börsenwahn“ gegen den Börsengang der Deutschen Bahn. Wolf ist zudem Chefredakteur des Wirtschaftsmagazins Lunapark 21, das sich mit den sozialen und ökologischen Folgen globalisierter Wirtschaft auseinandersetzt. Wir-Klimaretter-Redakteurin Susanne Götze traf Winfried Wolf auf dem Kongress für Solidarische Ökonomie in Wien.
Herr Wolf, was zieht Sie als Verkehrsexperte zum Kongress für
Solidarische Ökonomie und was haben Sie den Teilnehmern hier nahe
gebracht?
Winfried Wolf: Mich beschäftigen derzeit intensiv die
Krise der Weltwirtschaft und die Krise des Klimas. Mit der Umwelt- und
Klimakrise haben wir das erste Mal in der Geschichte des Kapitals außer
den Wert- und Überproduktions- sowie Unterkonsumptionskrise eben auch
eine Krise, die stofflich bedingt ist. Hier spielt die Endlichkeit der
Materie und die Klimaveränderung das erste Mal eine zentrale Rolle. Das
ist neu und hat es in den tausenden Jahren menschlicher Produktion noch
nie gegeben.
Wo sehen Sie Handlungsbedarf?
Bei aller Notwendigkeit von Konjunkturprogrammen muss man feststellen,
dass diese in die völlig falsche Richtung gehen. Das derzeitige
Konjunkturprogramm der Bundesregierung verhärtet die alten Strukturen.
Ich erinnere nur an die Subventionen für die Autobranche, die
Abwrackprämie, die Kfz-Steuer oder die Förderung des Straßenbaus. Ich
bin auch für Konjunkturprogramme aber für ökologisch nachhaltige. Es
muss dringend der CO2-Ausstoß minimiert werden. Sinnvolle Investitionen
müssten einen Beitrag dazu leisten, die Klimaerwärmung auszubremsen.
Ich glaube, dass derartige Konjunkturprogramme weit mehr Arbeitsplätze
schaffen würden – und das mit dem gleichen Geld. Es wird derzeit sehr
viel Geld ausgegeben, mit dem wenig geschaffen wird und zum Teil sogar
Arbeitsplätze zerstört werden. Man kann viel sinnvollere Jobs im
Bereich des öffentlichen Transports oder des sanften Tourismus
schaffen.
Die Konjunkturprogramme sind ja auch Erste Hilfe von Oben. Glauben Sie, dass demokratische Mitbestimmung etwas ändern würde?
Ich bin nicht für Mitbestimmung sondern für Bestimmung. Die Bevölkerung
muss selbst bestimmen können, wie sie leben will und wie sie den
Umwelt- und Klimaproblemen begegnen will. Inzwischen gibt es sehr viele
erfolgreiche Beispiele für direkte Demokratie. Ein Beispiel ist
Leipzig. Dort hat die Bevölkerung entschieden, dass die Stadt
öffentliches Eigentum nicht mehr verkaufen darf. Wir haben zudem in
Deutschland inzwischen Meinungsumfragen, die besagen, dass fast 80
Prozent der Deutschen eine Bahn in öffentlichem Eigentum wollen. Das
ist auch ein Erfolg der Bahnkampagne, die sich seit Jahren gegen den
Börsengang stark macht. Da kann man nur hoffen, dass das irgendwann
Schule macht und es einen wirklichen Ruck gibt.

Winfried Wolf als Referent in einem Workshop zur Auswirkungen der
Weltwirtschaftskrise auf den Transport auf dem Kongress für
Solidarische Ökonomie in Wien
Wie wirkt sich denn die derzeitige Weltwirtschaftskrise auf den Transportsektor aus?
