Zu viel Wasser und zu wenig Land
In der Diskussion um den Klimawandel drohen die pazifischen Inselstaaten unterzugehen – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Der steigende Meeresspiegel und die Versalzung des Grundwassers gefährden die Existenz der Inseln und Atolle, die mitunter nur wenige Meter über dem Meeresspiegel liegen. Die westliche Welt hat allerdings eher paradiesisch anmutende Bilder aus Hochglanzbroschüren vor Augen, wenn sie an Tonga, Samoa oder Fidji denkt. Jährlich verbringen mehr als 300.000 Touristen ihre Ferien auf den Pazifikinseln. Dass ihre Urlaubswelt aufgrund der Treibhausgasemissionen der Industrienationen - und nicht zuletzt auch durch den Weg ins Paradies per Klimakiller Flugzeug - im Versinken begriffen ist, vermag das Postkartenidyll kaum zu durchdringen.
"Wir können nicht sitzen bleiben und warten, bis eine große Welle unser Land heimsucht. Wir müssen jetzt über den Klimawandel reden, weil viele Fragen beantwortet werden müssen", sagt der Tonganer Fe'iloakitau Kaho (Fei) Tevi. Der 38-jährige besuchte eine Schule in der Schweiz und studierte in den USA und Frankreich. Er hat mehrere Abschlüsse in Politik- und Wirtschaftswissenschaften und spricht sieben Sprachen. Als Generalsekretär des Pazifischen Kirchenrates mit Sitz in Fidji weiß Tevi um die Dringlichkeit des Problems: "Klimawandel ist im Südpazifik keine Theorie: Die Veränderungen finden hier bereits statt und verändern unser Leben".
Zu viel Wasser und zu wenig Land, um darauf zu stehen
Zu Fidji gehören 332 Inseln und Atolle, davon sind 110 bewohnt. Die Inselgruppe im Südpazifik kann sich kein Zögern in Sachen Klimaschutz leisten. In den letzten 100 Jahren ist der Meeresspiegel bereits um 17 Zentimeter gestiegen – laut aktuellem Bericht des Weltklimarats (IPCC) wird bis Ende des Jahrhunderts ein weiterer Anstieg um etwa 60 Zentimeter erwartet. Zentimeter, die aus der Ferne nicht besonders bedrohlich erscheinen mögen, aber für die Menschen in Fidji weit reichende Konsequenzen haben: 90 Prozent der Ortschaften liegen direkt am Meer, mehr als die Hälfte der rund 850.000 Bewohner Fidjis lebt in einer etwa 60 Kilometer breiten Küstenzone.
Bis zum Ende des Jahrhunderts, so die Prognose des IPCC, werden die Temperaturen in Fidji um mindestens 2,5 Grad ansteigen. Trockenzeiten werden länger, zunehmende Starkregenfälle und immer heftiger werdende Stürme verursachen Überschwemmungen und Erosionen, die den Inselbewohnern nicht nur den Boden unter den Füßen nehmen, sondern auch zum Versanden der Fischgründe führen. Die Veränderungen beeinflussen neben der Fischerei auch andere wichtige Lebensgrundlagen der Pazifikinseln: den Tourismus und die Landwirtschaft. Vor allem aber gehen den Menschen umgeben von den gewaltigen Wassermengen des Pazifiks die Trinkwasserreserven aus – denn der Klimawandel sorgt für eine Versalzung des Grundwassers.

Ein Paradies versinkt: Viele Inseln und Atolle liegen nur wenige Meter über dem Meeresspiegel
"Der Klimawandel ist auch für die Kirche ein wichtiges Thema. Wir können nicht einfach untätig bleiben und zusehen, wir unsere Welt versinkt", so Tevi. Der Pazifische Kirchenrat setzt sich deshalb in ökumenischen Bündnissen, auf internationalen Begegnungen und Konferenzen für mehr Klimaschutz ein. Mit einem "grünen Kirchenkonzept" versucht der Rat außerdem das Bewusstsein für die Umwelt- und Klimaproblematik in die Gemeinden zu bringen und fördert lokale Klimaschutz-Projekte.
Wegen neuer Kohlekraftwerke verlieren Menschen ihre Heimat
"Es gibt viele Ansätze, um etwas zu tun und langsam realisieren die Menschen die Veränderung. Der Schutz der Mangroven und Korallenriffs zum Beispiel ist wichtig, um die Intensität der hereinbrechenden Wellen abzuschwächen. Wir bauen heute auch unsere Häuser anders, damit sie Überschwemmungen und Sturmfluten besser überstehen können", berichtet Tevi von den Bemühungen eines Staates, der 1,2 Tonnen Kohlendioxid pro Kopf und Jahr verbraucht – etwa ein Zehntel der entsprechenden Emissionen Deutschlands. Die Hälfte der verbrauchten Elektrizität bezieht der Archipel bereits aus erneuerbaren Energien – bis 2020 sollen Wasser- und Windkraft einen Anteil von 75 Prozent erreichen.
"Die Opfer des Klimawandels sind wir in den Pazifikstaaten. Seit den frühen 90er Jahren versuchen wir darauf aufmerksam zu machen, dass unsere Lebenswelt bedroht ist", sagt Tevi. Zahlreiche Einwohner der Inseln Vanuatu, Tuvalu, Kantaret und Kiribati mussten bereits ins Landesinnere umsiedeln. Unbewohnte Inseln Kiribatis wurden vollkommen vom Meer verschluckt. "Es wird immer mehr Umweltflüchtlinge geben, wenn jetzt nicht etwas passiert. Im Kirchenrat liegt unserer Priorität darauf, den Menschen Migrationsmöglichkeiten zu schaffen. Wir rechnen damit, dass in den nächsten 15 bis 20 Jahren große Bevölkerungsteile umsiedeln müssen. Die paradiesische Südseewelt, die ihr aus den Reiseprospekten kennt, ist im Verschwinden begriffen".
Fotos: EED, Brot für die Welt
Weitere Informationen zu den Demonstrationen der Klima-Allianz am 13. September finden Sie hier
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