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Vattenfalls Plan zur Rettung der Welt

Glaubt man Vattenfall, beginnt heute in der Lausitz die Rettung der Welt. Der Energiekonzern wird in Schwarze Pumpe das erste CCS-Kraftwerk der Welt ans Netz schalten. CCS steht für Abscheidung (capture) und unterirdischer Speicherung (storage) von Kohlendioxid (carbon). Umweltschützer kritisieren die Technologie als Feigenblatt der Kohleindustrie.

Aus Ketzin und Schwarze Pumpe Nick Reimer

Die Rettung der Welt heißt CCS: In Schwarze Pumpe nahe Cottbus wird Deutschlands drittgrößter Energiekonzern das weltweit erste Kraftwerk ans Netz schalten, dass zwar Kohle verbrennt, aber kein Kohlendioxid mehr ausstößt. "Carbon capture and storage" - kurz CCS - nennt sich die neue Technologie, bei der das Klimagift aus den Kraftwerksabgasen abgeschieden wird, um es danach zu verflüssigen und unterirdisch lagern zu können.

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Das Vattenfall-Pilotkraftwerk. Foto: Vattenfall

Die Erwartungen an diese Technologie sind riesig: Vattenfall verspricht sich davon nichts Geringeres als die Rettung der Menschheit. "Die Welt hat ein Klimaproblem, und als Braunkohleverstromer ist Vattenfall ein Teil des Problems." Diese Aussage stammt nicht etwa von Greenpeace, sondern von Vattenfalls Chef Tuomo Hatakka: Der Konzern müsse für den Klimaschutz seinen Kohlendioxidausstoß bis 2030 halbieren. Hatakka: "Das geht nur durch CCS."

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Technisches Schema der Anlage. Darstellung: Vattenfall

Tatsächlich ist ein spannender Wettlauf um die Technologie entbrannt. Vattenfall will "Weltmarktführer" werden und hat bereits 1 Milliarde Euro für die nächste Ausbaustufe bereitgestellt: Ab 2014 soll in Jänschwalde ein 500-Megawatt-Kraftwerk mit dem sogenannten Oxyfuel-Verfahren gebaut werden. Beim "oxyfuel-Verfahren" von Vattenfall wird Kohle in reinem Sauerstoff verbrannt, weshalb deutlich weniger Abgas aus Kohlendioxid und Wasser besteht. Der Wasserdampf wird auskondensiert, übrig bleibt ein bis zu 90 Prozent konzentriertes Kohlendioxid-Gas, das unter Druck verflüssigt wird.

Konkurrent RWE hat gerade bekannt gegeben, in Hürth bei Köln ein 450 Megawatt-CCS-Kraftwerk bis 2014 bauen zu wollen - allerdings mit einer anderen Technologie. Beim Pre-Combustion-Verfahren von RWE wird Kohle vor der Verbrennung in einem Vergaser zu Kohlenmonoxid und Wasserstoff umgewandelt. Energieträger ist dann Wasserstoff, das Kohlenmonoxid wird mit Wasserdampf zu Kohlendioxidgewandelt.

Und auch Eon erprobt ein Verfahren, das so genannte Post-Combustion-Verfahren, mit dem bestehende Anlagen nachgerüstet werden sollen. CO2 wird hier aus den Rauchgasen chemisch gewaschen, was allerdings aufwendig und damit teuer ist.

Hinter dem Wettlauf lockt ein gigantischer Markt: Um den rasant wachsenden Energiebedarf zu decken, geht etwa in China jeden sechsten Tag ein neues Kohlekraftwerk ans Netz. Und angesichts des politischen Drucks zu mehr Klimaschutz werden die Energiekonzerne eines Tages nur noch Kraftwerke genehmigt bekommen, die das Kohlendioxid aus den Abgasen abtrennen.

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Kohlendioxid-Warnmelder auf dem Testgelände in Ketzin. FOTO: REIMER 

Allerdings ist mit der Abscheidung des Klimagiftes nur der eine Teil der Übung absolviert. Der andere, die unterirdische Lagerung, wird derzeit in Ketzin bei Potsdam untersucht. Ein Team um Frank Schilling, Professor am Geoforschungszentrum Potsdam, erforscht mit 20 Millionen Euro im Projekt "CO2Sink", wie sich Kohlendioxid im Endlager verhält. "Die Leute werden die unterirdische Lagerung nur akzeptieren, wenn wir nachweisen, dass davon keine Gefahren ausgehen", sagt Schilling.

In Ketzin hat sein Team einen "salinen Aquifer" angebohrt, eine 650 Meter tiefe, poröse Sandsteinformation, in die die Forscher 60.000 Tonnen Kohlendioxid pumpen. Und obwohl die Versuche in Ketzin längst nicht abgeschlossen sind, legt sich Schilling bereits fest: "Aus wissenschaftlicher Sicht spricht nichts gegen eine unterirdische Lagerung - hier in Ketzin."

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Allerdings beginnt damit ein Teil des Problems: Schillings Team arbeitet mit lebensmittelreinem Kohlendioxid, die CCS-Kraftwerke produzieren dagegen ein nur 80- bis 90-prozentiges. Wie aber reagieren die 10 bis 20 Prozent Verunreinigungen im Boden? Verwandeln sie das Trägergestein? "Die Reinheit muss zum Reservoir passen", sagt Schillig. "Jede einzelne Lagerstätte muss untersucht werden."