Die Weltwirtschaftskrise und der Transport hängen eng zusammen. Der
Transport ist bei der Globalisierung das stoffliche Bindeglied. In den
letzten 30 Jahren haben die Kilometer, die Menschen mit Flugzeug oder
mit dem Auto zurücklegen dramatisch zugenommen. Dieses Wachstum war
höher als das Wachstum des BIP. Das heißt die Transportintensität stieg
enorm an. Deshalb nehmen auch die in einer Ware beinhalteten Kilometer
ständig zu, obwohl die Ware nicht besser oder schlechter wird. Aber
größer wird natürlich der ökologische Fußabdruck. Diese
Transportssteigerungen des Personenverkehrs hängen auch mit der
Subventionierung aller Verkehrsarten - vor allem des PKW, LKW und
Flugverkehrs - zusammen. Dadurch gibt es immer mehr strukturell
erzwungenen Verkehr. Durch den massiven Einbruch der wirtschaftlichen
Konjunktur entstehen im Transportsektor große Überkapazitäten. Das
führt zu einem Dumping der Transportpreise. Ein Container kostete vor
einem Jahr von China nach Hamburg 2000 Euro, jetzt kostet er 200 Euro –
das sagt alles. Zudem werden grade große Überkapazitäten erzeugt und
riesige Schiffe auf den Markt gebracht.
Ist die Krise nicht auch eine Chance neue, ökologischere Modelle - gerade in der Autoindustrie - zu entwickeln?
Das halte ich für unwahrscheinlich. Es kann eher sein, dass die
Konsumenten sagen, dass sie das nicht so weiter mitmachen. Momentan
verkaufen sich Spritfresser in den USA allerdings wieder besser, weil
der Ölpreis verrückt spielt. Bei den jetzigen Strukturen haben so
genannte Ökoautos keine Chance.
Sind Biokraftstoffe für Sie umweltpolitisch eine Alternative?
Nein. Der CO2-Ausstoß ist auch bei Biokraftstoffen – alles eingerechnet – nicht viel geringer. Zum Zweiten sind die Biokraftstoffe verbunden mit Regenwaldzerstörung
. Doch selbst wenn ein Auto mit Wasser fahren würde: Es bleibt doch das
Problem, dass ein Auto vier Mal mehr Flächenverbrauch hat, als ein
öffentliches Verkehrsmittel und dass es viele Tote und Verletzte gibt.
Zudem stimmt die Relation einfach nicht: Das Auto wird immer ein
Gefährt sein, mit dem man sich selber fährt. In der Zeit wo man selbst
fährt, kann man bedeutend schönere und wichtigere Dinge tun.
Lebensweltlich und umwelt- und klimapolitisch betrachtet, ist das Auto
völlig irrational.
Was wäre Ihre Alternative? Wie müsste der Transportsektor – weg vom Individualverkehr - umgestellt werden?
Nehmen wir das Beispiel Venedig: das ist eine Stadt, die keine Autos
hat. Auch auf den Wasserstrassen fahren keine individuellen Motorboote.
Die Leute verkehren zu Fuß oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Wenn
Sie das mit einer deutschen Stadt wie Heidelberg vergleichen, muss man
sich fragen: Warum geht das nicht hier? Heidelberg ist weitgehend
eine Autostadt. Sind die Leute in Venedig deshalb unglücklicher weil
sie keine Autos haben? Nein. Das ist eine wunderbare Stadt ohne Lärm
und mit einer wunderbar erhaltenen Altstadt. Die Venezianer sind
unglücklich, weil es Überschwemmungen gibt. Die gibt es aber nur weil
die Umwelt verschmutzt wurde. Man muss also überlegen: Wie kann man
Städte heute zurückbauen und die Strukturen der Nähe wieder aufbauen.
Das hat also nichts mit Verzicht, sondern mit einem Zugewinn an Lebensqualität zu tun?
Davon bin ich überzeugt. Die Mehrheit der Menschheit hat sowieso kein
Auto. Nur 20 Prozent der Menschen haben überhaupt ein Auto. In China
kommt noch einiges auf uns zu: Derzeit haben sie 18 Millionen Autos auf
1,2 Milliarden Chinesen. Ich glaube, wenn man den Menschen
erklärt, was ein Auto eigentlich kostet und ihnen die Folgen des
Verkehrs nahe bringt, dann kommen die Meisten zu dem Schluss, dass es
sich dafür nicht lohnt. Schon allein das Risiko andere Menschen oder
sich selbst in den Tod zu reißen, ist einfach zu hoch. Eine Stadt ohne
Autos würde weniger kosten und die Lebensqualität ihrer Bewohner
erheblich steigern.
Fotos: Susanne Götze
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