Das Ende der Kohlekraft-Nation
Aus Berlin Nick Reimer
47 Prozent sind fast die Hälfte. Fast die Hälfte des deutschen Strombedarfs wird 2020 regenerativ erzeugt: 47 Prozent. Das geht aus der neuen Ausbauprognose „Stromversorgung 2020“ hervor, die der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) und die Agentur für Erneuerbare Energien heute in Berlin vorgelegt haben. Die Bundesregierung geht bislang davon aus, dass im Jahr 2020 lediglich 30 Prozent des Strombedarfes erneuerbar gedeckt werden.
„Energie aus Wind, Biomasse, Wasser, Sonne und Geothermie wird 2020 das prägende Element unserer Stromversorgung sein. Herkömmliche Kraftwerke ergänzen dieses Angebot nur noch bei Bedarf“, kommentierte Dietmar Schütz, Präsident des BEE, die Ergebnisse der Prognose. Sowohl die aus Erneuerbaren Energien produzierte Strommenge als auch die installierte Leistung zugehöriger Anlagen werde sich bis 2020 gegenüber heute etwa verdreifachen. Schütz: "Damit stellen wir die Stromversorgung vom Kopf auf die Füße."
Grundlage der Prognose ist die Analyse der bisherigen Entwicklung einerseits. Andererseits legten die Autoren Zukunftsannahmen zu Grunde, die etwa den Ausbau der Erneuerbaren Energien, den Stromverbrauch, die Entwicklung des konventionellen Kraftwerksparks abbilden, sowie die Entwicklung der Netzinfrastruktur. Letztere nämlich erscheint als größte Unbekannte: Derzeit ist nicht einmal klar, wer künftig Herr über die Netze ist.
Branchenkenner halten das Ausbaus-Szenario dennoch für realistisch - zumal die Branche bislang stets Ergebnisse vorzuweisen hatte, die über den eigenen Szenarien lagen. Damit ein Betrag von 47 Prozent Strom aus Wind, Sonne, Wasser und Biomasse im Jahr 2020 Realität wird, müsse jedoch "sofort mit einer grundlegenden Umstellung des hergebrachten Stromsystems begonnen werden", erklärt etwa Experte Rainer Baake. Der ehemalige Staatssekretär im Umweltministerium und heutige Chef der Deutschen Umwelthilfe fordert: "Die Kehrseite dieser sich beschleunigenden Zukunftsaussichten ist, dass mit dem Umbau des traditionellen Energiesystems nicht länger gewartet werden kann". Wer heute für die Laufzeitverlängerung alternder Atomkraftwerke oder für den Neubau von Kohlekraftwerken streite, "verbarrikadiert zwangsläufig den Weg in ein modernes Energiesystem", erklärte Baake. Stattdessen müsse in großem Stil in Stromnetze und -speicher investiert werden. Diese Konsequenz sei bisher viel zu wenigen Entscheidungsträgern in Politik und Energiewirtschaft bewusst.

RWE-Baustelle Neurath: RWE baut hier eines der größten Braunkohlekraftwerke der Welt.
FOTO: Hery Fair
Peter Ahmels, bis 2007 langjähriger Präsident des Bundesverbands Windenergie, erinnert daran, dass Branchenvorhersagen im Bereich Erneuerbare Energien in der Vergangenheit regelmäßig von der realen Entwicklung bestätigt und teilweise sogar überholt worden seien. Ahmels: "Ich halte die Prognose meiner früheren Kollegen für absolut realistisch, solange die Politik nicht dem Lobbydruck der Traditionswirtschaft nachgibt und durch Verschlechterung der rechtlichen Rahmenbedingungen auf die Bremse tritt."
Damit weist Ahmel auf den Knackpunkt der Branchenvorhersage hin: Der Prognose ist zu Grunde gelegt, dass es nicht nur einen massiven Rückgang der Stromproduktion aus Kohle und Atomkraft geben wird, sondern auch eine Reduktion um 12 Prozent bei Erdgas.