Zu erforschen sei, ob die unterirdischen Lager nicht irgendwo mit der Außenwelt Verbindung hätten, "denn das haben sie normalerweise, wenn auch manchmal erst hunderte Kilometer weit weg", so Schilling. Zu erforschen sei, wie man eigentlich Kontrolle über das eingelagerte Kohlendioxid behält. "In Ketzin erproben wir dafür gerade den Werkzeugkasten", so der Professor. Wichtig zu wissen ist, wohin sich eigentlich das Salzwasser ausbreitet, das derzeit im Reservoir lagert - denn das eingepresste Kohlendioxid wird dieses Salzwasser verdrängen. Und natürlich sind Erkenntnisse des Deckengebirges wichtig. Schilling: "Darf das in 100 Jahren ein Prozent des eingelagerten Kohlendioxides freigeben oder erst in 1.000 Jahren?" Zum Vergleich: Der Plastik-Verschluss einer Mineralwasserfasche hält das eingelagerte Kohlendioxid nur wenige Jahrzehnte.

Von ganz zentraler Bedeutung sei aber das Wissen, wie man die Bohrlöcher verschließt. Bislang macht man das mit einem Spezialbeton. In Ketzin, wo es zu DDR-Zeiten aber schon einen Stadtgasspeicher gab, ging dies schief. Stadtgas entwich und verpestete die Umwelt: Einige Kühe sollen gestorben sein, der Ort war zeitweise evakuiert. "Aus solchen Ereignissen lernt man natürlich", beruhigt Schilling, der beruhigen will: Kohlendioxid sei schließlich ein natürliches Gas, was allerdings in hoher Konzentration den Erstickungstod zur Folge haben kann.

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Das Bohrkernlager von Ketzin

Vattenfall will sein CCS-Abgas in der Altmark in ausgegasten Erdgaslagerstätten verpressen, RWE eine Rohrleitung nach Schleswig-Holstein bauen. Noch in diesem Jahr will die EU eine CCS-Richtlinie veröffentlichen, die dann etwa Grundlage für die Genehmigungsverfahren potenzieller Endlager werden soll. Experten schätzen, dass es in Deutschland Endlagerkapazitäten für etwa 30 Milliarden Tonnen Kohlendioxid gibt, Platz für 100 Jahre Kohlendioxid aus den deutschen Kraftwerken. Klimaschützer halten diese Angaben für viel zu optimistisch.

Zweites Problem: CCS vermindert den Wirkungsgrad von Kohlekraftwerken. Greenpeace spricht von 10 bis 40 Prozent; Schilling geht von 8 bis 12 Prozent aus: "Das bedeutet: Um die gleiche Menge Strom am Ende herauszubekommen, müssen CCS-Kraftwerke 20 Prozent mehr Kohle verfeuern." Was sich auf die Wirtschaftlichkeit auswirkt: CCS-Strom ist teurer, weshalb Kritiker der Technologie glauben, dass sie sich nie durchsetzen wird.

Zudem: Nicht einmal Vattenfall glaubt, dass sein Verfahren vor 2020 großtechnisch einsatzbereit ist. Derzeit werden aber in Deutschland 25 neue Kohlekraftwerke gebaut oder geplant, die nicht nachrüstbar sein werden. Deshalb kritisieren Klimaschützer: Wäre der Konzern von seiner Idee überzeugt, würde er noch zehn Jahre mit dem Bau neuer Kohlekraftwerke warten. Sie demonstrieren heute in Schwarze Pumpe - gegen das "Feigenblatt CCS".

ccs4-nickFOTO: Wissenschaftler bereiten an einem Bohrloch in Ketzin den nächsten Versuch zur Lagerung vor

Die von Vattenfall entwickelte Technologie kommt nach Ansicht des Umweltverbandes BUND zu spät und ist zu teuer. "Diese Technologie kann erst in der für 2015 geplanten Demonstrationsanlage im Kraftwerk Jänschwalde eingesetzt werden", sagte Axel Kruschat, Brandenburger Geschäftsführer des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland.

Nach den Aussagen von Vattenfall kostet derzeit die Produktion von 1 Megawattstunde etwa 25 Euro. An der Strombörse wird die Energie im Schnitt für 55 Euro verkauft. Dies entspricht einem Gewinn von 30 Euro pro verkaufter Megawattstunde. Würde nun der ab 2013 anfallende Zertifikationspreis (derzeit etwa 25 Euro) pro emittierter Tonne Kohlendioxid hinzugerechnet, liegt der Gewinn nahe Null - CCS werde niemals funktionieren können.

Deshalb werden Klimaschützer heute auch vor den Kraftwerkstoren demonstrieren. Regine Güntehr vom WWF: "Wir brauchen in Deutschland ein Kohlekraftwerksmoratorium. So lange nicht klar ist, ob die Technologie funktioniert, so lange darf kein neues Kohlekraftwerk gebaut werden".

 Nick Reimer

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Na denn: Kohlendioxid Marsch in die Erde! 

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