3.000 oder 6.000
Die Demonstranten, die an diesem Wochenende gegen Kohlekraftwerke auf die Straße gingen, haben die Zeichen der Zeit begriffen: Klimaschutz und neue Kohlekraftwerke, beides geht nicht gleichzeitig. Kohlekraftwerke, die heute gebaut werden, laufen 40 Jahre lang - und zementieren damit eine Energieversorgung aus dem letzten Jahrhundert. Gut 3.000 Menschen demonstrierten am Kraftwerk Staudinger in Hanau gegen Eons Ausbaupläne, knapp 1.000 Menschen kamen nach Jänschwalde, Europas drittgrößter Kohlendioxid-Dreckschleuder.
Die Veranstalter sprachen aber von über 6.000 Demonstranten, der "größten Anti-Kohle-Demo aller Zeiten". Man könnte meinen: Randnotiz, diese Übertreibung gehört seit eh und je zum Geschäft des Veranstalters. Die Klima-Allianz tut sich damit aber keinen Gefallen. Wer einerseits Eon und Co der Lüge, geschönter Berechnungen, schlimmster Mogelei zur Durchsetzung ihrer Profit-Interessen überführt, sollte nicht selbst an der Zahlenschraube drehen - nicht einmal ein bisschen. Denn Wahrhaftigkeit ist die wichtigste Grundlage des Klimaprotestes: Wer die Welt erretten will, muss ehrlich sein. Die Klima-Allianz, ein Zusammenschluss von einhundert Einzel-Verbänden hat sich selbst unnötig unter Druck gesetzt: Wer im Vorfeld erklärt, dass weniger als 6.000 Teilnehmer eine Enttäuschung sind, dem bleibt dann eben nichts anderes, als hochzurechnen.
Dabei machte es letztlich für die Bewertung der Demonstrationen am Wochenende keinen Unterschied, ob 4.000 oder 6.000 Demonstranten kamen. Angesichts der Tragweite des Problems sind das in jedem Fall zu wenige. Wenn einhundert Organisationen mit teilweise mehreren tausend Mitgliedern wochenlang mobilisieren, hilft auch das Wetter als Begründung für den zähen Zulauf nichts.
Daraus gilt es Lehren zu ziehen: Augenscheinlich mangelt es dem hochbrisanten Zukunftsthema an der Mobilisierungskraft. Daran muss die Klima-Allianz arbeiten: Menschen lassen sich nur für Dinge anspitzen, die sie bewegen. Dass die Kohle Beine macht, haben die Demonstranten am Wochenende eindrucksvoll bewiesen. Jetzt muss es darum gehen, daraus eine Bewegung zu machen, mit demnächst 10.000 Demonstranten.
Nick Reimer ist Chefredakteur wir-klimaretter.de
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