Warum aber sollte dies eintreten? Deutschland ist Kohle-Nation, nach den Plänen der "Großen Vier" soll der Atomausstieg dazu führen, dass mehr Kohle verfeuert wird. EnBW will den Braunkohleförderer Mibrag übernehmen, Vattenfall mindestens vier neue Tagebaue aufschließen, um auch nach 2020 noch Braunkohle zu Strom zu verfeuern. Mindestens 20 neue Kohlekraftwerke sind in Deutschland in Planung, im Genehmigungsverfahren oder im Bau. Und die großen Vier setzen damit jährlich zweistellige Milliardenbeträge um und verdienen Milliarden.

Abraumbrücke im Tagebau bei Boxberg: Der soll genauso ausgebaut werden, wie das Kraftwerk im Hintergrund. FOTO: REIMER
Wingas, Eongas, Gasprom - dazu kommt nun auch noch die Gasmacht: Die neue Ostseepipeline kostet mindestens 7 Milliarden Euro. Gerade am Mittwoch bewilligte die EU 3,5 Milliarden Euro Beihilfen für Gasleitungen - die von RWE mit vorangetriebene Alternativtrasse Nabucco im Visier. Warum sollten die Konzerne also freiwillig auf weniger Strom aus Gas und Kohle setzen - und so ihre eigene Marktmacht freiwillig hergeben?
Der Gesetzgeber räumt dem erneuerbaren Strom einen Vorrang ein, wenn es darum geht, ins Netz eingespeißt zu werden. Die Netze aber gehören derzeit den "Großen Vier": Eon, Vattenfall, EnBW und RWE. Und mit einer "das Netz ist voll" - Politik gelang es in der Vergangenheit immer wieder, den Ausbau der Erneuerbaren zu bremsen. Der Bürgerwindpark Butendiek, seinerzeit das am weitesten fortgeschrittene Offshore-Windparkprojekt in der Nordsee, scheiterte etwa, weil Eon kein Kabel auf See legte. Und wenn in Schleswig-Hollstein der Wind ordentlich bläst, müssen Windräder stillgelegt werden, während Eons Kohlekraftwerke weiter laufen. Motto: "Das Netz ist voll".
Alledings passiert hier etwas: Die Politik hat die "Großen Vier" dazu verdonnert, die Netze abzugeben. Unklar ist bislang, wer sie übernehmen soll - zu welchen Konditionen und mit welchen Pflichten. Vordenker in der SPD - etwa Energiepolitiker Hermann Scheer - fordern prompt eine Verstaatlichung, eben weil der Staat so die Zukunft seines Energiemixes bestimmen könnte.
„Die Stromversorgung im Jahr 2020 ist dank des Ausbaus der Erneuerbaren Energien sicher, klimaschonend und bezahlbar“, zitiert BEE-Präsident Dietmar Schütz aus den Eckdaten der Branchenprognose. 2008 habe die Erneuerbaren Energien allein im Strombereich fast 87 Millionen Tonnen Kohlendioxid vermieden. Dieser Betrag steige bis 2020 auf über 200 Milionen Tonnen pro Jahr.
Analog sinkt der Bedarf an fossilen Brennstoffen und mit ihm die hohen Kosten für Importe sowie externe Kosten für Klima- und Umweltschäden. Schütz: "Die daraus folgenden Einsparungen in Milliardenhöhe übertreffen die Ausgaben für den Ausbau der Erneuerbaren Energien bei weitem." Für die Politik, für Deutschland wird der Ausbau der Erneuerbaren so zum Nullsummenpiel.
Hinzu komme der positive Effekt auf dem Arbeitsmarkt. So werde sich die Zahl der Arbeitsplätze im Bereich der Erneuerbaren Energien von heute 250.000 auf mindestens 500.000 im Jahr 2020 verdoppeln, so Schütz. Was er allerdings nicht sagt: Gleichzeitig verschwinden ja tausende Jobs im fossilen Stromerzeugungs-Bereich.
Allerdings ergibt sich der prognostizierte Arbeitsplatz-Boom nur, wenn die Politik den Lobbyisten der "Großen Vier" und der Gaslobby standhält. Da trifft es sich gut, dass Angela Merkel heute Abend auf dem Neujahrsempfang des "Bundesverbandes Erneuerbare Energie" in Berlin sprechen wird. Und bei der Gelegenheit werden die Spitzen der Branche ihre Ausbauprognose an die Bundeskanzlerin überreichen.
Was wohl ihr Vorgänger Gerhard Schröder dazu sagen würde? Der ist heute Gazpromlobbyist.
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